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20.4.2018 | Von:
Susanne Maurer

Hedwig Dohms "Die Antifeministen"

Kritik an den Geschlechterverhältnissen und allgemeine Forderung nach Freiheit

Hedwig Dohms feministische Essaybände sind im Zuge der ersten Wiederentdeckung im Kontext der Neuen Frauenbewegung sehr stark rezipiert worden. In dem Band "Was die Pastoren von den Frauen denken" (1872) greift sie die Kategorisierung der Geschlechter in "Wesen des Geistes" und "Wesen des Herzens" an. Ihre eigene Vision ist die des "Ganzmenschen".[33] In der Essaysammlung "Der Jesuitismus im Hausstande" (1873) erklärt Dohm dann das – historisch noch gar nicht so alte – "Hausfrauendasein" für überflüssig; stattdessen fordert sie, dass Hausarbeit und Kindererziehung von gesellschaftlichen Institutionen übernommen werden – eine Idee, die auch von utopischen Sozialist_innen, später dann von manchen Sozialdemokrat_innen wie der Frauenrechtlerin Lily Braun oder Kommunist_innen als "Vergesellschaftung" oder "Kommunalisierung" reproduktiver Arbeit vertreten wird.

Von großer Kraft und Schärfe sind Dohms Schriften zur "wissenschaftliche[n] Emancipation der Frauen" (1874), mit denen sie die angeblich nicht vorhandene Denkfähigkeit von Frauen ad absurdum führt. Meist adressiert sie dabei direkt diejenigen Autoren, die den diesbezüglichen Beweis führen wollen, und führt auf diese Weise sozusagen offensiv das Streitgespräch, das jene verweigern, weil sie Frauen nicht als ernstzunehmende Gesprächspartnerinnen ansehen. Dohms 1876 erschienene Schrift "Der Frauen Natur und Recht" erinnert nicht zufällig an Mary Wollstonecrafts "A Vindication of the Rights of Women" (1792) – die darin vertretene "naturrechtliche Position" entspricht dem "egalitären Denken" im Feminismus, wie es bereits in den "Querelle des Femmes"[34] (Diskurs um die Frauen) um 1800 bestritten und verteidigt worden ist. Demnach sind Frauen in erster Linie Menschen, und von daher ebenso vernunftbegabt und zur Freiheit geboren wie Männer. Dohm fordert für Frauen eine "uneingeschränkte Freiheit …, Freiheit auch von dem Glauben, dass mit der Mutter oder der Gattin die Lebensaufgabe des Weibes erledigt sei, Freiheit von jeder autoritativen Vorschrift, von jedem Verbot, die der Frau den Daseinszweck bestimmen wollen".[35]

Sie geht – ähnlich wie ihre Zeitgenossin, die Pazifistin Bertha von Suttner – davon aus, dass es nicht "von Natur aus" klar sei, was Frauen und Männer unterscheide; vielmehr könne über eventuelle Geschlechtsunterschiede überhaupt erst dann gesprochen und geurteilt werden, wenn allen Menschen alle Möglichkeiten gleichermaßen offen stünden. Da davon zeitgenössisch keinesfalls die Rede sein könne, solle von den so flächendeckend beschworenen "natürlichen Unterschieden" doch besser geschwiegen werden.

Dohms grundlegende politische Haltung zeigt sich vielleicht am klarsten in dem folgenden Zitat: "Ich bin des Glaubens, dass die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine unterworfene Menschenklasse zu sein."[36] Für Hedwig Dohm sind Sklaverei, Antisemitismus und Frauenunterdrückung letztlich Ausdruck desselben Prinzips – des Prinzips der "Abwertung von Anderen", das funktioniert, indem "Andere" als solche konstruiert und damit in gewisser Weise überhaupt erst konstituiert werden. Heute würden wir diesen Zusammenhang als "Othering"[37] bezeichnen; es geht dabei um die Frage, wie "die Anderen" zu "Anderen" werden und welche Funktion diese Prozesse haben. Mit anderen Worten: Was kann damit gerechtfertigt und ermöglicht werden?

