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20.4.2018 | Von:
Rosalind Gill

Die Widersprüche verstehen. (Anti-)Feminismus, Postfeminismus, Neoliberalismus

Feminismus, Antifeminismus und Frauenfeindlichkeit

Diese kurze Darstellung gewährt Einblick in die groben Konturen des Postfeminismus, eine Sensibilität, die immer hegemonialer wird. Im Vergleich mit einem Jahrzehnt zuvor hat der Postfeminismus seine Rolle in der zeitgenössischen Kultur gefestigt; heute fällt es schwerer, seine Grenzen oder Konturen auszumachen, und es ist auch schwieriger, ihn als ein neuartiges und charakteristisches Gebilde zu erkennen. Er ist das "neue Normale" geworden, ein weithin als selbstverständlich erachteter Common Sense, der als geschlechtsspezifische Iteration des Neoliberalismus fungiert. Nichtsdestotrotz koexistiert Postfeminismus mit (mindestens) zwei weiteren einflussreichen zeitgenössischen Diskursen zu Gender, nämlich Feminismus und Frauenfeindlichkeit.

In den vergangenen Jahren hat Feminismus ein extrem hohes Maß an Aufmerksamkeit erlangt. Feministische Bücher führen die Bestsellerlisten an, Hochglanzmagazine lancieren "Feminismusthemen". Musikerinnen, Models und andere Prominente betonen mit Stolz ihre feministische Identität, und Storys über ungleiche Bezahlung oder sexuelle Belästigung sind zum Stoff für Schlagzeilen und Nachrichtensendungen in der Hauptsendezeit geworden. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Textes vergeht kaum ein Tag, ohne dass ein neuer Skandal aufkommt, und mit ihrem Protest erobern Frauen die Straßen zurück und nutzen das Internet, um Fälle publik zu machen, ihr Schweigen zu brechen und Solidarität zu üben. Feminismus ist "angesagt", "cool" und hat eine "neue Sichtbarkeit" erlangt.[44]

Mitunter wird die Ansicht vertreten, die dem Feminismus zugestandene neue kulturelle Bedeutung hieße, wir sollten "Postfeminismus" radikal überdenken, den Begriff womöglich sogar aus unserem kritischen Wortschatz streichen.[45] An anderer Stelle bin ich darauf im Detail eingegangen, habe dabei den Begriff in Schutz genommen und argumentiert, dass wir weit von einem Post-Postfeminismus entfernt sind.[46] Ich halte es für notwendig, Unterscheidungen zwischen verschiedenen Formen von vermitteltem Feminismus vorzunehmen; Mainstream- oder neoliberaler Feminismus haben womöglich wenig gemeinsam mit dem Feminismus von Aktivistinnen, die gegen Mittelkürzungen oder Abschiebungen protestieren, und dieser Feminismus hat wiederum womöglich kaum etwas zu tun mit medialen Konstruktionen von Feminismus als jugendliche, stylische (Prominenten-)Identität. Feministische Sichtbarkeiten sind, mit einem Wort, uneinheitlich.

Die neue Sichtbarkeit von (einigen Formen des) Feminismus wirft eine Reihe komplexer Fragen darüber auf, inwieweit Postfeminismus in Relation zu Feminismus definiert ist – oder definiert werden sollte. Meiner Ansicht nach muss die durch die Vorsilbe "Post" implizierte historische Linearität hinterfragt werden; Postfeminismus ist ebenso eine neoliberale Sensibilität wie eine durch das Verhältnis zum Feminismus definierte. Auffällig ist die Dynamik und Anpassungsfähigkeit der Sensibilität, ihre Fähigkeit, sich in Bezug auf neue Ideen zu verändern und zu mutieren. Dies zeigt sich anschaulich daran, dass postfeministische Logik gegenwärtig über das Zelebrieren (einer bestimmten Form) des Feminismus funktioniert und nicht, wie es zuvor der Fall war, über seine Ablehnung.[47]

