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20.4.2018 | Von:
Susanne Maurer

Hedwig Dohms "Die Antifeministen"

Wer war Hedwig Dohm?

Die erste knappe Antwort lautet: Hedwig Dohm war Autodidaktin, Publizistin, Schriftstellerin, Frauenrechtlerin. Sie war ein streitbarer, kritischer Geist, eine Querdenkerin und eine feministische Intellektuelle, die vielleicht "brillanteste und radikalste Feder der historischen Frauenbewegung".[24] Nicht zuletzt war sie konsequente Kriegsgegnerin.[25] Nach einer ersten Wiederentdeckung Hedwig Dohms im Kontext der Neuen Frauenbewegung der 1970er und 1980er Jahre[26] haben sich in den vergangenen Jahren vor allem die Historikerin Nicola Müller und die Literaturwissenschaftlerin Isabel Rohner um neue Zugänge zu ihrem Werk bemüht und neue Lesarten des belletristischen und dramatischen Werks von Hedwig Dohm angeboten.[27]

Hedwig Dohm war eine der ersten Frauen in Deutschland, die das uneingeschränkte Frauenwahlrecht forderte. Diese Forderung zu Beginn der 1870er Jahre zu erheben, kurz nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs, war insofern etwas Besonderes, als in dieser Zeit Frauen jede politische Betätigung abgesprochen, wenn nicht gar per Gesetz untersagt war. Die ersten organisierten Versuche, sich für Frauenrechte und mehr Gleichheit in den Geschlechterverhältnissen einzusetzen, waren damit zurückgedrängt und setzten sich eher im Hintergrund fort, bis es gegen Ende des 19. Jahrhunderts dann zu einem deutlichen Erstarken frauenbewegter Bestrebungen kam, was sich nicht zuletzt in der Entwicklung und Ausdifferenzierung entsprechender Vereine und Organisationen zeigte.[28] Das Wahlrecht für Frauen blieb dabei allerdings noch sehr umstritten – und dies nicht nur in Deutschland.

Hedwig Dohm hat in ihrer eigenen Lebensgeschichte blockierende Verhältnisse ebenso erlebt wie radikale Aufbrüche: aus beengten und beengenden familiären Verhältnissen heraus in ein intellektuelles Leben, in ein Publik-Werden – nicht nur im Rahmen der Geselligkeit der Salonkultur, sondern auch als Autorin und Dramatikerin, und später dann als Akteurin in der radikaleren Strömung der bürgerlichen Frauenbewegung. Die Germanistin Ludmila Kaloyanova-Slavova hat Frauen wie Hedwig Dohm als "Übergangsgeschöpfe" bezeichnet.[29] Sie macht uns damit aufmerksam auf den Umstand, dass einzelne Personen (oder auch Gruppen), die den Weg aus alten Ordnungen und Verhältnissen in eine mögliche neue, andere, aber noch unbekannte Ordnung wagen – und einen solchen Weg damit auch für andere anzeigen –, häufig existenziell-krisenhafte Erfahrungen (etwa der Isolation) machen.

Einige biografische Hinweise mögen hier genügen, um nachvollziehbar zu machen, vor welchem Erfahrungshintergrund Hedwig Dohm ihre politische Kritik formuliert und durch welches Anschauungsmaterial ihre scharfen Analysen inspiriert sind. Dohm wird 1831 in Berlin als uneheliches Kind eines begüterten Vaters geboren, der die Mutter seiner insgesamt 17 Kinder lange Zeit nicht heiraten kann, weil sie als nicht standesgemäß gilt. In diesen konflikthaften familiären Verhältnissen erlebt Dohm, dass die Töchter eine grundlegend andere Behandlung erfahren als die Söhne. Jenen wird eine gymnasiale Schulbildung selbstverständlich ermöglicht, die Mädchen müssen mit einer schlechten und eng begrenzten Schulbildung vorlieb nehmen. In manch anderen bürgerlichen (auch adligen) Familien haben Mädchen Zugang zu besseren Bildungschancen, auch wenn das Mädchenschulwesen insgesamt noch nicht besonders entwickelt ist – so werden manche zusammen mit ihren Brüdern unterrichtet, andere haben das Glück, an gute Hauslehrerinnen oder an ein besonders gutes Mädchenpensionat zu geraten.

