Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Ilse Lenz

Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland

Durch die Care Revolution zur Versorgungsgerechtigkeit?

Mit der Frage der Versorgung haben die Feminismen ein Zukunftsthema eröffnet. Es ist dringlich angesichts des gewaltigen Pflegenotstands, der viele Menschen beunruhigt und nun auch politisch wahrgenommen wird. Zwar hat nach Ute Gerhard jede Person das Recht, versorgt zu werden und für andere zu sorgen. Aber die Care-Bewegungen haben aufgezeigt, dass diese Rechte in der gegenwärtigen Versorgungskrise gefährdet sind.

Im Rahmen der modernen Zweigeschlechtlichkeit wurde die Pflege "verweiblicht": Unter Berufung auf Natur und Biologie wurden "die Frauen" als Mütter und Hausfrauen definiert. Sie leisteten die Sorgearbeit unbezahlt zuhause für Kinder, Kranke und Alte oder gering bezahlt als Erzieherin oder Krankenschwester. So wurde die Sorgearbeit zugleich verweiblicht und naturalisiert und ihre grundlegende soziale Bedeutung verdrängt.[11]

Nun steht sie von mehreren Seiten unter Druck: Wie der Feminismus seit den 1970er Jahren vorhersagte, führt die demografische Entwicklung dazu, dass weniger junge Menschen für immer mehr Ältere sorgen müssen. Frauen orientieren sich stärker auf den Arbeitsmarkt, die Lebensformen pluralisieren sich. Care ist also auch ein Thema für queere Lebensformen. Die Wohlfahrtsstaaten richteten bürokratisierte Pflegeinstitutionen mit überwiegend weiblichem Personal ein. Unter neoliberalen Vorzeichen wurde die lückenhafte soziale Infrastruktur vor allem in der Kranken- und Altenpflege ab 1990 weithin privatisiert. Sie wird so dem Kapitalismus subsumiert und zunehmend ökonomisiert und rationalisiert, sodass ökonomische Verwertungsinteressen vorrangig werden. Die Bedürfnisse der KlientInnen und die hohe Anforderung bis Überlastung der Pflegekräfte treten zurück. In intersektionaler Sicht haben die strukturellen Feminismen dabei auf die irreguläre Beschäftigung von Migrantinnen in der Pflege hingewiesen. Weiterhin haben sie Ansätze mitgetragen, Männern die Wege in den Care-Bereich (etwa als Pfleger oder Erzieher) zu erleichtern.

Die Protagonistinnen der Care-Debatte hinterfragen also die soziale Organisation der Pflege im flexibilisierten Kapitalismus, deren ökonomisierte Marktlogik wie auch bürokratisierte Programme grundlegend. Sie gehen von der wechselseitigen Angewiesenheit und Verbundenheit der Menschen untereinander aus. Um die Versorgungskrise zu überwinden, fordern sie auf, die Bedürfnisse der gepflegten Menschen und die Arbeitsbedingungen der Pflegenden zusammenzudenken und daraus Visionen einer dezentralen Pflege vor Ort zu entwickeln. Sie rufen nach einer "Care-Revolution", die demokratische Pflegeverhältnisse und Geschlechter- und Versorgungsgerechtigkeit verwirklichen soll.[12]

Hat der Kapitalismus den Feminismus kooptiert?

Über das Verhältnis von Kapitalismus und Feminismus wird gestritten. Die US-amerikanische Feministin Nancy Fraser kritisiert, dass die Feminismen nach 1970 bei allen Erfolgen dazu beigetragen haben, dass der Kapitalismus sich flexibilisierte, globalisierte und nun über ein erweitertes Reservoir an ausbeutbarer Arbeitskraft verfügt. Sie verweist auf die Konvergenz zwischen dem kapitalistischen Bedarf an weiblichen flexibilisierten Beschäftigten, auf deren Freisetzung aus der Familie und die Pluralisierung von individualisierten Geschlechtsidentitäten. Die Vielfalt von postidentitären Identitäten sei passförmig zu neuen Formen der Arbeitsorganisation mit ihrer Ökonomisierung und Subjektivierung. Fraser spricht sogar von einer Wahlverwandtschaft zwischen postfordistischem Kapitalismus und Feminismus, wobei sie sich auf Max Webers These von einer solchen Nähe zwischen protestantischer Ethik und Kapitalismus bezieht.[13]

Einzuwenden ist, dass hier eine verengte Sicht auf den Feminismus zugrunde liegt. Er wird mit dem liberalen Elitefeminismus in den USA gleichgesetzt und lässt etwa die feministischen Kämpfe gegen den globalen Kapitalismus, besonders im Süden, außer Acht. Auch die Care-Bewegung bleibt außen vor. Ferner wird die Frage des nicht-steuerbaren sozialen Wandels und seiner Widersprüchlichkeit auf den Vorwurf einer Kooptation des Feminismus verkürzt. Die Widersprüche und Ambivalenzen der Feminismen, die sowohl zu neuen Freiräumen wie auch Normierungen und Zwängen führen können, werden ausgeblendet und vereindeutigt.

