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22.5.2002 | Von:
Rainer Gries
Silke Satjukow

Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"

II. Sozialistische Helden als Medien der Propaganda

In die fünfziger Jahre - das erste Jahrzehnt der DDR - wurden auch die anderen großen Heldenlegenden des Aufbaus hineingeboren. Diese frühen sozialistischen Helden waren Heroen der Arbeit.

Adolf Hennecke steht exemplarisch für diese Spezies, zu welcher auch Frauen wie Frida Hockauf gehörten. Die "Meisterweberin" war 1903 in Reichenau bei Zittau geboren worden, 1946 in die SED eingetreten und seit 1951 als Weberin im VEB Mechanische Weberei Zittau beschäftigt. Im November 1954 gelang es auch ihr, den Plan erheblich überzuerfüllen. Ihre propagandistische Aufgabe war es gewesen, nach den Ereignissen des 17. Juni 1953 die Aktivistenbewegung wieder anzukurbeln. Frida Hockauf blieb es auch vorbehalten, im Herbst 1953 jenen entscheidenden Satz auszusprechen, der die zentrale Botschaft der Gruppe der Arbeitshelden in den fünfziger Jahren formulierte: "So wie wir heute arbeiten, wird morgen unser Leben sein!" [9]

Diese Sentenz der Weberin aus dem Erzgebirge stellt nicht nur eine der Antworten der Partei- und Staatsführung auf den Juni-Aufstand dar, sondern sie umschreibt zugleich den konsum- und gesellschaftspolitischen Hauptsatz der DDR während der gesamten fünfziger Jahre: Der Satz transportiert eine Handlungsmaxime, die für die Werktätigen gilt, und ein Modell von sozialen Zeiten, das Herrschende und Beherrschte verbinden sollte. Partei- und Staatsführung versprachen im Gegenzug für Wohlverhalten, Genügsamkeit und Geduld in der Gegenwart Wohlstand, Fülle und Einlösung in einer nicht näher definierten Zukunft. Wer sich im Heute zu den Prinzipien des Arbeiter- und Bauernstaates bekannte, wer jetzt nur fleißig arbeiten würde, der werde eine reiche Belohnung im Morgen erfahren. Diese auf ein Nachher vertröstende Grundfigur der politischen Propaganda während der fünfziger Jahre stellte grundsätzlich keine Eigenheit der Propaganda in der DDR dar, sondern sie fand sich im ersten Nachkriegsjahrzehnt auch in der politischen Propaganda der Bundesrepublik - allerdings war die gesellschaftliche Bedeutung dieses Argumentationsmodells im Westen weit geringer als im Osten. [10] Adolf Hennecke und seine Nachfolgerinnen und Nachfolger repräsentierten somit eine der zentralen Kommunikationsabsichten des Ulbricht-Regimes in den ersten Jahren nach Gründung der Republik: Sie warben für den bewussten Konsumverzicht - zu Gunsten einer kommenden sozialistischen respektive kommunistischen Gesellschaft.

Ganz konkret gehörte es zum Aufgabenkatalog der Arbeitshelden, durch ihr Vorbild nicht nur Brigaden zu beflügeln und Aktivisten vor Ort zu motivieren, sondern auch für die Einhaltung des Planes zu werben. Auch aus der Sicht der Parteioberen war diesen Figuren der Spagat aufgetragen, sowohl die alltägliche Gesetzmäßigkeit des Planes wie die außeralltägliche Willens- und Schaffenskraft des Einzelnen nicht nur im Wechsel zu propagieren, sondern in ihrer Person glaubhaft zu verknüpfen. Aus der Perspektive der Agitatoren und Propagandisten von Partei und Massenorganisationen konnte es kein geeigneteres Erzählschema als das personalisierte Heldenmuster geben, welches diese heikle Synthese herzustellen vermochte. Die Arbeitshelden waren somit die denkbar besten Repräsentanten der Produktionspropaganda: Sie galten den Parteikommunikatoren als moralische Instanzen, welche den Plan beglaubigen, die Normen durchsetzen und zur überplanmäßigen Anstrengung im Interesse der Sache des Sozialismus anregen konnten.

Die Arbeitshelden waren - dem Anspruch nach - mit einem Bein fest in der Sphäre der alltäglichen Produktion verwurzelt. Und mit dem anderen Bein ihrer Heldenexistenz standen sie beinahe schon in der noch außeralltäglichen Zukunft der sozialistischen Utopie: Für die sozialistischen Werktätigen sollten sie Vorbild sein, für die sozialistischen Konsumenten und mit Blick auf die Zukunft sollten sie Vorschein sein. Denn so wie der Held Hennecke heute lebte, ausgestattet mit einer guten Wohnung, ausgestattet mit einem Automobil und versehen mit manchen Privilegien und Statussymbolen, so sollten morgen auch die Vielen leben.