Hedwig Dohm bleibt diesbezüglich auf die eigenen autodidaktischen Anstrengungen verwiesen; später besucht sie ein Lehrerinnenseminar. Zugang zu Kunst, Literatur, Wissenschaft, Philosophie und auch Politik eröffnet ihr die Ehe mit Ernst Dohm, dem leitenden Redakteur der Satirezeitschrift "Kladderadatsch". Sie führt nun ihren eigenen Salon und kommt mit Menschen unterschiedlicher politischer Orientierung in Kontakt, nicht zuletzt mit Sozialdemokrat_innen.

Neben wissenschaftlichen Abhandlungen verfasst Dohm Märchen, Lustspiele, Novellen, Gedichte – und Romane, in denen sie subtil aufzeigt, was Einengung und Unterdrückung qua Geschlecht mit Frauen macht und wie schwer ein Weg zur Befreiung sein kann. In den Novellen oder Romanen kommt nicht zuletzt so etwas wie die Schwierigkeit "weiblicher Subjektwerdung" und auch eine Art "Sprachkrise"[30] zum Ausdruck, die darauf zurückzuführen ist, dass die subjektiven und gesellschaftlichen Erfahrungen von Frauen in der vorherrschenden symbolischen Ordnung (noch) keine Entsprechung finden. Auf derartige Zusammenhänge lässt sich vielleicht auch das folgende Zitat von Hedwig Dohm beziehen: "Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!"[31]

Einen kollektiven Reflexionsraum für ihr feministisches Denken findet Hedwig Dohm erst, als sich der radikale Flügel der bürgerlichen Frauenbewegung stärker ausprägt; hier wirkt sie mit an vielfältigen Aktivitäten, gehört zu den (Gründungs-)Mitgliedern wichtiger Vereine.[32] Zu nennen sind hier vor allem der "Verein Frauenwohl" und der "Frauenverein Reform", die für eine umfassende Bildung für Frauen sowie für das Recht auf Berufs- und Erwerbstätigkeit eintreten, aber auch der von Helene Stöcker mitbegründete "Bund für Mutterschutz und Sexualreform", der nichts weniger als das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über ihren eigenen Körper und ihre eigene Sexualität fordert. Dohm schreibt nun auch für die entsprechenden Zeitschriften (wie Minna Cauers "Die Frauenbewegung"). Zugleich bleibt sie weiter verbunden mit anderen politischen Szenen; sie schreibt für Maximilian Hardens "Die Zukunft", für Joseph Blochs "Sozialistische Monatshefte" und für Franz Pfemferts pazifistische Zeitung "Die Aktion".

Fußnoten

24.
FrauenMediaTurm (Anm. 21).
25.
Vgl. ebd.
26.
Ihre Schriften wurden zunächst im Züricher Ala-Verlag wiederaufgelegt.
27.
Siehe die von ihnen verantwortete "Edition Hedwig Dohm" im Berliner Trafo-Verlag.
28.
Vgl. Ute Gerhard, Unerhört. Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung, Frankfurt/M. 1990; Rosemarie Nave-Herz, Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland, Bonn 1993.
29.
Vgl. Ludmila Kaloyanova-Slavova, Übergangsgeschöpfe. Gabriele Reuter, Hedwig Dohm, Helene Böhlau und Franziska von Reventlow, Bern 1998.
30.
So auch die Kommentierung der 1894 unter dem Titel "‚Werde, die du bist!‘ Wie Frauen werden" erschienenen Novellen auf http://www.hedwigdohm.de«, Abschnitt "Hedwig Dohms Werk". Vgl. dazu ebenfalls Gaby Pailer, Schreibe, die du bist. Die Gestaltung weiblicher "Autorschaft" im erzählerischen Werk Hedwig Dohms, Pfaffenweiler 1994.
31.
Das Zitat entstammt dem 1876 erschienenen Text Hedwig Dohms "Der Frauen Natur und Recht. Zur Frauenfrage. Zwei Abhandlungen über Eigenschaften und Stimmrecht der Frauen" (Neuausgabe 1986 im Ala-Verlag Zürich) und wird hier zitiert nach FrauenMediaTurm (Anm. 21).
32.
Vgl. dazu im Detail Nikola Müller/Isabel Rohner (Hrsg.), Hedwig Dohm. Ausgewählte Texte. Ein Lesebuch zum Jubiläum des 175. Geburtstages mit Essays und Feuilletons, Novellen und Dialogen, Aphorismen und Briefen, Berlin 2006.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Susanne Maurer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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