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22.5.2002 | Von:
Rainer Gries
Silke Satjukow

Von Menschen und Übermenschen

Der "Alltag" und das "Außeralltägliche" der "sozialistischen Helden"

V. Die Attraktivität der Angstreduktion

Bei der Konstruktion sozialistischer Helden handelte es sich in den meisten Fällen zwar zunächst um eine autoritäre Setzung seitens der Machthabenden. Der Botschaftskomplex der Helden allerdings, und das scheint ein zentraler Aspekt, wurde höchst eigensinnig von den spezifischen Bevölkerungsgruppen angenommen. Welche Auswahlkriterien hier eine Rolle spielten, wurde beschrieben. Es bleibt nun noch zu erklären, aus welchen Gründen bestimmte Gruppen der Bevölkerung diese personifizierten Botschaften ihrer Herrscher annahmen und eigensinnig umdeuteten. Weil sie in eine Form gedrängt oder gezwungen wurden? Wer jedoch konnte die DDR-Bürger zwingen, Adolf Hennecke persönliche Briefe zu schreiben, Täve Schur zu bejubeln und ihm Liebeserklärungen zu schicken, Juri Gagarin oder Walentina Tereschkowa begeistert zuzuwinken? Sicher, man konnte die Anwesenheit bei offiziellen Empfängen anweisen und mit Druck ermöglichen. Man konnte Fähnchen verteilen und Jubelgesänge anstimmen. Was aber brachte die Bürger dazu, an diesem Tag an diesen Ort zu kommen, zu winken und aktiv in den Jubel einzustimmen?

Es scheint, die Menschen sind auch deshalb gekommen, weil sie durch diesen spezifischen Akt der Vergesellschaftung für sich selbst etwas gewonnen haben. Diese ihre Helden konnten sie von einer existenziellen Angst befreien; nämlich von der Individuen wie Gemeinschaften keineswegs nur zu sozialistischen, sondern zu allen Zeiten innewohnenden Angst, am Ende ihres Lebens nichts gewesen zu sein, ohne Bedeutung gewesen zu sein.

Der unbedingte Wille der Gruppe zu überleben spielte und spielt bei der Konstruktion von Helden eine große Rolle. Allerdings geht es bei diesem Über-Leben einer Gruppe nicht allein um ein bloßes Weiterleben, darum also, dass die Gruppe den Toten durch Erinnerung ein Weiterleben sichert. Es geht vor allem um ein Über-Leben in einem zweiten Sinn, um die Partizipation an einem überindividuellen Leben. Es geht um die Sehnsucht nach einem Leben, das über dem individuellen Leben steht. Dieses überindividuelle Leben erfüllt das eigene Leben mit Sinn. Es integriert das eigene Leben in ein geheiligtes Ganzes. [15]

Nun ist es in einer vielfältig zusammengesetzten Gesellschaft nicht möglich, dass jeder Einzelne zum - mit der Aura des Außergewöhnlichen behafteten - Helden wird. Selbst in der als egalitär propagierten DDR blieb das Konzept des "alltäglich-gewöhnlichen Helden" weit entfernt vom realen Alltag. Auch hier konnte - und wollte - nicht jeder Einzelne als außergewöhnlich gefeiert werden. Die Ideologen des Sozialismus und des Staatswesens "DDR" hatten, wie traditionelle Gesellschaften vor ihnen auch, hierfür eine Lösung: Sie belegten diese Gesellschaft und diesen Staat in toto mit dem Prädikat des Außergewöhnlichen, des Besonderen. Im pathetischen Licht des Außergewöhnlichen erschien die neue deutsche Republik als "Arbeiter- und Bauernstaat", als eine wunderbare "Errungenschaft der deutschen Geschichte" und als deren "Höhepunkt". [16]

Es genügte, wenn dieses Außergewöhnliche und Außeralltägliche nur bei bestimmten, ausgewählten Individuen, allen voran bei den Helden, sichtbar, erfahrbar, fühlbar wurde. Durch Prozesse der Identifikation mit Hennecke, mit Gagarin oder mit der Tereschkowa hatten die nichtheroischen Individuen eigensinnig teil an dieser Substanz des kollektiven Heroischen. Dies schien möglich, weil der Einzelne zwar um sein defizientes Wesen wusste, aber dennoch die Ahnung und auch die Fähigkeit besaß, die Grenzen seines Selbst zu überschreiten, nach dem Vollkommenen, dem Idealen zu streben. Der Wunsch des Einzelnen nach dem Außergewöhnlichen, der in der blassen und tristen, durch eine unüberwindbare Mauer umgrenzten und in vielerlei Hinsicht begrenzten DDR kaum Erfüllung finden konnte, vermochte durch solche Akte der Identifizierung zumindest teilweise und imaginär erfüllt zu werden. Beiden, sowohl den Machthabenden als auch der ihnen untergebenen Bevölkerung, dienten Helden demnach zur eigenen Versicherung. Deshalb waren auch beide Seiten am Weiterleben des einmal anerkannten Helden interessiert. Deshalb sprachen beide Seiten weiter über ihn, bewahrten und erneuerten sein Bild, in manchen Fällen sogar über das Fortbestehen der sozialistischen Gesellschaft hinaus. [17]

"Das Problem ist immer das gleiche", beendete die "Neue Berliner Illustrierte" im Jahr 1967 einen wochenlangen öffentlichen Diskurs darüber, was denn nun eigentlich einen sozialistischen Helden ausmache: "Im richtigen Moment, innerlich zutiefst überzeugt, das Richtige zu tun, ohne Zaudern den alles entscheidenden Schritt zu wagen." [18]

Sozialistische Helden vollbringen demzufolge im richtigen Moment eine richtige Tat für die richtige Sache.