Die konsumpolitische Implikation, die sich aus dem Welt- und Selbstverständnis der Arbeitshelden der fünfziger Jahre ergab, muss auch als ein Reflex auf die Herausforderungen Westdeutschlands gelesen werden. In den fünfziger Jahren war die Demarkationslinie zwischen den beiden deutschen Staaten noch keine fest gefügte Grenze: Die seit der Währungsreform von 1948 gefüllten Läden und Regale, mithin die Prosperität des Westens, stellten für den nachlaufenden Osten eine bedrohliche Verheißung dar, die tagtäglich auf das Publikum der DDR einwirkte. Indem jene Helden der Arbeit den Plan übererfüllten, indem sie deutlich machten, dass die produzierten Waren bald auch den Produzenten zugute kommen würden, sollten sie eine Antwort auf den konsumtiven Vorsprung des Westens geben. Sie versprachen eine Warenfülle, welche die Außeralltäglichkeit des Sozialismus zu belegen vermochte.

Keine andere Heldengattung in der DDR verkörperte überzeugender als die Helden des Aufbaus den Topos der Bescheidenheit. Den aufbauenden Generationen wurde hier nicht weniger als das Opfer ihres Lebens für das "Glück" der Nachgeborenen abgefordert. Grundsätzlich richteten sich die Botschaften der Helden an die gesamte DDR-Gesellschaft. Die Träger dieses Credos der Arbeit und der Bescheidenheit waren in den ersten beiden Jahrzehnten des Jahrhunderts geboren worden, in den fünfziger Jahren also vierzig, fünfzig Jahre alt. Selbstverständlich wurden diese Helden der ersten Generation von DDR-Bürgern, die ausschließlich in der neuen Gesellschaft aufwuchs, als Vorbilder gezeigt. Die hauptsächlichen Adressaten ihrer Botschaft dürften jedoch weder die Jüngsten noch die Ältesten gewesen sein, sondern die Generation der Hitlerjugend: Die Propaganda der fünfziger Jahre musste den Versuch unternehmen, diese in den dreißiger Jahren geborene Generation für die sozialistische Sache und für den sozialistischen deutschen Staat zu gewinnen. Noch waren die Grenzen zum Westen ja durchlässig, umso mehr kam es darauf an, die potenziellen Leistungsträger der Gesellschaft zu gewinnen, zu umwerben und zu halten. Dass dies ein höchst problematisches Unterfangen war, zeigt nicht nur die Statistik der Abwanderung während der fünfziger Jahre, sondern das zeigen auch die Ereignisse des 17. Juni 1953. Aber die "Blut-Schweiß-und-Tränen"-Botschaft traf wohl bei dieser Generation auf vergleichbare, im Nationalsozialismus geprägte Dispositionen, welche die Akzeptanzchancen einer solchen im Grunde ja prekären Botschaft zumindest nicht verringert haben dürften. Die Forderung nach einem vollen, harten Einsatz im Interesse der Gemeinschaft war diesen jungen Menschen durchaus nicht fremd - und sie eröffnete überdies die Chance, individuell empfundene Schuld "abzuarbeiten" und Sühne "abzuleisten". [11]

In den sechziger Jahren, als diese Generation "die Kommandohöhen" der Gesellschaft erobert hatte, verblassten diese Vorbilder und Dispositionen. Der Zeitgeist der sechziger Jahre machte Helden eines neuen Typus erforderlich.

Fußnoten

9.
Siehe dazu die Interpretation von Gerhard Schürer, dem ehemaligen Vorsitzenden der Staatlichen Plankommission, in: Theo Pirker/M. Rainer Lepsius/Rainer Weinert/Hans-Hermann Hertle, Der Plan als Befehl und Fiktion. Wirtschaftsführung in der DDR. Gespräche und Analysen, Opladen 1995, S. 98.
10.
Vgl. dazu Dirk Schindelbeck/Volker Ilgen: "Haste was, biste was!" Werbung für die Soziale Marktwirtschaft, Darmstadt 1999.
11.
Vgl. neuerdings die Konstruktion und das Bild dieser Generation bei Albrecht Göschel, Kontrast und Parallele - Kulturelle und politische Identitätsbildung ostdeutscher Generationen, Stuttgart - Berlin - Köln 1999.