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31.10.2002 | Von:
Detlef Pollack

Religion und Politik in den postkommunistischen Staaten Ostmittel- und Osteuropas

VI. Erklärungsversuch

Betrachten wir den Zusammenhang zwischen dem Human Development Index und der Kirchgangshäufigkeit, so zeigt sich für Europa insgesamt keine Korrelation (vgl. Tab. 3). Differenzieren wir aber zwischen Ost- und Westeuropa, so lassen sich in Westeuropa klare Effekte ausfindig machen, während die Verhältnisse in Osteuropa unübersichtlich bleiben. Zumindest für Westeuropa können wir also festhalten, dass in dem Maße, in dem die wirtschaftliche Prosperität steigt, die Kirchenbindung - hier gemessen am Kirchgang - abnimmt. In Osteuropa lässt sich ein negativer Zusammenhang zwischen Gottesglaube und Modernisierung nachweisen, jedoch besteht kein Zusammenhang zwischen Kirchgang und Modernisierung. Möglicherweise sind die Prozesse der nachholenden Modernisierung in Osteuropa noch nicht so weit vorangeschritten, dass sich bereits klare Muster herausgebildet haben. Offenbar wirken in Osteuropa andere Faktoren als Modernisierungsprozesse stärker auf das religiöse Feld ein.

Unübersehbar sind die Zusammenhänge zwischen Konfessionalität und religiöser Vitalität (vgl. Tab. 3). Katholiken besitzen, wie erwartet, eine stärkere Bindung an Kirche und religiöse Glaubensinhalte als Protestanten oder auch Orthodoxe. Bei den Protestanten in Westeuropa ist der Zusammenhang zwischen Konfessionszugehörigkeit und Kirchgang sogar negativ. Diese Korrelation ist wohl vor allem auf die geringe Kirchgangsrate in den dominant protestantischen Ländern Skandinaviens zurückzuführen. Für Osteuropa lässt sich eine derart negative Wirkung der Zugehörigkeit zu den evangelischen Kirchen auf die Intensität der Kirchenbindung nicht nachweisen.

Wie steht es nun aber mit dem Einfluss des religiösen Pluralismus und des Staat-Kirche-Verhältnisses auf die Vitalität des religiösen Feldes? Religiöse Konzentration besitzt einen Einfluss auf Religiosität und Kirchlichkeit, aber in anderer Richtung als erwartet (vgl. Tab. 3). Mit der Zunahme der religiösen Konzentration wird die Wahrscheinlichkeit des Kirchgangs in Europa nicht geringer, sondern höher. Dies gilt zumindest für Osteuropa. Ansonsten ist der Einfluss des religiösen Pluralisierungsgrades nicht signifikant. Dies kann mit einer gewissen Ambivalenz der Wirkung religiöser Pluralisierung zusammenhängen, die sich theoretisch nicht klar fassen lässt. Lösen sich geschlossene homogene religiöse Landschaften auf, so kann das den Wettbewerb zwischen den unterschiedlichen Religionsgemeinschaften und damit ihre religiösen Aktivitäten verstärken. Ebenso kann mit diesem Pluralisierungsprozess aber auch eine Tendenz zur wechselseitigen Relativierung und Schwächung verbunden sein. In Gesamteuropa jedenfalls scheinen Religionsgemeinschaften von Prozessen der religiösen Pluralisierung eher negativ als positiv betroffen zu sein.

Die Frage ist nun, wie sich der Einfluss der staatlichen Regulierung auf Kirchlichkeit und Religiosität ausnimmt. Wie Tabelle 3 ausweist, sind die Beziehungen nicht signifikant. Wir finden Länder wie Russland oder Frankreich, in denen die Trennung von Staat und Kirche strikt durchgeführt und die Kirchgangsrate dennoch niedrig ist, und andere Länder, in denen in der Tat eine starke Regulierung des religiösen Feldes durch den Staat vorliegt und die Kirchgangshäufigkeit ebenfalls gering ausfällt.

Ist daraus zu schlussfolgern, dass das Staat-Kirche-Verhältnis überhaupt keinen Einfluss auf die Vitalität des religiösen Feldes ausübt? Verwendet man die Klassifikation nach Chaves und Cann [22] für die Erfassung des Grades der Trennung von Staat und Kirche, so gibt es jedoch eine leichte Wirkung auf den Kirchgang (R² = - 0,37). Danach nimmt mit zunehmender staatlicher Regulierung die Kirchgangshäufigkeit ab. Will man dieses Ergebnis verallgemeinern, so könnte man sagen: Je näher die Kirche dem Staat steht, desto mehr muss sie mit Einschränkungen ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz und Integrationsfähigkeit rechnen.

