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15.7.2002 | Von:
Jochen Thies

Das Ringen um eine neue Weltordnung

Zum Verhältnis zwischen Europa und Amerika

Die Entfremdung zwischen Amerika und Europa hat mit dem Ende des Kalten Krieges eingesetzt. Durch den 11. September 2001 und seine Folgen hat sie sich weiter verschärft.

I. Abschnitt

Die wachsende Entfremdung zwischen Europa und Amerika ist ursächlich nicht allein auf den 11. September 2001 und seine Folgen zurückzuführen. Die Kontinentaldrift hat schon früher eingesetzt - mit dem Ende des Kalten Krieges. Die Bekämpfung des Terrorismus, eine unterschiedliche Sicht der Lage und der daraus resultierende Kampf um eine Neue Weltordnung zwischen Europäern und Amerikanern sind seit den Anschlägen in New York und Washington hinzugekommen. Für das Verhältnis der Bundesrepublik Deutschland zu Amerika sind - anders als für andere westeuropäische Staaten, in denen die Erinnerung an die Befreiung vom Nazijoch durch Amerika lebendig ist und weiter wachgehalten werden wird - weitere Belastungsfaktoren zu nennen.


Da ist zunächst hinsichtlich des deutsch-amerikanischen Verhältnisses ein doppelter Generationsbruch zu konstatieren, der bereits den Scheitelpunkt passiert hat: Auf beiden Seiten des Atlantiks sterben die Mittler-Generationen allmählich aus. Sie wurden in den Vereinigten Staaten angeführt von Emigranten, die im Falle von Henry Kissinger außergewöhnliche politische Karrieren zurücklegten und dadurch bis heute wie "Leuchttürme" wirken konnten. Ihre "counter-parts" in einer Phase einer fünfzigjährigen sehr engen Beziehung waren Deutsche, die in jungen Jahren eine Ausbildung in Amerika erhalten hatten. Die USA waren da sehr weitsichtig: Re-education beinhaltete auch, kommenden Mitgliedern der deutschen demokratischen Führungselite Perspektiven zu eröffnen und sie dadurch lebenslang an die USA zu binden. Diese spezielle Amerika-Sozialisation kommt nun an ihr Ende. Viele junge deutsche Akademiker, die jetzt in den USA studieren, kehren in die Enge und das festgefahrene System der Bundesrepublik nicht zurück. Sie fallen dadurch - anders als ihre Väter - als Multiplikatoren für westliche, anglo-amerikanische Sichtweisen und Einstellungen aus. Wichtige Mittler-Organisationen wie die Atlantik-Brücke oder die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik haben an Einfluss eingebüßt, auch weil sie sich nicht für neue Generationen öffneten. Bei hochkarätigen deutsch-amerikanischen Konferenzen dominieren die 65 - bis 75-Jährigen. Das war in den sechziger und siebziger Jahren ganz anders.

Hinzu kommt der gewaltige Schrumpfungsprozess der Massenbasis durch den Abzug der GI's aus Europa. Über zwölf Millionen Amerikaner, Soldaten und Familienangehörige, haben zwischen 1949 und dem Fall der Berliner Mauer in Deutschland gelebt. Übrig geblieben ist lediglich ein kleines Expeditionskorps mit einigen Schwerpunkten im Rhein-Main-Gebiet, das jederzeit abberufen werden kann. Zu dieser Lage passt die peinliche Diskussion um die Errichtung der US-Botschaft am Pariser Platz in Berlin, die mit etwa zehnjähriger Verspätung jetzt gebaut wird. Dabei hatten die Amerikaner als treibende Kraft bei der deutschen Wiedervereinigung schon 1993 als erste an historischem Ort den Grundstein für den Neubau gelegt. Aber dann gab es zwei Regierungswechsel in Washington, Abstimmungsprobleme mit dem Berliner Senat und Anschläge auf US-Einrichtungen in Ostafrika. Washington schraubte seine Sicherheitsanforderungen an das Gebäude so hoch, dass es keine Kompromissmöglichkeit gab. Die USA sahen den Pariser Platz offenbar wie irgendeinen Ort in der (Dritten) Welt, bei dem Sicherheitsaspekte alle anderen Überlegungen dominieren. Es mangelte ebenfalls an Sensibilität, als Washington auf die Errichtung eines Pavillons bei der Weltausstellung in Hannover verzichtete. Schließlich plante der Regierende Bürgermeister von Berlin Auslandsreisen, wenn der amerikanische Präsident in der Stadt weilt.

