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22.5.2002 | Von:
Thomas Köhler

Jugendgenerationen im Vergleich: Konjunkturen des (Non-)Konformismus

II. "Konformismus": Wie die Kriegs- und Täterkinder das Rebellieren lernen mussten

Für Klaus Wasmund und Heinz Bude gehörten diejenigen, die bis in die fünfziger Jahren hinein Jugendliche waren, zur Flakhelfer-Generation: [11] Noch in der Hitlerjungend sozialisiert, wurden sie oftmals als Idealisten in die letzten Kriegshandlungen verwickelt. Bekanntlich hat sich Helmut Schelskys Namensgebung für diese Jugend durchgesetzt: Sie wurde bald als die "skeptische Generation" angesehen, die sich unpolitisch und privatistisch dem Wiederaufbau widmete. Schelsky hatte mit seinem durchaus ideologischen Beitrag versucht und auch erreicht, Befunde der Einstellungsforschung der frühen fünfziger Jahre zu relativieren. Diese (u. a. vom Emnid-Institut erhobenen und später als Shell-Jugenstudien weitergeführten) Untersuchungen stellten bei den Jugendlichen ein hohes Maß an autoritären, rassistischen Haltungen fest - was in kritischen Studien als Syndrom des Postfaschismus einer genaueren Analyse unterzogen wurde. [12] Trotz der Befreiung, trotz mancher Proteste und Bewegungen, die in den ersten 15 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu verzeichnen sind, [13] ist davon auszugehen, dass der Erfahrungsraum der Jugendlichen von Verdrängungen und Verengungen gekennzeichnet war und der Erwartungshorizont von der Schwerkraft einer kollektiven kulturellen Textur gleichsam verklebt blieb. Schon einige Interviewausschnitte [14] mögen ganz stichprobenhaft einen Eindruck davon geben, wie jugendliche Studierende in den fünfziger Jahren redeten, was sie bewegte - und wie weit sie von Jugendlichen unserer Zeit entfernt sind. Nehmen wir zum Beispiel Gert, der zum Befragungszeitpunkt 1957 im 14. Semester Geschichte, Deutsch und Philosophie auf Lehramt studierte. Gert sagte: "Wir leben im Abendland, der Akademiker lebt in diesen Traditionen, die noch einen gewissen Wert haben. Deren Erhaltung halte ich für sehr bedeutend, es ist die vordringlichste Aufgabe des Akademikers. Eine Erscheinung wie das Dritte Reich wäre gar nicht möglich gewesen, hätte man diesen Gesichtspunkten in ihrer vollen Bedeutung mehr Wert beigelegt." Für den Akademiker haben die abendländischen Traditionen offenbar noch einen Wert, möglicherweise den, das Volk vor Verführern wie Hitler zu schützen. Gert beklagt allerdings einen bedrohlichen Verfall des Ansehens der Akademiker und den "Materialismus": "Die Gesellschaft setzt sich heute in erster Linie nach finanziellen Gesichtspunkten zusammen, so kann ein gut verdienender Handwerker Eingang in die Gesellschaft finden. Die Akademiker haben da kein entscheidendes Wort mehr mitzureden."

Solche kulturkonservativen Haltungen sind kein Einzelfall, sie scheinen vielmehr mit einiger Unausweichlichkeit in den Common Sense dieser Generation eingebaut zu sein. Ein zweiter Interviewpartner, Karl-Heinz, studierte im 16. Semester Chemie und war überzeugter Protestant, der der Institution Kirche allerdings kritisch gegenüberstand. Karl-Heinz beklagte an der "Kultur des Westens", "dass der Hang zur Beschneidung der inneren Freiheit in der westlichen Demokratie sehr erheblich vorhanden ist, indem ungewollt und unbewusst die Tendenz zur Unfreiheit vorhanden ist: man reist, man kauft - der Mensch verliert sein eigenes Menschsein, indem er sich nach seinen Mitmenschen ausrichtet, was nur zur Beschneidung der inneren Freiheit führt, gefördert auch durch das lange Wochenende. So unterliegt er leicht dem Hang zur Vermassung. Er merkt nicht, wie er abhängig wird von anderen Kräften, und darin sehe ich eine Beschneidung der inneren Freiheit." Diese Konsumismus-Kritik folgt, wie schon bei Gert, einer klaren Elite-Masse-Unterscheidung. Innerlichkeit und Tiefe werden gegen den oberflächlichen Tand und den scheinhaften Genuss des momentbezogenen Daseins, das gar kein wirkliches, weil unwesentliches ist, ausgespielt. Die Konformität, die in der Übereinstimmung mit den Werten der etablierten Hochkultur liegt, äußert sich im Gestus des Untergebenen, der sich krampfhaft um einem offiziösen Tonfall bemüht: "Ich würde mich allerdings dagegen wehren, dass die kirchlichen Institutionen als solche einen noch größeren Einfluss bekommen. Das würde in einem negativen Sinne zur Verbesserung der Lage beitragen."

