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22.5.2002 | Von:
Sylvia Klötzer

"Über-Lebenszeit": Kabarett in der Transformation

Die Dresdner "Herkuleskeule" vor und nach 1989

I. "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle": Leiden an der DDR

Die Vorbereitung von "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" zog sich zwei Jahre hin. Dabei bewegte sich die "Außenseiterkonferenz mit Diskussionsbeiträgen von Peter Ensikat und Wolfgang Schaller" durchaus im Rahmen der von der SED 1986 gewünschten Funktion "aktuell-politischer Kabarettprogramme", die "künstlerisch überzeugend" sein, "politisch-ideologische Klarheit" der Autoren belegen und auf "einem fundierten Klassenstandpunkt basieren . . ." [4] sollten. Diesen Anspruch löste das Kabarettstück auch ein. Jedoch leisten Ensikat und Schaller hier Fundamentalkritik im Sinne Gorbatschows, die sich gegen die orthodoxe und selbstherrliche Parteilinie der SED richtete.

Hat es gelegentlich noch den Anschein, als ginge es lediglich um Symptomkritik, wie zum Beispiel an der inhaltsleeren Rhetorik langatmiger (Parteitags-)Reden, so kommt bereits mit der Eingangsszene Grundsätzliches ins Spiel. Das Programm beginnt bereits an der Tür zum Zuschauerraum, wo die Kabarettisten ihr Publikum als "Abgeordnete" begrüßen und statt eines Programmhefts eine "Delegiertenmappe" verkaufen. Danach setzen sie sich mit dem "Volk" ins Foyer, nach "unten". Dort beginnt die "Konferenz". Schließlich wird einer der Schauspieler auf die Bühne geschickt und muss den Versammlungsleiter spielen. Weil er das Manuskript für seine Rede nicht finden kann, wird er "von unten" aufgefordert, "kurz die Konferenz [zu eröffnen], dann kann jeder an's Rednerpult gehen. Jeder hat die gleichen Rechte" [5] . Die Kritik an der Rechtlosigkeit des Volkes - die sich in dieser Inszenierungsweise findet - hätte noch zugespitzt werden können, wenn der darauf folgende Dialog nicht zensiert worden wäre. Aus dem Zuschauerraum sollte gerufen werden: "Es gibt kein oben und kein unten" - vordergründig auf das Unten im Zuschauerraum und auf das Oben der Bühne bezogen, in der Antwort des Versammlungsleiters jedoch auf das Gesellschaftsmodell hin präzisiert: "Sie wollen wohl den Sozialismus auf den Kopf stellen?!" [6] Durch die erzwungene Streichung dieser Textstelle wurde verhindert, dass bereits in der Eingangsszene die zentrale These des Kabarettstückes auftauchte: der Widerspruch zwischen sozialistischem Modell und gesellschaftlicher Praxis. Schritt für Schritt entfaltet sich in Teilaspekten, Beispielen und Gleichnissen die Argumentation eines "auf den Kopf gestellten" Sozialismus, der Umkehrung des Sozialismus-Modells in der DDR.

Auf diese Leitidee - und Triebkraft für die satirische Kritik - verweist bereits der Titel des Kabarettprogramms mit seinem klar erkennbaren Bezug zum Kommunistischen Manifest, ". . . worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist" [7] . Sie findet sich im Programmheft verstärkt, wo das Marx-Zitat in der "ungestutzten Ausgabe" eines "Referats" abgedruckt ist. Insgesamt trägt das Kabarett eine Debatte weiter, die von der Literatur ausgegangen war und die Verfälschung des Marx-Gedankens in der DDR zum Thema gemacht hatte. [8] Die Kritik im Kabarett, die sich in ihrer radikalsten Form erst im Stückzusammenhang erschließt, lautet, dass das gesellschaftliche Modell und die gesellschaftliche Praxis nicht nur auseinander klaffen, sondern dass sie sich widersprechen. Die Starre des Systems begründe sich darin, dass statt freier Entwicklung von Individuen, gesellschaftlichen Gruppen und Ideen Gleichschritt und Unterordnung erzwungen werde. Im Ergebnis herrsche der "Durchschnitt".

