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22.5.2002 | Von:
Sylvia Klötzer

"Über-Lebenszeit": Kabarett in der Transformation

Die Dresdner "Herkuleskeule" vor und nach 1989

II. "Über-Lebenszeit": Eine Abschiedsvorstellung

Arbeitete sich "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" in Glasnost-Perspektive noch am DDR-Sozialismus ab, so lässt sich das darauffolgende Kabarettprogramm "Über-Lebenszeit" als Ab- schiedsvorstellung bewerten. Es sprengt den Rahmen von DDR-Satire; es erzählt vom Ende der DDR, bevor diese tatsächlich zu Ende war, und kann so auch über die DDR selbst hinausweisen.

Diese letzte Produktion der "Herkuleskeule", die im Dezember 1988 herauskam, brachte tiefe Ernüchterung zum Ausdruck. "Über-Lebenszeit" [19] ist ein bitteres, schrilles und gelegentlich auch aggressives Stück. Es enthüllt die Desillusionierung und Verbitterung von Autoren, die Sozialismus in der DDR für einlösbar gehalten hatten. Stattdessen sehen sie sich in einem Staat, in dem die gesellschaftliche Utopie in ihr Gegenteil umgeschlagen ist und so keinerlei Bindungskraft mehr haben konnte, und sie erleben eine Regierung, die auf die tiefe Krise, in der sich die Gesellschaft befindet, nicht zu reagieren vermag, weil sie diese leugnet. Kabarett jedoch konnte wie andere Künste damit beginnen, diese Krise zu thematisieren.

"Über-Lebenszeit" war als Revue arrangiert. "Wir haben keine Mittel - aber für eine Show ist uns jedes Mittel recht", [20] begann die Vorstellung im Verweis auf den jämmerlichen Zustand der Massenmedien, in denen die SED noch immer über die eklatanten Probleme hinweglügen ließ sowie in Anspielung auf die Lüge des gesamten Systems wie auf die Entleerung der gesellschaftlichen Utopie. Statt wie im vorangegangenen Programm einen "auf den Kopf gestellten Sozialismus" vorzuführen, wird Sozialismus in der DDR nun als "Show-Veranstaltung" gezeigt. Er wird nur noch behauptet, lautet das Argument im Kabarett, er ist eine Fassade.

"Über-Lebenszeit" lässt erkennen, wie morsch das Gebälk der DDR war. Das Kabarettstück thematisiert den Ausverkauf moralischer Werte und die Gleichgültigkeit angesichts dieser Lage. Es belegt, als wie unerträglich verlogen die Medienpolitik und Medienpraxis der Parteipresse damals empfunden wurde, die sich noch immer darauf verpflichten ließ, (wirtschaftliche) Erfolge, Optimismus und die Überlegenheit der DDR zu ver-künden, und dabei völlig inkompatibel geworden war mit dem alltäglichen Erleben und Empfinden der Bevölkerung. Auch dies bringt die Form des Kabarettstücks zur Sprache in seiner "Revue", die nicht (mehr) gelingt, die gelegentlich durch ihre Lieder noch abzulenken und einzunehmen vermag, aber die permanent von der Realität eingeholt, "gestört" und schließlich lächerlich gemacht wird. Hatte die Politik Gorbatschows dazu geführt, in "Auf Dich kommt es an, nicht auf alle" auch für die DDR Reformen anzumahnen, so heißt es nun, dass Veränderungen nicht von einem "Märchenprinzen" aus Moskau herbeigezaubert werden könnten, sondern selbst zu bewerkstelligen wären: "Endlich kommt der Märchenprinz in unsere Provinz/und sagt: Leitl, ich bedauer, tut selber was!/Nu sind wir sauer." [21] Die Fixierung auf einen Erlöser, um die es hier geht, sollte sich realiter bald darauf nach Westen richten.