Eine Vorarbeit für Versuche, den von Verdrängungen und Verengungen beherrschten Erfahrungsraum hinter sich zu lassen und den Erwartungshorizont zu öffnen, die Ouvertüre für das, was sich alsbald unter der Bezeichnung "68er" zur deutlichsten Generationseinheit der Republiksgeschichte fügen sollte, kam aus den unteren Klassenlagen dieser Jugendgeneration. Seit Mitte der fünfziger Jahre sahen sich die Erwachsenen in ihrer Sehnsucht nach einer harmonischen, überschaubaren Ordnung von einer ihnen unverständlichen, unheimlichen Protesthaltung gestört. Die Distanzierungsbewegung der Jugend formierte sich mit dem Rock'n'Roll der Teddy-Boys - so die euphemisierende Integrationsvokabel. Zunächst einmal schockierte die "Musik, die assoziiert wurde mit Negern, Sex und Gewalt, die als ,primitiv' galt" [15] . Die im Vergleich zu den späteren Studentenrevolten sprachlose, fast ausschließlich habituelle und dadurch umso entschiedener und bedrohlicher wirkende Zurückweisung der kleinbürgerlichen Ordnung wurde repräsentiert durch Musiker wie Bill Haley, dessen Deutschlandtournee im Oktober 1958 eine Spur der Rocker-Krawalle hinterließ [16] , mehr noch durch Elvis Presley, der "echte sexuelle Fantasien" auslöste, aber auch durch Kinohelden wie James Dean und Marlon Brando. Am Habitus dieser Jugendlichen zeichnete sich das amerikanische Jahrhundert ab. In den Gesellschaften, die von der fordistischen Formierung erfasst wurden - hohe Arbeitskraftnachfrage, sichere Lebenszeitberufe und verlängerte Ausbildungszeiten -, setzte eine kollektive Balancearbeit auch mit dem Ziel der Reformierung des Individuellen ein. Die mit einem sich selbst oft noch unverständlichen Impuls geführten Kämpfe, die sich gegen eine erzwungene Integration in den Erfahrungsraum der Weltkriegsgeneration richteten und für die Erweiterung des Erwartungshorizonts geführt wurden, beantworteten viele Eltern mit der hilflosen Rigidität, die von Menschen zu erwarten ist, welche unvermittelt und brutal mit ihrem Trauma konfrontiert werden.

Fußnoten

11.
Vgl. Klaus Wasmund, Leitbilder und Aktionsformen Jugendlicher nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland bis zu den 60er Jahren, in: Dieter Dowe (Hrsg.), Jugendprotest und Generationenkonflikt in Europa im 20. Jahrhundert. Deutschland, England, Frankreich und Italien im Vergleich, Bonn 1986; H. Bude, Deutsche Karrieren (Anm. 2).
12.
Vgl. Jürgen Zinnecker, Politik. Parteien. Nationalsozialismus, in: Arthur Fischer/Werner Fuchs/Jürgen Zinnecker: Jugendliche und Erwachsene ‘85. Generationen im Vergleich, Band 3: Jugend der fünfziger Jahre - heute, Hamburg 1985, S. 321-408. Wichtige frühe Beiträge zur Analyse des Postfaschismus waren das von Friedrich Pollock und Theodor W. Adorno geleitete "Gruppenexperiment", die oben schon herangezogene Studie von Habermas und natürlich Alexander und Margarete Mitscherlichs Sozialpsychologie der "Unfähigkeit zu trauern".
13.
Etwa gegen die "Wiederbewaffnung". Vgl. dazu Wolfgang Kraushaar, Die Protestchronik 1949 - 1959, 4 Bde., Frankfurt/M. 1996.
14.
Die Interviews, die 1957 geführt wurden, entstammen dem im Frankfurter Institut für Sozialforschung angelegten Archiv der Studie "Student und Politik" von Jürgen Habermas und anderen. Die Sekundäranalyse wurde im Rahmen eines Projekts an der Uni Hannover vorgenommen; vgl. Thomas Köhler/Jörg Gapski, Studentische Lebenswelt, Hannover 1997.
15.
M. Fischer-Kowalski (Anm. 8), S. 56.
16.
Haley war freilich "kaum aus dem Holz, aus dem man Idole schnitzt", schreibt der immer noch lesenswerte Nik Cohn, AWopBopaLooBop ALopBamBoom. Pop History, Reinbeck bei Hamburg 1971.