Der fiktive künstlerische Rahmen einer "Außenseiterkonferenz" integriert die einzelnen Kabarettnummern und Lieder und stellt seinerseits das real existierende Muster eines SED-Parteitags "auf den Kopf". Er verschafft den Anlass, statt einer Bilanz der Erfolge ein Panorama gesellschaftlichen Versagens zu präsentieren. Die alternative "Konferenz" kann sowohl als Fundamentalkritik wie zugleich als Parteitagsparodie im Parteitagsjahr rezipiert werden. Auf der Kabarettbühne wird vorgeführt, wie die freie Entwicklung eines jeden gerade behindert, unterdrückt und diffamiert wird. Diesem Prozess, als Ausgrenzung beschrieben, unterliegen Arbeiter, Schüler, Wissenschaftler, Künstler wie Reformkommunisten.

Als allererste Gruppe von "Ausgegrenzten" präsentiert das Kabarett die Arbeiter. Es wird gezeigt, dass sie sich in der sozialen Hierarchie noch immer "unten" befinden. Die Diktatur dagegen liegt in Händen der SED-Funktionäre, die "oben" stehen und das Sagen haben, gleichwohl sie nichts zu sagen haben, denn ihre Reden sind inhaltsleer und scheinheilig. Ein Arbeiter, dem der "Versammlungsleiter" auf der Bühne eben noch versicherte, dass alle frei reden könnten, bekommt in dem Moment ein Manuskript aufgezwungen, als er tatsächlich frei zu sprechen ansetzt. Daraufhin liest der Arbeiter leiernd den ihm zugeschobenen Text ab: "Ich bin ein Arbeiter, und darauf bin ich stolz." [9] Im anschließenden Sketch "Sinn und Norm" sehen wir diesen Arbeiter in seiner Wohnung: "Immer, wenn ich mich bedrängt fühle, muss ich steppen", erzählt er. Sein (Wohn-)Ort (im Sozialismus) erlaubt ihm diese Art Bewegungsfreiheit nicht, erlaubt ihm nichts, was außerhalb einer "Norm" liegt: Er erlaubt ihm keinen gesellschaftlichen Aufstieg. Dies wird in einem Bild erzählt: Der Balkon in seinem Plattenbau weist einen "Konstruktionsfehler" auf, er ist nur einen Fuß tief, dafür jedoch ausgesprochen breit, für den "Stepptänzer" völlig ungeeignet.

Auch Schüler stellt das Kabarett als "Außenseitergruppe" vor und zielt dabei auf das DDR-Schulsystem. [10] Singend kommt eine "Pioniergruppe" auf die Bühne marschiert: "Soll'n im Gleichschritt uns entfalten/und im Kampfe stille stehn". Das alte Arbeiterkampflied, das auch in der Bearbeitung zu erkennen ist, dient der Erinnerung an die Tradition, in der die DDR ihre Kinder zu erziehen vorgab. Es evoziert den Kampf um die Befreiung des Menschen aus der Unterdrückung. Dieser Kampf, so lautet das Argument der Szene, wird in der DDR nur noch rhetorisch geführt. Was als "Kampf" bezeichnet werde, sei Unterordnung: "Unser Kampfziel: Disziplin", heißt es im Refrain. Unter der Losung, die Persönlichkeit zu "entfalten", ginge es um das exakte Gegenteil, um die Verarmung von Persönlichkeit im "Gleichschritt", in der Anpassung und Unterwerfung. Als Belohnung dafür winke Status und materieller Wohlstand. Dies, so verkünden die alternativen "Pioniere" auf der Kabarettbühne, sei für sie nicht erstrebenswert. Von der Warte moralisch überlegener Jugendlicher aus kann das DDR-Schulsystem angegriffen werden. Damit ist im Gesamtzusammenhang des Kabarettstücks eine der Ursachen für den insgesamt thematisierten gesellschaftlichen Stillstand benannt. Zugleich findet sich hier eines der wenigen Hoffnungsmomente. Der neuen Generation wird das Potenzial zugesprochen, sich dem (Bildungs-)System, das zum Schweigen - oder aber zum Lügen - erzieht, zu widersetzen, indem sie sich weigert "nachzusprechen" und stattdessen auf Wahrheit besteht. Es ist kein Zufall, dass die Strophe, die einen direkten Bezug zwischen Lüge und SED herstellte, gestrichen werden musste: "Sah ein Knab den Vater stehn/stets auf hohem Rosse/war so klug und log so schön,/lief der Sohn ihn nah zu sehn,/sah, er ist Genosse/Aber Vaters, Vaters Rot/war nur äußre Posse." [11]