Hatte das vergangene Programm noch den Wunsch nach Reisefreiheit ins westliche Ausland formuliert - nach "Paris" und an ein "Weltmeer" [22] -, fordert "Über-Lebenszeit" Bürgerrechte ein: Im "Lied von der großen Sehnsucht" wird von Postkarten einer Tante aus Kenia und Miami berichtet, woran sich der Wunsch anschließt: "Es muß ja, um mein Leben zu genießen, die Fürstensuite im Grandhotel nicht sein./Ich bin kein Fürst und hab nicht die Devisen./Ich will bloß Mensch im eignen Lande sein." [23] Auch das Kabarett selbst stellt seine Rolle in der DDR nun stärker in Frage als zuvor. 1986 beschrieben sich die Kabarettisten als (Volks-) Tänzer statt Satiriker, die ihre Witzchen rissen, statt schonungslos zu kritisieren, ab und zu Prügel einstecken, aber wohlgelitten sind und, wenn sie ihre Aufgabe zur Zufriedenheit der Funktionäre erfüllen, auf Gastspiele im Ausland hoffen dürfen: "Hopsa, Kabarettl, dreh dich um, verlaß dei Brettl,/Hopsa, laß Satire, dreh dich um und tanz./Hopsa, mach ka Witzl, sonst kriegst du noch an's off's Mitzl,/Latsch ni mehr ins Pfitzl, sprich ka Wort und tanz./Hopsa, dreh dich bissel, kriegst oa amtliches Kissel./Kimmst nach Wien und Brissel, wenn de bissel tanzt." [24] 1988 fällt die Selbstpersiflage bitterer aus. Die Kabarettisten beschreiben sich als "Stimmungsliedermacher der Nation" [25] , die bei jedem "Stimmungstief", jeder Krise der DDR, zur Kompensation benutzt würden, die wechselnden "Göttern" dienten und deren Scherze die Verbrechen gefallener Götter verharmlosten: "Wir liebten unser Väterchen. Dann mußten wir erfahren,/daß die Taten Väterchens so väterlich nicht waren./Doch um Euch von der Nachricht von Millionen/Opfern unseres Väterchens zu schonen,/klang es so, wenn wir davon in unsren Liedern sangen,/als hätt er in der Schonzeit ein paar Hasen eingefangen." [26] Die Perspektive hat sich hier erweitert und kündigt das Ende der DDR auch darin an, dass ein kritischer Rückblick auf ihre Geschichtsverfälschungen vorgenommen wird.

Noch heute erschließt sich die große Intensität dieses Programms. Seismographisch präzise zeichnet sich der gesellschaftliche und politische Zustand der DDR in den späten achtziger Jahren ab. Die Form - eine Revue - erfasst die Doppelzüngigkeit, Verlogenheit wie auch den Zynismus der Zeit wie zugleich das bitterböse und auch ratlose Leiden an dieser Misere, am eklatanten Werteverlust in seiner Paarung mit krudem Materialismus, Egoismus und Korruption. Diese Endzeitstimmung bestimmte nicht zuletzt auch das Verhalten der zuständigen Funktionäre. Hatte es um die 1986er Produktion lange Auseinandersetzungen gegeben und größere Aktivititäten der Staatssicherheit, die ihre Spuren hinterlassen haben, so scheinen sich die zuständigen Genossen bei "Über-Lebenszeit" nicht mehr mit vollem Einsatz engagiert zu haben. Vielmehr lässt sich ein gewisses Zurückweichen und die Desorientierung der Dresdner Kulturfunktionäre erkennen als Zeichen einer gesellschaftlichen Notsituation, in der man der "Stimmungsliedermacher" bedurfte und sich von ihnen Entlastung versprach angesichts einer aufgeheizten Stimmung.

