Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Ilse Lenz

Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland

Pluralisierung von Geschlecht

Der Kampf um die Anerkennung von Inter*Personen[16] war bahnbrechend für die Pluralisierung von Geschlecht. Er ging von der Inter*Bewegung aus, die sich teilweise als feministisch versteht. Unter anderem durch die Berufung auf grundlegende Menschenrechte und Anrufung der UN-Kommission gegen Frauendiskriminierung CEDAW gelang es der Bewegung, das Thema auf die politische Agenda in Deutschland zu setzen. Nach der Befassung durch den Deutschen Ethikrat, der 2012 empfahl, die Kategorie "anderes" neben "männlich" und "weiblich" im Personenstandsrecht zuzulassen, und einer ersten Änderung im Personenstandsgesetz beschloss das Bundesverfassungsgericht 2017 in einer historischen Entscheidung, dass die Bundesregierung einen dritten Geschlechtseintrag im Geburtenregister ermöglichen muss (statt die Angabe nur frei zu lassen). Damit wurden das Denken und die institutionelle Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit durchbrochen. Gleichwohl bleibt für die Inter*, wie auch die Trans*Bewegung, die vergleichbare Kämpfe führte und führt, und den queeren Feminismus noch viel zu tun mit Blick auf rechtliche und medizinische Selbstbestimmung, auf Anerkennung und Nichtdiskriminierung sowie auf die gesellschaftliche Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit.

Sexarbeit oder patriarchale Gewalt? Zur Prostitutionsdebatte

In der Debatte um die Regulierung der Prostitution[17] stehen sich zwei Bündnisse konfrontativ gegenüber. Eine Koalition von SexarbeiterInnen und -unternehmerInnen und queeren FeministInnen betrachten Prostitution als Sexarbeit, also als bezahlte Reproduktionsarbeit im Bereich der Sexualität. Sie fordert volle Anerkennung der Branche und aller Sparten von Sexarbeit sowie eine durchgehende Deregulierung. In ihren Augen bedeutet eine Regulierung einen Angriff auf die Berufsfreiheit und die Selbstbestimmung der Prostituierten und birgt die Gefahr, dass sie in ihrer Familie und im weiteren Umfeld stigmatisiert und ausgegrenzt werden. Sie sind global vernetzt in dem Global Network of Sex Work Projects.

Ein Bündnis von radikalen und institutionellen Feminismen interpretiert die Prostitution als sexuelle Machtausübung von Männern über wirtschaftlich oder persönlich abhängige Frauen oder direkt als patriarchale Gewalt und will sie mittelfristig abschaffen. Nicht die Prostituierten sollen sanktioniert, sondern die Nachfrage unterbunden werden, indem die Freier insbesondere über Frauenhandel aufgeklärt oder bestraft werden. Global haben sie sich in der Coalition Against Trafficking in Women zusammengeschlossen.

Vor dem heutigen Forschungsstand lassen beide Positionen Fragen offen: Sexarbeit ist nicht ein Beruf wie jeder andere, bedenkt man die beruflichen Gefahren, die psychischen Belastungen, von denen ein Teil der SexarbeiterInnen spricht, und die Zwangsverhältnisse im Kontext von Frauenhandel und Gewalt. Aber auch die Gleichsetzung von Sexarbeit und Gewalt ist nicht überzeugend. Denn auch SexarbeiterInnen können in ihrem Berufsrahmen handlungsmächtig sein und haben sich meist dafür entschieden.

Mit der Prostitutionsdebatte verbindet sich eine weitere Frage: Wird Sexarbeit zu einer der vielen legitimen Spielarten von Sexualität, die eben über den Markt läuft? Die Sexwork-Position setzt auf Warenförmigkeit der Arbeitenden, also auf Kommodifizierung, und lehnt Regulierung insgesamt ab. Hier besteht eine Konvergenz zwischen Marktlogik und ihrem Feminismus. Oder soll Sexualität weiterhin vorrangig mit intimen Beziehungen verbunden bleiben, die zwischen Menschen verlaufen, die sich kennen und vertrauen? Die Care-Perspektive steht skeptisch dazu, dass Kommodifizierung die Versorgungskrisen lösen kann. Sie betont die Beziehungen zwischen Menschen und ihr wechselseitiges Aufeinander-Angewiesensein und lässt sich so für intime Verhältnisse und individuelle Rechte in ihrem Kontext weiterdenken.

Vor und nach "Köln": Sexismus und Rassismus

Eine andere grundlegende Kontroverse betrifft das Zusammenwirken von Sexismus und Rassismus. Insbesondere der Islam beziehungsweise die Praktiken von muslimischen Frauen wie das Kopftuchtragen standen im Zentrum der Auseinandersetzungen. Interpretierten die einen das Tragen eines Kopftuchs als selbstbestimmte, aus religiösen Gründen erfolgte Entscheidung, sahen die anderen darin ein Symbol der Frauenunterdrückung oder ein (Zwangs-)Bekenntnis zum politischen Islamismus.

Die Debatte verschob und intensivierte sich mit dem "Ereignis Köln",[18] als in der Silvesternacht 2015/2016 am Kölner Hauptbahnhof vor allem Männer aus Nordafrika Frauen massiv sexuell belästigten. Im Fokus standen nun männliche Einwanderer und Geflüchtete aus dem arabischen Raum. Rechtspopulistische und ultrareligiöse antifeministische Kreise griffen den (ursprünglich feministischen) Diskurs um sexuelle Gewalt auf und stigmatisierten muslimische Männer pauschal als Täter und Vergewaltiger "blonder" "deutscher" Frauen. Diese rassifizierende Kampagne gegen Islam und Einwanderung fand ein weites Echo. Zugleich wuchs die Angst vor Gewalt durch Migranten.