Wie konnte dieses Programm auf die Bühne kommen, das die Zukunft und Zukunftsperspektive für die DDR an "Außenseiter", "Ausgestoßenes", "Ausgegrenztes" band und damit den allgemeinen Substanzverlust bezeichnete - ein Stück, das argumentierte, die DDR-Gesellschaft habe sich ihres Zentrums, ihrer zentralen Ideen und Ideale entledigt? [12] In größerer Perspektive betrachtet trug dazu bei, dass Wolfgang Schaller und Peter Ensikat 1976 an der "Herkuleskeule" begonnen hatten, zusammenzuarbeiten. [13] 1980 kam ihr erstes Kabarettstück heraus, "Bürger, schützt Eure Anlagen", in dem ein Thema komplexer, aber auch weniger pointiert ausgedeutet wurde, als dies in isolierten Kabarettnummern geschieht. In dieser Tradition stehen auch "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle". Ebenso waren die politischen Bedingungen im Bezirk Dresden kein unbedeutender Aspekt dafür, dass sich unbequemes Kabarett entwickeln konnte. Nicht umsonst galt Hans Modrow, der 1973 Werner Krolikowski als 1. Sekretär der Dresdner Bezirksleitung abgelöst hatte, als "Hoffnungsträger" in der DDR. Und nicht zuletzt spielte eine Rolle, dass Dresden ein wenig im Windschatten des Berliner Machtzentrums lag.

In Dresdner Nah-Perspektive besehen zeigt sich, dass sperriges Kabarett nur möglich war, wenn die verantwortlichen Kulturfunktionäre eingebunden werden konnten. Im Falle von "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" sorgten Wolfgang Schaller und der Kabarettdirektor Manfred Schubert dafür, dass die zuständigen Kulturabteilungen in der Dresdner SED-Bezirksleitung, der SED-Stadtleitung, dem Rat des Bezirkes Dresden sowie dem Rat der Stadt früh in den Entstehungsprozess des Programms einbezogen wurden. Nachdem der Leiter der mächtigsten Kulturabteilung des Bezirkes, der SED-Bezirksleitung, einen detaillierten Programmentwurf erhalten hatte, notierte er: "Die Genossen der ,Herkuleskeule' übermittelten uns folgende Problemstellungen aus ihrer Sicht, zu denen sie gern sachkundige Erläuterungen in Gesprächsform als Denkanstöße hätten [. . .]." [14] Die durchaus ironisch zu denkende strategische Bitte um "sachkundige Erläuterungen" und "Denkanstöße" richtete sich vor allem darauf, dass der Kulturfunktionär seine Bedenken offen legen sollte. Die Autoren wiederum versuchten den Widerstand, der schon qua amtlicher Funktion zu erwarten war, abzufedern, indem sie ihre Loyalität gegenüber der SED und der DDR herausstellten: "Wir sind keine Untergrundkämpfer, sondern wollen Mitstreiter und Verbündete sein, und wir werden keine Gelegenheit auslassen, das zu betonen und durch unsere Arbeit zu beweisen." [15] Wie nötig der Kniefall war, belegen die Anmerkungen zu den Kabaretttexten, die den Autoren übergeben wurden. Sie dokumentieren, dass sich auch der Leiter der Abteilung Kultur "beleidigt" fühlte, die Satire saß. Er monierte "unsinnige, platte, grobe, undialektische Gegenüberstellungen, Unverständnis" der Autoren; zu einzelnen Texten hieß es: "Völlig absurd [. . .], es wird billig [. . .], geht mir auf den Geist, [. . .], blödsinnige Auslassungen [. . .]" [16] Wolfgang Schaller reagierte darauf folgendermaßen: "Da wir natürlich Deine Meinungsäußerung ernst nehmen, wird jede weitere Diskussion schwierig. [. . .] Anmerkungen, die wir ganz schnell zu vergessen versuchen, werden ergänzt durch Vorwürfe, wir sollten erst einmal Marx lesen, ,bevor wir [. . .]' den ,gesamten real existierenden Sozialismus vor den Richterstuhl bringen'[. . .]. Wir haben ein Jahr an diesem Textbuch gearbeitet, mit Philosophen und Soziologen gesprochen, ja, und auch Marx gelesen. [. . .] Absicherung, dass keiner etwas missverstehen könne, auch wenn er noch so sehr missverstehen will, macht Satire unmöglich." [17]

