Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Ilse Lenz

Von der Sorgearbeit bis #MeToo. Aktuelle feministische Themen und Debatten in Deutschland

#MeToo und die Zukunft feministischer Debatten

Die #MeToo-Debatte hat neue Impulse gebracht und dazu beigetragen, Brücken zwischen den Feminismen zu bauen. Im Kern geht sie darum, dass Frauen selbst über ihren Körper und ihre Sexualität bestimmen wollen: Sie wollen Erotik, Flirts und Sexualität leben und von sich aus gestalten und nicht mehr als Objekt von Gewalt und Belästigung dienen. Die Trennung zwischen Macht und Fremdbestimmung und erwünschter Sexualität ist eine Grundlage der Debatte. Es könnte argumentiert werden, dass auf diese Weise die Käfige des alten Genderregimes abgerissen werden, in denen Frauenkörper für kleine und große Machthaber selbstverständlich zur Verfügung stehen sollten. Die Erfolge der Frauenbewegungen in Bereichen wie Politik, Bildung und Arbeitsmarkt bilden eine Voraussetzung dafür, auch die Herrschaft über die Körper zu kritisieren.

Kritiken richten sich auf eine Personalisierung von Tätern, auf die Bedeutung der Unschuldsvermutung und von rechtsstaatlichen Verfahren. Eine Gruppe prominenter französischer Frauen um die Schauspielerin Catherine Deneuve sah in der Kampagne Männerhass und einen neuen Puritanismus am Werk, der den Interessen der Feinde sexueller Freiheit, der religiösen Extremisten, der schlimmsten Reaktionäre diene, und sie forderten die Freiheit ein, zu belästigen (la liberté d’importuner). Diese Forderung wurde weithin als befremdlich aufgenommen. Zum Puritanismusvorwurf, der die Frauenbewegung seit Langem begleitet, ist anzumerken, dass in der Kampagne unterschieden wird zwischen offener Sexualität, die gewünscht ist, und sexueller Gewalt.

Des Weiteren wird der Kampagne vorgeworfen, ein einseitiges Bild von Frauen als wehrlose Opfer zu zeichnen. Hier lässt sich dagegen halten, dass die Frauen, die gegen sexuelle Gewalt protestierten, eben nicht passiv und wehrlos sind, sondern aktiv geworden sind. Die Kampagne weist auch mehrheitlich ein differenziertes Männerbild auf: Während sie die Täter angriff, warb sie um Solidarität bei den Männern, die sexuelle Gewalt ablehnen, und diese antworteten unter anderem mit #HimThough. Gerade der Netzfeminismus hat zur Zusammenarbeit mit Männern aufgerufen, und Männer beteiligen sich, weil auch sie hegemoniale Männlichkeiten kritisieren und mit dem Feminismus eigene Möglichkeiten und Visionen verbinden.

Die Kampagne weist zudem intersektionale Momente auf: War bereits die ursprüngliche Aktion von Schwarzen Frauen ausgegangen, so veröffentlichte der Verband der Landarbeiterinnen (Alianza Nacional de Campesinas) einen offenen Brief, in dem er die Kampagne unterstützte und bei allen Klassenunterschieden die gemeinsame Erfahrung von Machtausübung über Frauen, von Ausweglosigkeit, Scham und Furcht benannte. Die Initiative "Time’s Up" richtete daraufhin einen Unterstützungsfonds von 13 Millionen Dollar für Klagen von Frauen mit wenig Einkommen ein. Schließlich lässt sich auch noch fragen, was #MeToo, das sich im Wesentlichen auf heterosexuelles Verhalten bezieht, für den Queerfeminismus bedeutet.[26]

Die feministischen Debatten haben die Veränderung der geschlechtlichen Arbeitsteilung und die Zukunft der Versorgung, den Einfluss des globalen flexibilisierten Kapitalismus, die geschlechtliche und sexuelle Vielfalt sowie das gewaltfreie Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft ausgeleuchtet. Mit anderen Worten haben sie die Zukunftsdebatten der Gesellschaft intensiv mitgeführt. Bei aller (Selbst-)Kritik bringen sie grundlegende Analysen und Visionen in den gegenwärtigen Wandel ein.

Fußnoten

26.
Vgl. beispielsweise Andrea Roedig, Wir sind fremd in diesem Film, 19.3.2018, http://www.zeit.de/kultur/2018-03/metoo-feminismus-homosexualitaet-lesben-10nach8/komplettansicht«.
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