Charakterisierung der "Antifeministen"

Auf ihre gewohnt witzige und ironische Weise teilt Hedwig Dohm die Gegner der Frauenbewegung und Frauenemanzipation in vier Kategorien ein: Sie unterscheidet in "Altgläubige", "Herrenrechtler", "praktische Egoisten" und "Ritter der mater dolorosa".[38]

Als "Altgläubige" bezeichnet Dohm diejenigen, die sich auf eine – zunächst behauptete und dann hartnäckig verteidigte – "Tradition" beziehen, nach dem Motto: "So war es schon immer, und so soll es bleiben". Ob die Tradition, auf die dabei gepocht wird, sinnvoll ist, ob sie für alle dieselben Vorteile bringt, wer darunter womöglich leidet, erscheint dabei unerheblich. Interessant ist an dieser Stelle, dass die so massiv ins Feld geführte "Tradition" häufig eine historisch recht junge Idee oder Praxis sein kann, die aber ihrer Geschichtlichkeit (und damit Veränderlichkeit) enthoben wird, indem sie als Überliefertes und (von wem eigentlich?) Übergebenes wie ein ewiges Gesetz erscheint.

Die "Herrenrechtler" sind bei Dohm diejenigen, denen es um die Sicherung ihrer Vormachtstellung, ihrer Dominanz geht. Hier werden die Geschlechterverhältnisse als Herrschaftsverhältnisse erkennbar, denn es geht nicht einfach um eine irgendwie geartete harmlose Differenz oder um eine harmonisch gedachte Komplementarität (ein Ergänzungsverhältnis) zwischen den Geschlechtern, sondern darum, dass die (unterstellte, behauptete) Geschlechterdifferenz der Begründung und Rechtfertigung einer klaren Hierarchie zwischen Mann und Frau dient.

Die Kategorie "praktische Egoisten" verweist auf die Dimension des Alltags, auf die Frage, wer von bestimmten Geschlechterordnungen – oder Arbeitsteilungen qua Geschlecht – profitiert. Die Frage, wer das Klo putzt und wer wem die Socken wäscht, ist hier entscheidend. "Praktische Egoisten" können durchaus freundlich sein, und dennoch wird auch von ihnen ein Geschlechterregime aufrechterhalten, das Dominanz- und Unterwerfungsmomente birgt. Auch hier werden Frauenrechte nicht gerade begünstigt, werden gleiche Möglichkeiten für alle, Gleichberechtigung, oder gar eine neue Art der Arbeitsteilung, kaum vorangebracht.

In die vierte Kategorie gehören für Hedwig Dohm die "Ritter der Mater dolorosa", die Ritter der "schmerzensreichen Mutter". Das ist eine Anspielung auf ein recht altes Motiv, das Frauen auf die beiden Pole "Heilige oder Hure" verteilt (die in komplexer Weise aufeinander verweisen); damit ist auch ein Denken gemeint, mit dem Frauen idealisiert und auf ein Podest gestellt werden, wobei ihnen zugleich ein bestimmter Platz zugewiesen und keine Eigenbewegung erlaubt wird. Der auf diese Weise "geheiligten" Frau wird kein eigenes Begehren, keine aktive Sexualität zugestanden; sie kann höchstens Mutter sein, die sich opfert, eben als "Schmerzensreiche".

In ihrer Kennzeichnung des Antifeminismus als Phänomen versäumt Hedwig Dohm es nicht, auf die Macht der ständig wiederholten Behauptung hinzuweisen (und damit auch auf die Bedeutung von Medien beziehungsweise auf die Bedeutung dessen, was uns tagtäglich medial erreicht und beeinflusst): "Solche unentwegt wiederholten Behauptungen wirken beinah wie die Riesenreklamen für irgendein Mittel, die uns in großen Städten oft jahrelang von allen Mauern, Säulen, Zäunen entgegengrinsen, bis sie uns förmlich hypnotisieren – fast gegen unseren Willen – kaufen wir."[39]

Fußnoten

33.
FrauenMediaTurm (Anm. 21).
34.
Vgl. Friederike Hassauer (Hrsg.), Heißer Streit und kalte Ordnung. Epochen der "Querelle des femmes" zwischen Mittelalter und Gegenwart, Göttingen 2008.
35.
Zit. nach FrauenMedia Turm (Anm. 21).
36.
Ebd.
37.
Maria do Mar Castro Varela/Paul Mecheril (Hrsg.), Die Dämonisierung der Anderen. Rassismuskritik der Gegenwart, Bielefeld 2016.
38.
Vgl. Dohm (Anm. 16), S. 5ff.
39.
Ebd.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Susanne Maurer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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