Der Grund dafür scheint, zumindest in Europa, aber nicht darin zu liegen, dass damit der Wettbewerb zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften abnimmt, zumal deren religiöse Lebendigkeit durch Pluralisierungsprozesse ja ohnehin eher geschwächt als gestärkt wird (vgl. Tab. 3), sondern darin, dass die Kirche damit in die Nähe der politischen Herrschaft gerät und mit partiellen politischen Interessen identifiziert wird. Die relative Wirksamkeit des Grades der Trennung zwischen Staat und Kirche lässt sich also nicht dadurch erklären, dass mit einer geringeren staatlichen Regulierung von Religion die Wahrscheinlichkeit des Wettbewerbs zwischen einer Vielzahl gleichberechtigt agierender Religionsgemeinschaften steigt und sich aufgrund des Wettbewerbs deren Leistungskraft erhöht. Vielmehr handelt es sich hier um einen politischen Zusammenhang: Wenn sich die Kirche in allzu große Nähe zum Staat begibt, wird sie als Herrschaftsinstitution betrachtet, dann wird sie von vielen, vor allem den Deprivilegierten der Gesellschaft, nicht länger als eine Vertreterin ihrer Interessen angesehen, sondern steht dem "Volk" als eine quasi-staatliche Institution gegenüber und muss damit rechnen, dass sie demselben Misstrauen ausgesetzt ist wie der Staat - was im Übrigen nicht verhindert, dass sich an sie wie an den Staat enorme Erwartungen richten. Die Verklammerung von kirchlichen und staatlichen Funktionen muss insofern der Kirche nicht schaden, als sie darüber ihre Integration in die Gesellschaft betreiben kann und die Kontaktflächen zur Gesellschaft vergrößert. Es ist gar nicht einzusehen, warum die Durchführung von Religionsunterricht an staatlichen Schulen oder die Gewährleistung von Seelsorge im Militär negative Effekte auf die kirchliche Vitalität haben soll. Dadurch wirkt die Kirche in die Gesellschaft hinein und erreicht Menschen auch an Orten, an die sie sonst nicht gelangen könnte. Aber die Verbindung mit staatlichen Institutionen wird der Kirche dann schaden, wenn sie politische oder soziale Macht ausüben will, wenn sie in die Politik interveniert und damit tendenziell staatliche Funktionen auszuüben versucht. Die inhaltliche und institutionelle Autonomie der Religionsgemeinschaften und ihre Bereitschaft, die funktionale Autonomie anderer gesellschaftlicher Bereiche zu respektieren, ist insofern eine wichtige Voraussetzung ihres Wirkens unter den Bedingungen der Moderne. Wie bedeutsam die Trennung von Religion und Politik, aber auch von Moral und Religion oder von Recht und Religion für die gesellschaftliche Wirksamkeit der Religionsgemeinschaften ist, zeigt sich in den osteuropäischen Gesellschaften nach 1989.

Unter Verkennung der entstandenen gesellschaftlichen Verhältnisse sahen, wie im zweiten und dritten Abschnitt dargestellt, nicht wenige Kirchen in Ost- und Ostmitteleuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Zeit gekommen, sich zu Hütern der gesellschaftlichen Moral aufzuschwingen, gesamtgesellschaftlich verbindliche Weltdeutungsangebote zu unterbreiten und in der Politik zu intervenieren. Während in der Zeit die politischen und sozialen Umbruchs von 1989/90 die Menschen in Osteuropa vielfach erwarteten, dass die Kirchen gesellschaftliche Orientierungsfunktionen wahrnehmen, lehnen sie inzwischen die Einflussnahme der Kirche auf die Politik, auf die Regierung oder die Wahlentscheidungen der Bürger jedoch mehrheitlich ab und folgen damit Einstellungsmustern, wie wir sie aus dem Westen Europas kennen.

Selbst in einem kirchlichen Land wie Polen hat es der katholischen Kirche eher geschadet als genützt, dass sie Einfluss auf die Wahlentscheidungen der Bürger zu nehmen versuchte oder moralische Verhaltensvorschriften für die Bürger aufstellen wollte und dafür Gehorsam verlangte. Die moderne Gesellschaft ist eine funktional differenzierte Gesellschaft, und auch die Kirche hat die Eigenständigkeit der außerreligiösen Bereiche zu respektieren. Wenn die Kirchen die Interessen der Bevölkerung aufnehmen oder gar repräsentieren wollen, müssen sie einen gewissen Abstand zum Politischen halten. Das heißt nicht, dass sie sich aus sozialen, ökonomischen, politischen Fragen heraushalten müssen, wohl aber, dass sie jede Aktivität vermeiden müssen, die den Eindruck erwecken könnte, sie verträten politische Interessen oder stünden gar auf der Seite des Staates. Kurz: Staatsnähe delegitimiert kirchliches Handeln - das ist die Erfahrung, die viele Kirchen und Religionsgemeinschaften nach dem Zusammenbruch des Staatssozialismus in den Ländern Ost- und Ostmitteleuropas machen mussten.

Fußnoten

22.
Vgl. M. Chaves/D. E. Cann (Anm. 1).