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22.5.2002 | Von:
Thomas Köhler

Jugendgenerationen im Vergleich: Konjunkturen des (Non-)Konformismus

III. "Erfahrungshunger": Wie die Trümmerzeitkinder zur berühmten Generation werden

Erst spät wurden die in den fünfziger Jahren einsetzenden, mit "68" auch die mittleren und oberen Jugendmilieus der Gesellschaft erfassenden Kulturrevolten als eine internationale Bewegung mit jeweils nationaler Ausprägung verstanden, [17] wobei auch heute noch das den Revolten gemeinsame Spezifikum nicht ganz geklärt ist. Mit dem gebräuchlichen Begriff "68er" und der korrespondierenden nonkonformistischen Protesthaltung verbinden wir ein Studierendenmilieu, das vom so genannten "emanzipativen Überschussbewusstsein" [18] derjenigen Studierenden, die noch an Karl Marx und die Machbarkeit der Gesellschaft glaubten, dominiert wurde. Der unerträgliche Hintergrund, von dem loszukommen sein musste, war ein zu enger, zu geordneter Raum, ein verarmter, in Deutschland sogar "kulturell verderbter Text" [19] , dessen Kerngehalt sich auf ein Wort konzentrieren ließ: Auschwitz. In den erbitterten Kämpfen gegen ein System, das Auschwitz und Vietnam ermöglichte, gegen den Kapitalismus also, wurde besonders der ungebrochene Habitus der Ordinarienuniversität aufs Korn genommen - mit ungewöhnlichen Mitteln, etwa den Sit-Ins und Teach-Ins oder den Torten- und Tomatenwürfen. