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20.4.2018 | Von:
Imke Schmincke

Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus

Antifeminismus

Antifeminismus gibt es, seit es Feminismus gibt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich in vielen Ländern eine Frauenbewegung. Seit den 1880er Jahren begannen die Frauenrechtlerinnen sich als "Feministinnen" zu bezeichnen.[9] Die Aktivistinnen der ersten Frauenbewegung in Deutschland verzichteten jedoch weitgehend auf diese Bezeichnung, zu sehr war sie von den Gegnern in diffamierender Absicht besetzt worden.

Der Begriff "Antifeministen" wurde einer größeren Öffentlichkeit 1902 mit einer Aufsatzsammlung der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm bekannt, die diese unter dem Titel "Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung" veröffentlicht hatte.[10] Dohm stellte fest: "Die Frauenfrage in der Gegenwart ist eine akute geworden. Auf der einen Seite werden die Ansprüche immer radikaler, auf der anderen die Abwehr immer energischer."[11] Tatsächlich artikulierten sich ab der Jahrhundertwende immer mehr explizit antifeministische Stimmen, die die Errungenschaften der Frauenbewegung rückgängig machen wollten. Die Historikerin Ute Planert, die diese antifeministischen Konstellationen historisch untersucht hat, deutet diese als Reaktion auf Veränderungen im Geschlechterverhältnis, die Öffnung der Bildungsinstitutionen für Frauen, die Zunahme der Frauenerwerbsarbeit und die politische Organisation von Frauen. Aber erst durch Debatten um einen vermeintlichen Geburtenrückgang sowie die Möglichkeit eines Wahlrechts für Frauen bündelten sich die antifeministischen Gruppen 1912 in der Gründung des "Deutschen Bundes zur Bekämpfung der Frauenemanzipation". Das Netzwerk hinter dem Bund setzte sich aus Männern wie Frauen der adelig-bildungsbürgerlichen Oberschicht zusammen, die ihre antifeministische Mission mit anderen reaktionären Ideologien verschränkten: Viele argumentierten deutschnational, völkisch-rassistisch und nicht zuletzt antisemitisch.[12] Im Wesentlichen ging es darum, eine ungleiche Geschlechteraufteilung wieder herzustellen: Der Platz des Mannes sei der Staat, der der Frau in der Familie. Mit Durchsetzung des Frauenwahlrechts einige Jahre später entfiel eine zentrale Motivation, der Bund löste sich auf beziehungsweise ging in der völkischen Bewegung der Weimarer Republik auf.

Mit dem Nationalsozialismus endete die Frauenbewegung, einige Frauen gliederten sich in die Nazi-Frauenorganisationen ein, andere gingen ins Exil und wurden verfolgt. Eine neue Bewegung sollte sich erst wieder ab 1968 formieren, als Studentinnen anfingen, sich autonom zu organisieren und die Frage der Kinderbetreuung zu politisieren. Mit den Protesten gegen den Abtreibungsparagrafen 218 entstand ab 1972 eine breitere Basis für feministischen Protest, der sich im Laufe der 1970er Jahre immer stärker entfaltete und zur Entstehung einer Frauenbewegung und feministischen Gegenkultur (Frauenzentren, Frauencafés, Frauenuniversitäten, Frauenbuchläden) führte.[13] Während eine Vielzahl an Quellen die Entstehung und Entwicklung dieser Frauenbewegung dokumentiert, steht eine systematische Geschichte des Antifeminismus in der Bundesrepublik noch aus.[14] In ihrem 1980 formulierten Rückblick auf die zweite Frauenbewegung stellt Herrad Schenk fest, dass mit dieser auch der Antifeminismus virulenter geworden sei. Seien die ersten Frauengruppen in der Anfangsphase von der größeren Öffentlichkeit bis auf polemische Kommentare in der linken Presse noch weitgehend ignoriert worden, so seien mit dem "Jahr der Frau" 1975 Frauenthemen in den Fokus einer breiteren Öffentlichkeit gelangt. Insbesondere das Erscheinen von Alice Schwarzers "Der kleine Unterschied und seine großen Folgen" hätte starke, besonders auch auf die Person bezogene diffamierende Reaktionen nach sich gezogen.[15]