Die Entscheidung über den richtigen Moment blieb zwar den Staats- und Parteioberen vorbehalten, doch orientierten diese sich notwendigerweise sowohl an aktuellen politischen, ökonomischen und kulturellen Erfordernissen und Herausforderungen - ob nun allein die DDR, die Bundesrepublik, die sozialistische Staatengemeinschaft oder gar die Welt insgesamt betreffend. Das galt für Henneckes Hochleistungsschicht ebenso wie für "Täves" internationale Radsporterfolge oder für Juri Gagarins Flug ins All.

Auch die Entscheidung darüber, was eine sozialistische Tat bedeutete, trafen die professionellen Propagandisten des Sozialismus. Auf dieser Ebene war - was den Erfolg der gesamten Heldenaktion betraf - die sozialistische Ideologie und ihre tagespolitische Umsetzung von wesentlicher Bedeutung. Natürlich wurden vor allem in diesem Sinne politische Inhalte formuliert und mit den Helden verbunden.

Die Entscheidung darüber hingegen, was denn die richtige, die "sozialistische" Sache sei, lag nur zu einem - womöglich sogar geringfügigen - Teil im Bereich der Einflussnahme der partei- und regierungsamtlichen Propagandisten. Bei den Akteuren der Heldenkommunikation von oben wie von unten spielte hier die Vermittlung und Versicherung von Grundwerten und Grunderfahrungen die Hauptrolle, die letztlich gemeingültig über allen gesellschaftlichen Systemen standen und stehen: Angst und Sicherheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, Sieg und Niederlage, Leben und Tod sind nur einige Elemente dieses Wertehimmels.

Und gerade in diesem ungeteilten Wertehimmel liegt das auf den ersten Blick Unpolitische in der Akzeptanz der Helden verborgen, das dem Korrespondenten des "Spiegel" 1963 nicht deutlich wurde. Nur in ihren oberflächlich wahrnehmbaren Äußerungen ist die Begeisterung für einen Star wie James Dean vergleichbar mit der Akklamation für einen Helden wie "Täve" Schur. Die Machthabenden in der DDR stellten ihren Bürgern die Einlösung dieser grundsätzlichen Werte in einer berechenbaren und damit planbaren Zukunft in Aussicht. Bezeugt und beglaubigt durch die Integrität und Bonität menschlicher Helden, die stets eine Gemengelage sozialistischer Ideologeme wie Propageme als auch scheinbar "unpolitische" Wertorientierungen vertraten, versprachen sie ihnen, dass es nur der richtigen Taten bedürfe, um zu jenem utopischen Ziel zu gelangen. Wenn die Versprechungen nicht erfüllt wurden, und diese Erfahrung mussten die DDR-Bürger ja immer wieder machen, konnte es passieren, dass mit ihnen auch die Helden als deren Zeugen untergingen. In nicht seltenen Fällen aber spalteten die Menschen ihre Helden vom "Realen" ab und ließen sie an einem Ort "Nirgendwo" - um der eigenen Sehnsucht willen - am Leben, im kommunikativen und auch im kulturellen Gedächtnis.

Internetverweise der AutorInnen:

http://hsozkult.geschichte.hu-belin.de/beitrag/tagber/bericht.htm

http://www.phil.fak.uni-duesseldorf.de/geschichte/kgdoe/ konf21.html

http://www.zzf-pdm.de/archiv/gforum/berichte/rias.html

http://www.mdr.de/geschichte/archiv/ lexikontext.cfm?sucht

http://www.radsportverband.de/ temp/schur_friedensfahrt.htm

http://www.dra.de/dok_0401.htm

http://www.urbin.de/cccp/kosmonauten/tereschkowa/tereschkowa.htm

http://www2.tagesspiegel.de/archiv/2002/01/19/ak-mn-5512537.html

http://www.hdg.de/Final/deu/page1671.htm

http://www.calvin.edu/cas/egsg/helden.htm

http://www.ddr-im-www.de/Themen/ Auszeichnungen.htm

Fußnoten

15.
Vgl. Peter Berghoff, Der Tod des politischen Kollektivs. Politische Religion und das Sterben und Töten für Volk, Nation und Rasse, Berlin 1997, S. 94 ff.
16.
Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik, von einem Autorenkollektiv unter Leitung von Rolf Badstübner, Berlin (Ost) 1984, S. 12.
17.
Gemeint ist hier zum Beispiel das Weiterleben des Helden "Täve" Schur, der 32 Jahre lang als Abgeordneter der Volkskammer angehörte, seit 1998 für den Landesverband Sachsen der PDS im Deutschen Bundestag sitzt und bereits als Alterspräsident des kommenden Bundestages gehandelt wird.
18.
Neue Berliner Illustrierte, (1967) 12, S. 15.