Nach wie vor im Vordergrund stand auch damals die Angst der Funktionäre um die eigenen Posten und die Frage nach Verantwortlichkeiten für dieses Programm. Als der Staatssekretär und Stellvertretende Minister für Kultur aus Berlin anreiste und den unteren Chargen in Dresden die Stichworte vorgab, indem er das Programm als "Novum aufgrund des Revuecharakers" [27] bezeichnete und damit affirmierte, erkannten die Dresdner Funktionäre die "Vorgabe des Ministers" nur allzu gerne an. Damit waren sie die Verantwortung für das Programm los. Heftig gerungen wurde kurz darauf noch um die Erlaubnis, das neue Programm bei einem Gastspiel in München im April 1989 aufführen zu dürfen. Hätte "Über-Lebenszeit" nach Dafürhalten des Rates des Bezirks Dresden zunächst gar nicht gezeigt werden dürfen, konnte die "Herkuleskeule" einen Kompromiss erzwingen und zwei Vorstellungen in München mit dem neuen sowie zwei weitere mit dem alten Programm geben. [28]

So lief ab Dezember 1988 in Dresden ein Programm, von dem sich auch die Staatssicherheit eine gewisse Entspannung der Lage erhoffte: "Die Autoren Ensikat und Schaller haben wieder gemeinsam mit Gisela Oechelhaeuser Texte einstudiert, die nur für das Kabarett geeignet sind." [29] Zu diesen "nur" für die Kabarettbühne geeigneten Texten zählte der MfS-Mitarbeiter vor allem den "Turnverein mit dem Vorturner Bernhard - und was hier gemeint ist, kapiert man -, das ist eine Nummer, die gegen die Überalterung in der Parteispitze gerichtet ist". Denn auf der Bühne der "Herkuleskeule" stand damals auch Erich Honecker: In Gestalt des Vorturners "Bernhard". Hinter ihm führte das Politbüro "Opas Turnverein" die Übungsrituale aus: "Wir sind vereint im Turnverein wie andere im Chor./Und Bernhard, der am besten turnt, der turnt uns immer vor. [. . .]/Klatscht der Bernhard in die Hände, klatschen alle in die Hände./Und fängt er an zu hampeln,/ei, wie wir alle strampeln. [. . .]."/Wir kennen jede Übung und wir denken längst nicht mehr./Wir turnen immer nach und hinken immer hinterher [. . .]." [30]

Dass diese erste verhältnismäßig unverstellte Kritik am Politbüro - das als Turnverein gezeigt wird, der mechanisch und gedankenlos seinem Vorturner folgt und sich selbst feiert - auf einer DDR-Kabarettbühne aufführbar war, lag daran, dass sie vor "Bernhard" selbst Halt machte. Er steht vorn, heisst es, weil er am "besten turnt". Jedoch belegt diese inzwischen berühmt gewordene Szene die Annäherung an die wesentliche Tabuzone und Herausforderung für satirische Kritik in der DDR: die SED-Führung selbst. In Berlin wurde derlei Kabarett damals noch als "konterrevolutionär" gebrandmarkt. Diese Bemerkung des Berliner Kabarettdirektors und Mitglieds der Berliner SED-Bezirksleitung wirft ein Licht darauf, dass die Front der Genossen nicht mehr geschlossen war: In Dresden wurde gespielt, was in Berlin in Acht und Bann getan wurde. Eben dies ist der Grund, weshalb "Über-Lebenszeit" zunächst nicht in München gespielt werden sollte - im Bewusstsein, dass genau diese Szene via West-Fernsehen auf die Bildschirme des Ostens kommen würde.

Als ein halbes Jahr nach dem Gastspiel die Mauer gefallen war, wurden mit dem Ende der Parteiöffentlichkeit die Tabus, die für das DDR-Kabarett so nachhaltig durchgesetzt worden waren und gegen die Kabaretts immer wieder in zähen Nervenkriegen anrannten, endgültig zu Geschichte. Es gab niemanden mehr, gegen den man etwas hätte durchsetzen müssen. Die Kleinkriege und Rücksichtnahmen der vergangenen Jahre schienen mit einem Mal absurd. Die "Öffentlichkeit" der SED war zusammengefallen, die SED als die entscheidende Reibungsfläche bedeutungslos geworden. Damit hatten sich der Platz und die Funktion des Kabaretts verschoben: Gespottet wurde nun auf der Straße.