In Schallers Brief fällt ein wesentliches Stichwort: Absicherung. Allen beteiligten Funktionären ging es bei der Kontrolle des Kabaretts in erster Linie darum, sich selbst abzusichern, die parteiliche Wachsamkeit zu dokumentieren gegenüber der jeweils mächtigeren Parteiinstanz. Die Angriffsrichtung des Kabarettstücks erfassten sie sehr wohl, wie die Reaktionen beweisen. Es belegt die Hypokrisie des Systems, dass die interne Verständigungsmöglichkeit über ein Programm und dessen öffentliche Aufführung als zwei verschiedene Dinge betrachtet wurden. Schaut man sich an, was verändert werden musste, dann fehlen mehrere "Reizwörter" sowie eine Reihe von Textpassagen, in denen Argumente der Szene eindeutiger oder zugespitzt wurden. Die komplexe Kritik jedoch, die das Kabarettstück im Ganzen betrachtet leistete, war nicht zu zensieren. Sie wurde allerdings auf ein weniger explizites Maß zurückgedrängt und erschließt sich in großen Teilen erst im Nach-Denken. In der "Parteiöffentlichkeit" [18] , der öffentlichen Sphäre der SED, daran gehindert, Kritik unverstellt, zugespitzt und schonungslos zu artikulieren, blieb dem Kabarett als eine Option, dass es Angebote zum Weiterdenken machte, statt seine Argumente im öffentlichen Raum des Kabaretts zu Ende zu führen. Diese Praxis indirekten Argumentierens, die das Satirische zurücknimmt, wurde nicht zuletzt durch die Vorgabe erpresst, "helfende Kritik" leisten zu sollen, das heißt, die Kritik am Zustand der DDR-Gesellschaft wenn nicht in eine optimistische, dann zumindest in eine als optimistisch interpretierbare Perspektive zu bringen. Der Rest an Optimismus, der sich in "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" auffinden lässt, bezieht sich allerdings auf sowjetische Reformpolitik und die Hoffnung, dass diese auf die DDR übergreifen werde.

Fußnoten

4.
ThStAR, Rat des Bezirkes Gera, BKS 65, "Inhaltliche Zielstellung" zur Vorbereitung der 5. Werkstatt-Tage der Kabaretts 1987, Ministerium für Kultur, Abt. Unterhaltungskunst, 2. 5. 1986, S. 2 (ThStAR = Thüringisches Staatsarchiv Rudolstadt).
5.
Alle Zitate nach dem letzten Textbuch von "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle." Eine Außenseiterkonferenz mit Diskussionsbeiträgen von Peter Ensikat und Wolfgang Schaller, Privatarchiv der "Herkuleskeule" Dresden, "Eröffnung", S. 3.
6.
Ebd.
7.
Originalzitat aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx bei Stephan Hermlin, Abendlicht, Leipzig 1979, S. 23.
8.
Stephan Hermlin hatte 1979 die Umdeutung und Umkehrung des Gedankens beschrieben. Vgl. ebd.
9.
"Auf Dich kommt es an . . ." (Anm. 5), "Referat", S. 7.
10.
"Auf Dich kommt es an . . ." (Anm. 5), "Einmarsch der Pioniere", S. 25.
11.
Ebd., S. 26.
12.
Zu den Produktionsumständen vgl. Sylvia Klötzer, Herrschaft und Eigen-Sinn: "Die Herkuleskeule" Dresden, in: Sigrid Bauschinger (Hrsg.), Die freche Muse/The Impudent Muse: Literarisches und politisches Kabarett von 1901 bis 1999, Tübingen - Basel 2000, S. 179-194.
13.
Zur "Herkuleskeule" in der "Ära Honecker" vgl. auch Dietmar Jacobs, Untersuchungen zum DDR-Berufskabarett in der Ära Honecker, Frankfurt/M. u. a. 1996.
14.
Aktennotiz der SED-Bezirksleitung Dresden, Abt. Kultur (Dr. Peter Cassier) vom 30. 1. 1985 "Betr.: Vorbereitung eines neuen Programms durch das Kabarett ,Die Herkuleskeule`", SächHStA, IV E-2/9/02/570.
15.
Schreiben Wolfgang Schallers an Dr. Cassier, SED-Bezirksleitung Dresden, Abt. Kultur, vom 6. 9. 1985, in: ebd.
16.
Zitiert nach einem Brief Wolfgang Schallers an Dr. Cassier (Bezirksleitung Dresden) vom 1. 8. 1986, in dem er aus dessen Notizen zitiert und seine Position verteidigt, SächHStA IVE-2/9/02/570.
17.
Ebd.
18.
Peter Uwe Hohendahl, Recasting the Public Sphere, in: October, (Summer 1995) 73, S. 27-54, S. 45.