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22.5.2002 | Von:
Sylvia Klötzer

"Über-Lebenszeit": Kabarett in der Transformation

Die Dresdner "Herkuleskeule" vor und nach 1989

III. "Perlen vor die Säue": Ortsbestimmung

1995 konnte man den "Turnverein" noch einmal sehen. Dieses Programm nun, "Perlen vor die Säue - Texte aus zehn Jahren", konnte die Frage nach dem Umgang mit der Vergangenheit aus einem fünfjährigen Abstand heraus ins Zentrum eines Kabarettabends rücken. Die eigene Textproduktion seit 1985 gibt hier den Anlass, nachdenklich und (selbst)kritisch auch über persönliches Versagen zu debattieren - darüber, sich zu schnell unterworfen, zu wenig gewagt zu haben und zu leicht Kompromisse eingegangen zu sein. Ebenso wird daran erinnert, woraus die "Herkuleskeule" als DDR-Kabarett ihr Selbstverständnis und ihre Selbstachtung bezogen hatte, an die Hoffnungen auf eine bessere und gerechte Gesellschaft, die sich später als Illusionen erwiesen hatten. Damit kommen hier auch Verlusterfahrungen zur Sprache. Das alles konnte Mitte der neunziger Jahre mit reichlich Selbstironie und Sarkasmus vorgetragen werden. Die aktuelle Begründung für dieses Programm über Vergangenheit bestand im Unbehagen am verfälschenden und verlogenen Umgang der ostdeutschen Gesellschaft mit ihrer Vergangenheit.

In einer aktuellen Conférence amüsieren sich drei Kabarettisten über Opportunismus in der DDR. Dies geschieht am Anfang schmunzelnd, fast versöhnlich, im Gestus komplizenhaften Einverständnisses mit dem Publikum. Abwechselnd tragen sie aus dem Fundus der Selbstverpflichtungen in der DDR vor: "Nur noch schnell ein paar Zeitungsmeldungen: [. . .] 1. 12. 88: Die Geflügelzüchter des Geflügelzuchtkombinats ,Winni Mandela' verpflichten sich, in Vorbereitung der 7. Tagung des ZK der SED täglich 20 Eier . . ." [32] Vor Lachen kann der Darsteller nicht weiterreden, und das vorhersehbare Zitatende geht unter. Die Verpflichtung der Geflügelzüchter wirkt nicht mehr ganz so komisch, wenn auf der Bühne als Nächstes aus einem Brief der "Herkuleskeule" selbst zitiert wird, den das Ensemble am 3. Oktober 1971, kurz vor dem 22. Republiksjubiläum, an Erich Honecker gerichtet hatte: ". . .Wollen wir Kabarettisten der Herkuleskeule als verlängerter Arm der Partei mithelfen, die Beschlüsse des Parteitages . . . Es folgen Unterschriften von . . ." [33] Hier verhustet sich ein peinlich berührter Kabarettist. Die Konfrontation mit der eigenen "Schande" [34] bietet den Anlass, wohlfeile Verteidigungs- und Verdrängungsstrategien bloßzustellen. Die im Szeneneingang vorgeführte Verharmlosung von Opportunismus, indem man diesem lediglich die absurden und lächerlichen Momente abgewinnt wie im Falle der Geflügelzüchter, wird nun in Bezug auf das eigene Versagen ergänzt um die beliebte Beschwichtigungsformel: "Das hat doch damals keiner ernst gemeint." Der Ältere gibt gegenüber den bohrenden Fragen der jüngeren Kabarettistin die damalige Haltung als taktisches Verhalten aus: "Wir wollten unsere Ruhe, damit wir umso schärfer auf der Bühne schießen konnten," und behauptet sie schließlich - in die Enge getrieben - sogar als überlebensnotwendig: "Die Dinosaurier ham sich ni angepasst. Und was hatten sie davon? Ausgestorben sind se!" [35] Die Attacke richtet sich unverkennbar auf angepasstes politisches Verhalten in der Vergangenheit wie auf die aktuellen selbstgerechten Verdrängungen und Legitimierungen. Sie seziert die dürftigen Rechtfertigungen für das Elend bequemen Opportunismus, willfährigen Gehorsams und permanenter Abwehr von Verantwortung.

Am Ende der Szene wird dieser Umgang mit Vergangenheit in historische Traditionslinien gestellt. Die DDR erscheint im Licht deutscher Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es geht um die individuelle Verantwortung für diese Geschichte: "Kein Honecker hat die Mauer gebaut. Ihr wart selbst die Erbauer!" und "Nicht die Deutschen wurden unter Hitler unterdrückt. Sie waren selbst die Unterdrücker". "Das ham doch alle gemacht", lautet der klägliche Entlastungsversuch. Im größeren historischen Zusammenhang können die Konsequenzen sichtbar werden, wenn sich die Masse der Bevölkerung wegduckt und habituell einem "Bernhard" folgt.

In die Erinnerung an (wechselnde) Gefolgschaften bezieht die "Herkuleskeule" erneut die eigene Geschichte ein: Sie wiederholt als letzte Nummer vor der Pause die Szene "Opas Turnverein" von 1988 - um nach der Pause mit einer neuen Fassung einzusetzen: "Ein Bernhard ging. Ein Bernhard kam. Doch unser Turnverein,/der blieb, denn einer findet sich, der will der Bernhard sein. [. . .] Tritt uns Bernhard in die Flanke,/dann rufen alle: Danke!/So muß es sein/in einem Turnverein./So muß es sein/im deutschen Turnverein . . ." [36]

Zum einen kommentiert die Szene nun Opportunismus und Gehorsam als (gesamt)deutsche Untugenden. In dieser Tradition sehen sich die Kabarettisten auch ausdrücklich selbst. Sowohl in der Erinnerung an die alte Textfassung, die sie gleichfalls als Turnverein zeigt, der sich in der DDR dem Kommando lokaler wie dem des höchsten "Bernhard" unterworfen hatte, als auch in der Feststellung, noch immer zu einem "Turnverein" zu gehören, der sich "führen [lässt] beim Strammstehen und Rühren" [37] . Zum anderen gibt die Szene, die den Wechsel der "Bernhards" nach 1989 konstatiert, dem Gefühl Ausdruck, um eigene politische Gestaltungsmöglichkeiten gebracht worden zu sein. Damit wendet sich der satirische Kommentar wieder der Gegenwart zu. Im "Jugendsolo" richtet er sich auf den neuen Opportunismus. Hier attackiert er die Opferposen und die selbstgerecht betriebene Jagd auf "Täter" des alten Regimes, wenn es darum geht, sich im neuen Staat günstig zu platzieren. Wenn heute jeder ein Opfer des DDR-Regimes gewesen sein will, so zeige sich darin lediglich eine alte Haltung: die Gewissenlosigkeit, persönliche Vergangenheiten opportun umzudeuten. Wir alle tragen Verantwortung für Geschichte, lautet das Argument der Szene: "Und keiner im Osten war schuld. Alles Widerstandskämpfer. 16 Millionen Opfer suchen 16 Millionen Täter. Und keiner findet sich. Finden sich alle am Freßnapf wieder." [38]

Es fehle ein vor allem selbstkritischer Blick auf unsere Vergangenheit, moniert die "Herkuleskeule" in diesem Programm. Denn erst daraus ließe sich couragiertes Handeln in der Gegenwart begründen, auch in Bezug auf die rechtsradikale Jugendkultur: "Ihnen graust vor denen, die zuschlagen? Mir graust's vor denen, die weggucken." [39] Diese Herausforderung, nicht wegzugucken, bezeichnet das Grundverständnis politischen Kabaretts. Auch die Kabarettisten selbst sehen sich vor der Aufgabe, den tradierten Hang zum "Turnverein" zu bekämpfen. Darin, dass diese Prägungen kritisch offen gelegt werden, dass sich die "Herkuleskeule" auch dem eigenen Opportunismus in ihrer - insgesamt alles andere als unrühmlichen - Vergangenheit stellt und aus dieser Position die Haltungen Ostdeutscher attackieren kann, lässt sich nicht weniger als der konsequente Ansatz erkennen, ostdeutsche politische Satire zu begründen.

Fußnoten

32.
Zitiert nach Textbuch "Perlen vor die Säue. Ein Zeitvergleich. Texte aus zehn Jahren von Wolfgang Schaller". Privatarchiv der "Herkuleskeule" Dresden.
33.
Ebd, S. 23.
34.
Ebd.
35.
Ebd.
36.
Ebd., S. 24
37.
"Perlen vor die Säue" (Anm. 32), "Opas Turnverein, 1995", S. 26.
38.
Ebd., Jugendsolo", S. 27.
39.
Ebd.