Für einige Zeit operierte das ostdeutsche Kabarett auf unsicherem Terrain: Nicht nur war der Zweck seines Handelns, sein Fokus, die Objekte seiner satirischen Attacken ungewiss, es musste auch seine künstlerischen Strategien überdenken in einer sich für die Ostdeutschen radikal verändernden Öffentlichkeit, in der Andeutungen angesichts befreiter öffentlicher Rede ihren Sinn verloren hatten. Die Identität der Kabaretts stand auf dem Prüfstand. Da es den Instanzen nicht mehr unterworfen war, an denen es sich (auf)gerieben, gegen die es kleine Siege errungen und auch Niederlagen eingesteckt hatte, die es gelegentlich verlacht, ironisiert und auch zunehmend kritisiert hatte, war es nun mit einem Mal mit Ungewohntem konfrontiert: Es war auf sich selbst zurückgeworfen. Aus der alten Zwangsgemeinschaft befreit, dem Arrangement mit der wie der Fixierung auf die Staatspartei, musste (auch) das Kabarett den "Sklaven tropfenweise aus sich herauszupressen" [31] versuchen.

In dieser Situation spielte die "Herkuleskeule" ihr Programm "Über-Lebenszeit" mit "Opas Turnverein" bis 1991 weiter. Das Kabarett hielt insgesamt an der alten Form fest, aktualisierte mehrfach die Conférencen, veränderte und ergänzte einige der Szenen und nannte sein Programm schließlich ab dem Herbst 1990 "Überleben-Übergeben". Darin findet sich nicht zuletzt auch belegt, dass das Dresdner Kabarett auch mit "Über-Lebenszeit" der SED nicht nach dem Munde geredet, sondern vielmehr präzise die Stimmung der Zeit und seines Publikums erfasst hatte. Eine andere Produktion wäre im Herbst 1989 unweigerlich Makulatur geworden. Zugleich korrespondierte die Desillusionierung, die dieses Stück von 1988 zum Ausdruck brachte, auch mit der psychischen Situation der Wendezeit.

Fußnoten

19.
Premiere: 17. 12. 1988, Texte: Wolfgang Schaller und Peter Ensikat, Regie: Gisela Oechelhaeuser.
20.
Alle folgenden Zitate aus dem Textbuch von "Über-Lebenszeit", Privatarchiv der "Herkuleskeule" Dresden.
21.
"Über-Lebenszeit" (Anm. 20), S. 38.
22.
Vgl. "Auf Dich kommt es an . . ." (Anm. 5), "Das Geständnis", S. 13.
23.
"Über-Lebenszeit" (Anm. 20), "Lied von der großen Sehnsucht", S. 9.
24.
Vgl. "Auf Dich kommt es an . . ." (Anm. 5), "Neue Volkslieder", S. 36.
25.
"Über-Lebenszeit" (Anm. 20), "Die Stimmungsliedermacher", S. 31.
26.
Ebd.
27.
Aktenvermerk über Absprache zu neuem Programm "Über-Lebenszeit" vom 4. 1. 89, BStU, MfS (Dresden), AOP 3337/91 Bd. I, Bl. 93-94, Bl. 93 (BstU = Bundesbeauftragter für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR).
28.
Zur Auseinandersetzung um das Tourneeprogramm vgl. BStU, AIM (Dresden) 3091/91 Beiakte, Aktenvermerk der MfS-KD Dresden Stadt, 17. 3. 1989, Bl. 31.
29.
Bericht zum neuen Programm der Herkuleskeule "Über-Lebenszeit", gez. Sommer, 27. 12. 1988, BStU 3091/91/54.
30.
"Über-Lebenszeit" (Anm. 20), "Opas Turnverein", S. 19.
31.
Tschechow-Zitat bei Christa Wolf, Das haben wir nicht gelernt, in: Petra Gruner (Hrsg.), Angepasst oder mündig? Briefe an Christa Wolf im Herbst 1989, Berlin (Ost) 1990, S. 12.