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20.4.2018 | Von:
Imke Schmincke

Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus

Frauenfeindlichkeit/Misogynie

Der aus dem Altgriechischen stammende Begriff Misogynie lässt sich am genauesten als Frauenhass übersetzen, daneben findet man häufig als Synonym die Formulierung der Frauenfeindlichkeit. Misogynie beschreibt die Annahme einer ontologischen Minderwertigkeit von Frauen, wie sie seit der Antike in verschiedenen Schriften der Philosophie und Literatur, aber letztlich auch im christlichen Glauben, der Hexenverfolgung und wissenschaftlichen Abhandlungen zum Ausdruck gebracht wurde.[2] Während der Begriff zwar etwas sehr Konkretes bezeichnet – nämlich die Abwertung von Frauen –, wird er gleichwohl seit vielen Jahren auch in einer allgemeineren Form als strukturelle Entwertung oder Benachteiligung von Weiblichkeit gebraucht.[3] Misogynie wird häufig als überhistorisches und kulturübergreifendes Phänomen verstanden und untersucht. Im Französischen und Englischen ist der Begriff sehr viel verbreiteter als im Deutschen, wo sich in den vergangenen Jahren die Bezeichnung "Sexismus" stärker durchgesetzt hat. Auch der Begriff der Frauenfeindlichkeit, der vor allem in den 1970er und 1980er Jahren sowohl im Alltag wie in der Forschung häufig verwendet wurde, ist mittlerweile weniger gebräuchlich.

Sexismus

Ein Grund für die Durchsetzung des Begriffs "Sexismus" mag darin liegen, dass er die Zugehörigkeit beziehungsweise Zuweisung zu einem Geschlecht zum Ausgang nimmt und damit Männer und Frauen gleichermaßen als potenziell Betroffene wie Praktizierende von Sexismus thematisierbar macht. Allgemein bedeutet Sexismus die Diskriminierung, Abwertung, Benachteiligung und Herabwürdigung eines Menschen aufgrund des (zugeschriebenen) Geschlechts. Auch wenn Männer damit ebenso von Sexismus betroffen sein können, wird der Begriff doch häufig mit der Diskriminierung von Frauen gleichgesetzt. Er wurde Ende der 1960er Jahre im Kontext der US-amerikanischen Frauenbewegung in Analogie zum Begriff "Rassismus" gebildet.[4] So wie race – die Zugehörigkeit zu einer als ethnisch homogen vorgestellten Gruppe – bildet die Zugehörigkeit zu sex (englisch für Geschlecht) den Grund für Unterdrückung und Benachteiligung. Im Deutschen begann sich der Begriff im Laufe der 1970er Jahre durchzusetzen.[5] Ab den 1980er Jahren nahmen politische Bewegungen die Bezeichnung (neben Antikapitalismus und Antirassismus auch Antisexismus) mit in ihr Repertoire auf, und auch in der Wissenschaft wurde zu dem Phänomen geforscht.

Ähnlich wie beim Begriff des Rassismus kann Sexismus verstanden werden als, erstens, in den Köpfen Einzelner verankertes Muster und damit als Einstellung und Vorurteil, zweitens, Handlungen Einzelner und, drittens, überindividuelles Muster, als Ideologie, Diskurs oder Deutungsmuster. Sexistisches Verhalten kann somit Ausdruck einer individuellen Einstellung wie auch gesellschaftlicher Normen und Werte sein.[6] Formen des Sexismus veränderten sich ebenso wie die Geschlechterverhältnisse. Nach dem Psychologen Thomas Eckes widmete sich die (sozialpsychologische) Forschung bis in die 1990er Jahre vor allem Formen des offenen Sexismus. Seither werden Formen eines modernen Sexismus oder Neosexismus relevanter. Dieser besteht in der Leugnung fortgesetzter Diskriminierung.[7] In diesem Zusammenhang wurde in der Forschung auch das Konzept des ambivalenten Sexismus entwickelt, das nicht nur ablehnende Haltungen, sondern auch besonders positive Einstellungen (beispielsweise Paternalismus) als sexistisch begreift.[8]

