Verschiedene Buttons, die während des Women´s March in Washington im Januar 2018 verkauft wurden

20.4.2018 | Von:
Imke Schmincke

Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus

Antigenderismus

Viele Argumente der antifeministischen Männerrechtsbewegung tauchen auch im sogenannten Antigenderismus auf. Man kann Antigenderismus als eine aktuelle Form des Antifeminismus bezeichnen, der sich in seiner expliziten Argumentation nicht primär gegen "Feminismus", sondern gegen "Gender" wendet.[19] Seit Mitte der 2000er Jahre und verstärkt seit 2014 polemisieren verschiedene VertreterInnen dieser Richtung sowohl in den traditionellen Massenmedien wie im Internet gegen Gender Mainstreaming, das sie als "Gender-Wahnsinn" verhöhnen, sowie gegen die Geschlechterforschung oder Gender Studies, die sie als "Gender-Ideologie" rhetorisch disqualifizieren. "Gender-Ideologie" ist ein zentraler Kampfbegriff, mittels dessen alles diskreditiert, eben als "ideologisch" verunglimpft werden soll, das mit Gender zu tun hat.[20]

Eine zentrale rhetorische Strategie besteht darin, den Begriff "Gender" in Misskredit zu bringen. Dieser stammt aus dem Englischen und diente dort zunächst der Bezeichnung des grammatischen Geschlechts. Schließlich wurde er auch verwendet, um auf die sozialen Aspekte geschlechtlicher Identität hinzuweisen, im Gegensatz zu den mit sex bezeichneten biologischen Aspekten. Der mittlerweile auch im Deutschen üblich gewordene Gebrauch der Bezeichnung "Gender" impliziert die Annahme, dass geschlechtliche Identitäten sowie Bilder und Normen zu Weiblichkeit und Männlichkeit stark sozial geprägt sind und soziale Folgen für die Individuen haben, je nach dem mit welchen hierarchischen Positionen, Vor- und Nachteilen die Zuordnung zu einer Gruppe verbunden ist. Gender kann damit auch als Ausdruck dafür genommen werden, dass gesellschaftliche Vorstellungen zu Geschlecht offener und flexibler geworden sind. Genau gegen dieses Verständnis von Geschlecht polemisieren und kämpfen die GegnerInnen mit ihrem Vorwurf des "Genderismus". Sie benutzen vor allem zwei Argumentationsstränge: einen antietatistischen und einen antiwissenschaftlichen. Bei ersterem wird unterstellt, Gender Mainstreaming sei eine Art staatlich verordnete kollektive Gehirnwäsche, die wahlweise von der EU oder Lobbygruppen lanciert werde. Der zweite versucht vor allem die Gender Studies darüber zu delegitimieren, dass sie unwissenschaftlich seien, Ideologie produzierten und damit unrechtmäßig Steuergelder verschleudern würden.[21]