Strukturelle Analysen denken die Widersprüche der neoliberalen Neuformierung von Kapitalismus und Gesellschaft und der Flexibilisierung und Pluralisierung von Geschlecht zusammen und bearbeiten diese Trends in ihrem Wechselverhältnis. Dabei betrachten sie die Transformationen von Produktion und Reproduktion insgesamt in intersektionaler Sicht. Neue Formen der informellen oder flexiblen Beschäftigung, die vorrangig von Frauen (oft Einwanderinnen), aber zunehmend auch von Männern übernommen wird, wuchern neben gesicherter Lohnarbeit, die wiederum von Prekarisierungstendenzen erfasst wird.

Eine These lautet, dass sich in den postindustriellen Wohlfahrtsstaaten der Übergang zu einer flexibilisierten Geschlechterordnung abzeichnet. Die Genderbilder und die Arbeitsteilungen flexibilisieren sich. Je mehr Frauen beruflich aufsteigen, in die Politik vordringen und teilhaben an öffentlicher Macht, desto größer werden Unterschiede zwischen Frauen, etwa zwischen Unternehmerinnen und prekarisierten Migrantinnen. In den Metropolen ist Geschlecht vielfältig geworden, wie die Lebensformen entlang des LGBTTI-Spektrums oder die Neosexualitäten anzeigen.[14] Dieser Übergang ist prinzipiell offen und gestaltbar, er kann mehr Gleichheit, aber auch vertiefte Ungleichheiten etwa nach Geschlecht, Klasse und Migration mit sich bringen. Die alten Arrangements der Moderne wie das Ernährer-/Hausfrauenmodell werden vom globalen Kapitalismus unterspült, teilweise aufgelöst – und von den meisten Menschen heute abgelehnt.[15] Aber neue, auf Gleichheit beruhende und gesicherte Lebens- und Arbeitsweisen sind (noch?) nicht in Sicht. Wohl auch deswegen flammen die feministischen Debatten verstärkt auf.

Fußnoten

11.
Vgl. Cornelia Klinger, Krise war immer … Lebenssorge und geschlechtliche Arbeitsteilungen in sozialphilosophischer und kapitalismuskritischer Perspektive, in: Erna Appelt et al. (Hrsg.), Gesellschaft – Feministische Krisendiagnosen, Münster 2013, S. 82–104.
12.
Vgl. die beiden Netzwerke Care.Macht.Mehr (http://care-macht-mehr.com«) und Care Revolution (https://care-revolution.org«), sowie Brigitte Aulenbacher/Birgit Riegraf/Hildegard Theobald (Hrsg.), Sorge: Arbeit, Verhältnisse, Regime, Baden-Baden 2014; Gabriele Winker, Care Revolution, Bielefeld 2015.
13.
Vgl. Nancy Fraser, Fortunes of Feminism. From State-Managed Capitalism to Neoliberal Crisis, London 2013.
14.
Vgl. Ilse Lenz/Sabine Evertz/Saida Ressel (Hrsg.), Geschlecht im flexibilisierten Kapitalismus. Neue UnGleichheiten, Wiesbaden 2017.
15.
So gaben beispielsweise in einer repräsentativen Umfrage von 2015 42 Prozent der befragten Männer an, ein gleichgestelltes Lebensmodell zu bevorzugen (Partnerschaft, in der Mann und Frau erwerbstätig sind und sich beide etwa gleich viel um Haushalt (und Kinder) kümmern), 36 Prozent unterstützten ein teiltraditionelles Modell (Hauptverdiener/Zuverdienerin) und nur noch 10 Prozent halten an dem traditionellen Alleinverdienermodell fest. Vgl. Carsten Wippermann, Männerperspektiven. Auf dem Weg zu mehr Gleichstellung?, Sozialwissenschaftliche Repräsentativbefragung der Bevölkerung, im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2017, S. 11.
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