Der radikale Gleichheitsfeminismus um die Zeitschrift "Emma" fokussierte auf Frauenverachtung und Gewalt und verband dies mit einer pauschalen Kritik des Islam.[19] Aufgrund der kollektiven Zuschreibung der Täterschaft an muslimische Männer wurde diese Argumentation vor allem von Schwarzen, migrantischen und queeren FeministInnen als rassifizierend und sexistisch in Bezug auf Männer kritisiert. Die Netzfeministinnen eröffneten mit dem Hashtag #Ausnahmslos[20] den Diskursraum um die explosiven Mischungen von Sexismus und Rassismus. Sexuelle Gewalt müsse ausnahmslos kritisiert und verfolgt werden – unabhängig von Kultur, Herkunft oder Geschlecht der TäterInnen.

Mit der Rassismuskritik entstand eine nachvollziehbare, aber schwer überwindbare Polarisierung unter den beteiligten Feminismen. Sie griff auch auf den queeren Feminismus über. Die Debatte spitzt sich insgesamt auf die Fragen zu, wie Rassismus auch im Feminismus artikuliert wird und wie antirassistische Feminismen argumentieren und handeln können. Gegen rassistische Ausgrenzungen sind differenzierte kritische Ansätze wesentlich, wie sie etwa die diskursiven Feminismen bereitstellen: Das spätmoderne Sexualitätsdispositiv in Deutschland verspricht, dass Sexualität nun auf der Grundlage staatlich und national gewährter Sicherheit frei wählbar und lebbar sei. Indem die Täterschaft im Kontext sexualisierter Gewalt entgegen der Faktenlage allein auf männliche Migranten verlagert und externalisiert wird, werden die einheimischen Geschlechterverhältnisse als modern und überlegen konstruiert und Ausgrenzung und Aggression gegenüber EinwanderInnen legitimiert. Während Feminismen vergeschlechtlichte Gewalt unter anderem durch Selbstverteidigung und Solidarität von Frauen bekämpfen wollen, werden diese nach dem Schema männliche (Schutz-)Gewalt und weibliche Schutzbedürftigkeit erneut zum Objekt.[21]

Rassistische und Genderdiskurse wirken zusammen, um Lebensweisen in Kategorien der Über- und Unterordnung zu fassen, wie etwa in "weiße" gegen "muslimische" Männer. Sie werden "versämtlicht"; ihnen wird aufgrund von ethnischen, kulturalisierenden oder geschlechtlichen Stereotypen eine gemeinsame Position zugeschrieben. Bei diesem positionalen Fundamentalismus wird nicht mehr zwischen der sozialen und mentalen Position getrennt. Als Beispiel sei hier auf die stereotype Rede von "alten weißen Männern" verwiesen, die doch sehr unterschiedlich und keineswegs alle wie der Prototyp Donald Trump denken. Unterscheiden im Sinne von homogenen und pauschalen Zuschreibungen an solche Gruppen begründet diskursives Herrschen.[22]

Eher strukturelle Ansätze analysieren die Verknüpfung von Geschlechterverhältnissen und Migrationsprozessen in intersektionaler Sicht und vertiefen dies am Beispiel transnationaler Familien, Care-Arbeit und (Staats-)Bürgerschaft.[23] Sie zeigen auch auf, wie sehr sich die Lage der Geschlechter, aber auch der Bevölkerung insgesamt, mit und ohne Migrationshintergrund, im 21. Jahrhundert differenziert hat. So hat bei allen Gruppen die Bildungsteilhabe markant zugenommen, und der Anteil an Führungspositionen ist unter langheimisch deutschen und deutschtürkischen Männern inzwischen gleich.[24] Diese Ansätze widerlegen rassistisch-sexistische Stereotype, indem sie zeigen, dass Intersektionalität in Bewegung ist.[25]

Fußnoten

16.
Vgl. u.a. Ulrike Klöppel, XX0XY ungelöst. Hermaphroditismus, Sex und Gender in der deutschen Medizin. Eine historische Studie zur Intersexualität, Bielefeld 2010; APuZ 20–21/2012 mit dem Schwerpunkt "Geschlechtsidentität".
17.
Siehe u.a. APuZ 9/2013 zum Schwerpunkt "Prostitution".
18.
Gabriele Dietze, Das "Ereignis Köln", in: Femina politica 1/2016, S. 93–101.
19.
Alice Schwarzer, Was war da los?, in: Emma, März/April 2016, S. 6f.; dies. (Hrsg.), Der Schock – die Silvesternacht von Köln, Köln 2016.
20.
Siehe ausnahmslos.org.
21.
Vgl. u.a. Dietze (Anm. 18).
22.
Vgl. Sabine Hark/Paula Villa, Unterscheiden und herrschen. Ein Essay zu den ambivalenten Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus in der Gegenwart, Bielefeld 2017.
23.
Vgl. Helma Lutz/Anna Amelina, Gender, Migration, Transnationalisierung, Bielefeld 2017.
24.
Vgl. Ilse Lenz, Einwanderung, Geschlecht, Zukunft? Wie Deutschland sich verändert, Leverkusen 2018 (i.E.).
25.
Vgl. ebd.
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