Diese neue Form des Antifeminismus wird von verschiedenen Spektren und AkteurInnen getragen. Zu diesen gehören Protagonisten aus der Männerrechtsbewegung, konservative JournalistInnen, christlich-fundamentalistische Gruppierungen sowie rechtspopulistische bis rechtsextreme Bewegungen und Parteien. Nach der Genderforscherin Juliane Lang und dem Journalisten Ulrich Peters hat er sich in zwei Wellen entwickelt. Die erste Welle begann 2006 ausgehend von einem Beitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", in dem Gender Mainstreaming als "politische Geschlechtsumwandlung" diskreditiert wurde.[22] Es folgten ähnliche Artikel; besonders häufig nahm sich die neurechte "Junge Freiheit" des Themas an. Die zweite Welle begann 2014 mit den Protesten gegen die Thematisierung und Akzeptanz sexueller Vielfalt in der Sexualerziehung. Hierzu zählt die Hetze gegen das "Handbuch Sexualpädagogik der Vielfalt" und seine AutorInnen, die 2014 von einzelnen rechtspopulistischen AutorInnen im Internet verbreitet wurde. Außerdem kam es zu Protesten gegen die Thematisierung sexueller Vielfalt in den verschiedenen Bildungsplänen und Richtlinien zur Sexualerziehung in unterschiedlichen Bundesländern. Diese begannen 2013/2014 mit einer Petition gegen den Bildungsplan in Baden-Württemberg, in dem sexuelle Vielfalt als Querschnittsthema verankert werden sollte. Zwei neue Initiativen unterstützten die Ziele der Petition durch Demonstrationen: Zum einen die Initiative "Besorgte Eltern", die mit der Kampfvokabel "Frühsexualisierung" gegen Sexualerziehung in Schulen agitiert. Zum anderen die Initiative "Demo für alle", die sich an der französischen Protestbewegung "Manif pour tous" orientiert, die 2012/2013 landesweite Proteste gegen die Einführung einer "Ehe für alle" organisierte.[23] Insbesondere die "Demo für alle" ist weiterhin sehr aktiv und kämpft vehement gegen Sexualerziehung und die Gleichstellung homosexueller mit heterosexuellen Partnerschaften. Die Mittel dazu sind, neben gezielter Einflussnahme auf PolitikerInnen, Petitionen, Kampagnen, die Ausrichtung von Symposien und vereinzelt Demonstrationen. Mittlerweile ist dieser Antifeminismus durch die AfD auch parlamentarisch vertreten. In der Kombination von Diskreditierung von Geschlechtergerechtigkeit über die Diffamierung von Gender, Diffamierung von sexueller Vielfalt und Dämonisierung von Sexualerziehung/Sexualaufklärung verbindet die Partei die Ablehnung von Gender Studies und Sexualerziehung und die Stärkung von heterosexuellen Familien mit ihrer völkisch-rassistischen Ausrichtung: Familienpolitik versteht die AfD explizit als Bevölkerungspolitik. Ziel dieser Politik soll sein, dass deutschstämmige Familien mehr Nachwuchs produzieren.[24]

Neben der Fokussierung auf Gender transportiert der Antigenderismus aber auch eine klare Ablehnung von Feminismus und FeministInnen beziehungsweise deren Erfolgen in Politik und Wissenschaft. Paradoxerweise wird sich mittlerweile aber in strategischer Weise zuweilen auch positiv auf Frauenrechte bezogen, wenn dadurch die Überlegenheit gegenüber "vormodernen", "kulturell rückständigen" zugewanderten Gruppen behauptet werden kann. Der neue Antifeminismus geht nicht mehr von einer generellen Minderwertigkeit von Frauen aus, aber er bekämpft vehement die Kritik und Infragestellung von Zweigeschlechtlichkeit. Er propagiert eine scheinbar klare, stabile und unveränderbare Ordnung, deren Grundpfeiler voneinander unterscheidbare geschlechtliche Identitäten sowie die heterosexuelle Kleinfamilie sein sollen. Dieser neue Antifeminismus ist ein zentraler Bestandteil zeitgenössischer rechtspopulistischer Bewegungen in Europa. Für seine Entwicklung lassen sich drei Gründe anführen. Erstens, kulturelle Hegemonie: In Gefahr ist nicht, wie die GegnerInnen permanent beschwören, die Familie, sondern die kulturelle Hegemonie konservativer Werte durch eine Liberalisierung der Gesellschaft. Diejenigen, die diese Werte vertreten und durch diese Privilegien genießen, fürchten um den Verlust der Privilegien und ihrer Deutungsmacht. Zweitens, strategische Bündnisse: Viele Forschende, die sich mit dem neuen Antifeminismus auseinandergesetzt haben, stellen fest, dass dieser vor allem die strategische Funktion besitzt, verschiedene Gruppen (und Themen) zusammen zu bringen. Der Antigenderismus eignet sich als "Scharnier" oder symbolic glue (symbolischer Klebstoff) offenbar gut (eventuell besser als stark rechtsextrem konnotierte Themen), um breite Bündnisse für eine autoritäre und rassistische Politik zu schmieden.[25] Drittens, Moderne – sozialer Wandel: Die antifeministischen Mobilisierungen gegen Gender und sexuelle Vielfalt funktionieren auch deshalb, weil sie zu Vehikeln grundsätzlicher Ängste und Verunsicherungen werden können. Die Angst vor einem sozialen Wandel, vor der Globalisierung und Neoliberalismus, vor Veränderungen, ist häufig Voraussetzung für Ängste, die sich an Fragen zu Geschlecht und Sexualität manifestieren. Aber diese Ängste werden auch bewusst geschürt von jenen, die auf eine autoritäre Einrichtung der Gesellschaft setzen. Insofern ist auch der aktuelle Antifeminismus als modernes Krisensymptom zu deuten und gleichzeitig in seiner Bedrohung grundsätzlicher demokratischer Werte ernst zu nehmen und zu kritisieren.