Für weitere Instabilitäten in der Beziehung zwischen Deutschland und Amerika - und keine regierungsamtliche Pressepolitik kann dies verhindern - sorgt der latent vorhandene (alte) kulturelle Antiamerikanismus, für den sich die Straße leicht mobilisieren lässt. Es gibt ihn nicht nur bei den 68ern und ihren Kindern, sondern auch in konservativen Kreisen und erst recht bei den Ostdeutschen. Die starke Position der PDS in Ostdeutschland, ihr opportunistischer Kurs in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik - Schicksalsfragen einer Nation - zeigt an, dass das Ringen um die Westbindung Deutschlands noch längst nicht vorüber ist. Nicht von ungefähr ist es binnen weniger Jahre zu einer totalen Abkühlung im deutsch-französischen Verhältnis gekommen. Die Wiedervereinigung mit einer Verschiebung des Schwerpunkts des Landes nach Osten und Norden, die Zunahme protestantischer Einstellungen, nicht notwendigerweise Konfessionalität, die Verlagerung des Regierungssitzes und das Wählerverhalten zeigen an, dass um alle Fragen, um die in der Frühphase der Bundesrepublik zwischen 1949 und 1955 gerungen werden musste, nochmals gekämpft werden muss. In der Außenpolitik gibt es keine Selbstverständlichkeiten. Wenn um die Köpfe und Emotionen der Massen nicht gerungen wird, stehen die Funktionseliten eines Tages allein da.

Die Bundesrepublik ist aufgrund ihrer Vorgeschichte hier auch deswegen ein Sonderfall, weil die Spielräume von Regierungen und Führungseliten in außen- und sicherheitspolitischen Fragen in Westeuropa in der Regel größer sind. Zudem gibt es dort große personelle Kontinuitäten in den Führungsgruppen. Das blinde Vertrauen der Deutschen in die Rolle und Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts und die Überschätzung juristischer Aspekte in der Politik haben dazu geführt, dass Deutschland gegenwärtig bei Ausbruch einer großen Krise faktisch handlungsunfähig ist. Die Kanzlermehrheit, vor wenigen Jahren als Formalie gesehen, hat sich im Falle einer rot-grünen Regierungskoalition als Schwachstelle für das außenpolitische Handeln der Bundesrepublik erwiesen. Darüber hinaus muss jede Berliner Regierung damit rechnen, dass in einer großen internationalen Krise Großbritannien, aber auch Frankreich, aus Absprachen der Europäischen Union ausbrechen und eine Politik des nationalen Alleingangs - als Nuklearmächte, ständige Mitglieder im UN-Sicherheitsrat und als alte Kampfgefährten der USA - bestreiten. Die "Normandie-Koalition" von 1944 existiert weiterhin in den Köpfen und in den Emotionen. Und Deutschland und Westeuropa müssen sich auf weitere Überraschungen einstellen, wenn erst einmal die Mittel- und Osteuropäer in der NATO und EU angekommen sind. Als Westeuropa sich im letzten Sommer in Mazedonien engagierte, landeten tschechische Fallschirmjäger als erste NATO-Soldaten in Skopje. Wenn bei einer Krise im Mittleren Osten NATO-Staaten aus innenpolitischen Gründen den USA Überflug- oder Landerechte verweigern sollten, stehen nun Staaten wie Rumänien oder Bulgarien für Washington bereit. In der Kerngruppe Westeuropas sind schließlich auch Italien und Spanien Alleingänge zuzutrauen. Der 11. September - in jeder Hinsicht ein Katalysator und Beschleuniger von historischen Prozessen - hat offen gelegt, dass alte Allianzen leicht hinweggefegt werden können durch neue Notwendigkeiten. Angesichts der Stärke und Entschlossenheit der USA erscheint durchaus denkbar, dass die Welt nun in ein Zeitalter lockerer und sich rasch wandelnder Bündnisse zwischen der Supermacht und einzelnen Staaten eintritt.

Aber auch dieser Zustand könnte sich binnen weniger Jahrzehnte ändern, wenn es der Volksrepublik China gelingen sollte, zum ebenbürtigen Konkurrenten der USA aufzusteigen oder Amerika in der Weltführungsrolle sogar abzulösen. Denn der bisherige Verlauf der Weltgeschichte hat gezeigt, dass sich eine Weltvormacht auf Dauer nie hat halten können und dass jeder Versuch, die Weltherrschaft zu erringen - zuletzt haben es Hitler und Stalin versucht -, zum Scheitern verurteilt ist. Auf Franzosen, Spanier und Holländer sind die Briten mit ihrem Empire gefolgt. Die herausragende Stellung Amerikas hält nun ein knappes Jahrhundert an. Noch erscheint es kaum vorstellbar, dass in einer denkbaren Zeit eine andere Macht an die Stelle der USA treten wird. Aber dieser Zeitpunkt wird kommen. Daher müssen sich die Europäer zumindest gedanklich auf diese mögliche Konstellation vorbereiten und über Alternativen zum augenblicklichen Zustand der Weltpolitik nachdenken.