Der "Klassiker" zum Antifeminismus der 1980er Jahre ist das 1991 erschienene Buch "Backlash. The Undeclared War Against American Women" von Susan Faludi.[16] In diesem entfaltet Faludi an unterschiedlichem Material (wie Studien, Filme, Debatten, Mode, plastische Chirurgie, Kampagnen gegen Schwangerschaftsabbruch) die These, dass die 1980er Jahre eine Dekade des Gegenschlags gegen den Feminismus gewesen seien. Das zentrale Argument der GegnerInnen habe darin bestanden, den Feminismus beziehungsweise die Frauenbewegung für das (vermeintliche) Unglück der Frauen und alle möglichen anderen gesellschaftlichen Krisenerscheinungen verantwortlich zu machen. Die Beobachtungen Faludis lassen sich zum Teil auch auf die Situation in der Bundesrepublik übertragen. Hier entwickelten sich in den 1980er/1990er Jahren neue antifeministische Gruppierungen: die sogenannten Männerrechtsgruppen, die (bis heute) teilweise stark antifeministisch agieren.[17] Inhaltlich vertreten sie vor allem die Annahme, Männer seien Opfer des Feminismus (So hätten zum Beispiel Väter keine Rechte, und Jungen seien die neuen Bildungsverlierer). Die antifeministischen Männerrechtler gehen davon aus, dass sich die Gleichheit von Frauen zu einer Ungleichheit von Männern verkehrt habe. Sie argumentieren vehement gegen bestehende Gleichstellungsmaßnahmen und Gender Mainstreaming, die sie als staatlich verordnete Umerziehung verunglimpfen, und polemisieren gegen den Begriff "Gender".[18]

Fußnoten

9.
Nach Karen Offen entstand der Begriff "Féminisme" zunächst in Frankreich, 1882 bezeichnete sich die französische Frauenrechtlerin Hubertine Auclert als Feministin und wenig später nutzten auch Frauenrechtlerinnen aus anderen europäischen und außereuropäischen Ländern (USA, Argentinien, Kuba) die Bezeichnung Feministin und Feminismus. Vgl. Karen M. Offen, European Feminisms, 1700–1950. A Political History, Stanford 2000, S. 19.
10.
Siehe dazu auch den Beitrag von Susanne Maurer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Hedwig Dohm, Die Antifeministen. Ein Buch der Verteidigung (1902), in: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 71/2017, S. 38–45, hier S. 38.
12.
Planert kann an vielen Stellen ihrer Studie zeigen, "daß Antifeminismus und Antisemitismus um die Jahrhundertwende nicht nur programmatisch-strukturelle Ähnlichkeiten hatten, sondern auch personell und organisatorisch eng miteinander verflochten waren." Planert (Anm. 1), S. 17. Vgl. aktuell zum Zusammenhang von Antifeminismus und Antisemitismus Karin Stögner, Antisemitismus und Sexismus. Historisch-gesellschaftliche Konstellationen, Baden-Baden 2014; Jonas Fedders, "Die Rockefellers und Rothschilds haben den Feminismus erfunden." Einige Anmerkungen zum Verhältnis von Antifeminismus und Antisemitismus, in: Juliane Lang/Ulrich Peters (Hrsg.), Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt, Hamburg 2018, S. 213–232.
13.
Vgl. zur zweiten Frauenbewegung Ute Gerhard, Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, München 2009; Ilse Lenz (Hrsg.), Die Neue Frauenbewegung in Deutschland. Abschied vom kleinen Unterschied. Eine Quellensammlung, Wiesbaden 2008.
14.
Auch in der DDR wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit antifeministische Strömungen gegeben haben, trotz (oder gerade wegen) staatlich verordneter Emanzipation. Untersuchungen dazu sind aber nicht bekannt.
15.
Vgl. Schenk (Anm. 1), S. 172.
16.
Vgl. Susan Faludi, Die Männer schlagen zurück. Wie die Siege des Feminismus sich in Niederlagen verwandeln und was Frauen dagegen tun können, Reinbek 1993 (1991).
17.
Vgl. Thomas Gesterkamp, Geschlechterkampf von rechts. Wie Männerrechtler und Familienfundamentalisten sich gegen das Feindbild Feminismus radikalisieren, Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn 2010; Andreas Kemper, (R)echte Kerle: zur Kumpanei der MännerRECHTSbewegung, Münster 2011; Hinrich Rosenbrock, Die antifeministische Männerrechtsbewegung, Denkweisen, Netzwerke und Online-Mobilisierung, Expertise für die Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2012; Robert Claus, Maskulismus. Antifeminismus zwischen vermeintlicher Salonfähigkeit und unverhohlenem Frauenhass, Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014.
18.
Vgl. zu letzterem Rosenbrock (Anm. 17), S. 71ff.
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