Fußnoten

19.
Vgl. aktuelle Publikationen zum Phänomen: Sabine Hark/Paula-Irene Villa (Hrsg.), (Anti-)Genderismus, Sexualität und Geschlecht als Schauplätze aktueller politischer Auseinandersetzungen, Bielefeld 2015; Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte 71/2017 mit dem Schwerpunkt "Diffamierende Reden. Antifeminismen im Wandel"; Sonja Strube, Rechtspopulistische Strömungen und ihr Anti-Genderismus, in: Margit Eckholt (Hrsg.), Gender studieren. Lernprozess für Theologie und Kirche, Ostfildern 2017, S. 105–120; Lang/Peters (Anm. 12); für den europäischen Kontext vgl. David Paternotte/Roman Kuhar (Hrsg.), Anti-Gender Campaigns in Europe. Mobilizing against Equality, London–New York 2017; Schwerpunkt "Demokratie braucht Feminismus" des Gunda-Werner-Instituts der Heinrich-Böll-Stiftung: http://www.gwi-boell.de/de/demokratie-braucht-feminismus«.
20.
Vgl. zu "Gender-Ideologie" als transnationalem Diskurs verschiedener europäischer rechtspopulistischer Gruppierungen auch David Paternotte/Roman Kuhar, Gender Ideology in Movement: Introduction, in: dies. (Anm. 19), S. 1–22.
21.
Vgl. auch Hark/Villa (Anm. 19), S. 20–25.
22.
Vgl. Juliane Lang/Ulrich Peters, Antifeminismus in Deutschland. Einführung und Einordnung, in: dies. (Anm. 12), S. 13–35, hier S. 21ff.; Hark/Villa (Anm. 19), S. 26ff.
23.
Vgl. Imke Schmincke, Das Kind als Chiffre politischer Auseinandersetzung am Beispiel neuer konservativer Protestbewegungen in Frankreich und Deutschland, in: Hark/Villa (Anm. 19), S. 93–107.
24.
Vgl. Kapitel 7 im Wahlprogramm der AfD http://www.afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2017/06/2017-06-01_AfD-Bundestagswahlprogramm_Onlinefassung.pdf«; zur Familien- und Geschlechterpolitik der AfD auch Andreas Kemper, Keimzelle der Nation – Teil 2. Wie sich in Europa Parteien und Bewegungen für konservative Familienwerte, gegen Toleranz und Vielfalt und gegen eine progressive Geschlechterpolitik radikalisieren, Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2014.
25.
Vgl. Henning von Bargen/Barbara Unmüßig, Antifeminismus – Scharnier zwischen rechtem Rand und Mitte, 16.9.2016, http://www.gwi-boell.de/de/2016/09/28/antifeminismus-scharnier-zwischen-rechtem-rand-und-mitte«; Eszter Kováts/Maari Põim, Gender als Symbolic Glue. The Position and Role of Conservative and Far Right Parties in the Anti-Gender Mobilizations in Europe, Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung, Berlin 2015.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Imke Schmincke für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.