Tatsächlich haftet dem gegenwärtigen Zelebrieren des Feminismus, das in der Medienkultur die Runde macht, häufig ein ausgeprägter postfeministischer und neoliberaler Tenor an.[48] Die neue Leuchtkraft des Feminismus existiert in einer Umgebung, die bestenfalls höchst widersprüchlich und schlechtestenfalls zutiefst frauenfeindlich ist. Wenn Feminismus populär ist, dann ist es bösartige Frauenfeindlichkeit ebenfalls[49] – Hasstiraden und Provokationen in Online-Medien oder Doxing (das internetbasierte Zusammentragen und anschließende Veröffentlichen personenbezogener Daten, zumeist mit bösartigen Absichten gegenüber den Betroffenen) sind hierfür Beispiele.[50] Ebenso, wie es diverse Ausrichtungen im Feminismus gibt, so tritt auch Frauenfeindlichkeit in unterschiedlichen Formen zutage. Frauenfeindlichkeit ist älter als Feminismus und nimmt kulturübergreifend eine Fülle von Gestalten an. Vielleicht am wichtigsten in Bezug auf mein hier vorgebrachtes Argument sind die ausufernden Formen von Frauenfeindlichkeit, die eindeutig antifeministisch sind und Versuche darstellen, Frauen einzuschüchtern, zum Schweigen zu bringen und anzugreifen, wenn sie als Feministinnen das Wort ergreifen.

Erschreckenderweise sind bösartige Attacken und Drohungen von Vergewaltigung, Folter und sexualisiertem Mord ein allzu präsenter Bestandteil im Alltag für viele – vielleicht die meisten – Frauen im öffentlichen Leben geworden, ob Journalistinnen, Akademikerinnen, Aktivistinnen, Prominente oder Politikerinnen. Jess Phillips, eine für ihre fortschrittliche Gender-Politik bekannte Unterhausabgeordnete der Labour-Party, erhob 2017 ihre Stimme, nachdem sie an einem einzigen Tag 600 Vergewaltigungs- und Todesdrohungen erhalten hatte. Diese Form brutaler und bösartiger antifeministischer Frauenfeindlichkeit hat eindeutig verheerende Auswirkung auf die Individuen, die ihr ausgesetzt sind. Doch darüber hinaus wirkt sie auch auf viele andere einschüchternd, bringt sie zum Schweigen und hat zerstörerische Wirkung auf das öffentliche Leben. Die Kommunikationswissenschaftlerin Sarah Banet-Weiser formuliert es in ihrem neuen Buch wie folgt: "Wenn US-Präsident Donald Trump Frauen in der Politik und den Medien ganz selbstverständlich mit frauenfeindlichen und rassistischen Beleidigungen angreifen und sogar beiläufig andeuten kann, Frauen ‚zwischen die Beine zu greifen‘, und dies dann ebenso beiläufig als ‚Geschwätz in der Umkleidekabine‘ abtut; wenn zahlreiche junge Frauen nach dem Posten von Videos in sozialen Medien mit hasserfüllten und brutalen Kommentaren rechnen müssen, die sie beschämen und ihren Körper beurteilen, wenn ‚Rape Culture‘ als gemeinsames Merkmal der meisten College-Campus in den Vereinigten Staaten genannt wird, dann hat sich Frauenfeindlichkeit von fragwürdigen Ausdrucksformen und Praktiken hin zu einem strukturierenden, oft unsichtbaren Kontext für unser alltägliches Leben und unsere tägliche Routine verändert."[51]

Fußnoten

44.
Vgl. Sarah Banet-Weiser, Empowered: Popular Feminism and Popular Misogyny in an Economy of Visibility, Durham 2018 (E-Book); Jessica Valenti, When Everyone is a Feminist, is Anyone?, 24.1.2014, http://www.theguardian.com/commentisfree/2014/nov/24/when-everyone-is-a-feminist«; Jessalynn Keller/Maureen Ryan, Call for Papers: Problematizing Postfeminism, 2014.
45.
Vgl. dies., Call for Papers: Emergent Feminisms and the Challenge to Postfeminist Media Culture, 2015; Hanna Retallack/Jessica Ringrose/Emilie Lawrence, "Fuck your Body Image": Teen Girls’ Twitter and Instagram Feminism in and around School, in: Julia Coffey/Shelley Budgeon/Helen Cahill (Hrsg.), Learning Bodies: The Body in Youth and Childhood Studies, New York 2016, S. 85–103.
46.
Vgl. Gill (Anm. 1).
47.
Vgl. Christina M. Scharff, Repudiating Feminism: Young Women in a Neoliberal World, Farnham 2012.
48.
Vgl. Gill (Anm. 1); Catherine Rottenberg, The Rise of Neoliberal Feminism, in: Cultural Studies, 3/2014, S. 418–437.
49.
Vgl. Banet-Weiser (Anm. 44).
50.
Vgl. Emma A. Jane, "Your a Ugly, Whorish, Slut". Understanding E-bile, in: Feminist Media Studies 4/2014, S. 531–546; Jacqueline Ryan Vickery/Tracy Everbach, Mediating Misogyny: Gender, Technology and Harassment, New York 2017.
51.
Banet-Weiser (Anm. 44).
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Rosalind Gill für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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