Im Deutschen, insbesondere im Alltagsdiskurs, ist häufig eine Engführung von Sexismus mit dem Begriff der sexuellen beziehungsweise sexualisierten Belästigung zu beobachten, die eine Facette des Sexismus, wenn auch nicht die einzige darstellt. Dies ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass der Begriff hierzulande zumeist mit Sexualität assoziiert wird. Seit der Twitter-Kampagne #Aufschrei aus dem Jahr 2013 sowie zuletzt der in den USA gestarteten Twitter-Kampagne #MeToo, die beide in der Öffentlichkeit als "Sexismus-Debatten" verhandelt wurden, ist das Phänomen gerade auch in seiner Alltäglichkeit, als Belästigung, Verunglimpfung und Beeinträchtigung von Frauen sagbarer geworden und erfährt eine breitere gesellschaftliche Ablehnung. Männer können ebenfalls von Sexismus betroffen sein, wenn auch zahlenmäßig deutlich weniger. Ebenso erleiden Menschen, die sich nicht eindeutig als Männer oder Frauen identifizieren (transsexuelle oder transgender Menschen) und homosexuelle Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Benachteiligung und Diskriminierung.

Fußnoten

2.
"Misogynie (gr. Misein: hassen; gyne: Frau) bezeichnet einen weltanschaulich oder psychisch verankerten Frauenhaß, in abgeschwächter Form auch Frauenfeindlichkeit. M. findet in spezifischen Verhaltensweisen Ausdruck und kann in politischen und gesellschaftlichen Strukturen institutionalisiert sein." Urte Helduser, Misogynie, in: Renate Kroll (Hrsg.), Metzler Lexikon Gender Studies – Geschlechterforschung. Ansätze – Personen – Grundbegriffe, Stuttgart–Weimar 2002, S. 271.
3.
"Misogynie, Frauenfeindlichkeit; neuerdings im weiteren Sinne verwandt zur Kennzeichnung von Einstellungen, die die strukturelle Benachteiligung der Frau in der Gesellschaft und im privaten Bereich widerspiegeln." Barbara Rönsch, Misogynie, in: Werner Fuchs et al. (Hrsg.), Lexikon zur Soziologie, Opladen 1988, S. 507.
4.
Vgl. Gabriele Dietze, Weiße Frauen in Bewegung. Genealogien und Konkurrenzen von Race- und Genderpolitiken, Bielefeld 2013, S. 311.
5.
Der Verbreitung gingen Analysen voraus, die insbesondere die Rolle der Sexualität in der Unterdrückung von Frauen herausarbeiteten. Vgl. beispielsweise Kate Millett, Sexus und Herrschaft. Die Tyrannei des Mannes in unserer Gesellschaft, Reinbek 1985 (1969); für den deutschen Kontext Alice Schwarzer, Der kleine Unterschied und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung, Frankfurt/M. 1975; Marielouise Janssen-Jurreit, Sexismus. Über die Abtreibung der Frauenfrage, München 1976.
6.
So wird Sexismus beispielsweise als Teil eines größeren Syndroms menschenfeindlicher beziehungsweiser autoritärer Einstellungen gedeutet und entsprechend gemessen. Vgl. dazu die Studien zu Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit von Wilhelm Heitmeyer et al. sowie die sogenannten Leipziger Mitte-Studien von Elmar Brähler und Oliver Decker.
7.
Vgl. Thomas Eckes, Geschlechterstereotype: Von Rollen, Identitäten und Vorurteilen, in: Ruth Becker/Beate Kortendiek (Hrsg.), Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden 2008, S. 171–182, hier S. 176.
8.
Vgl. ebd., S. 176f.; Charlotte Diehl/Jonas Rees/Gerd Bohner, Die Sexismus-Debatte im Spiegel wissenschaftlicher Erkenntnisse, in: APuZ 8/2014, S. 22–28; Julia C. Becker, Subtile Erscheinungsformen von Sexismus, in: ebd., S. 29–34.
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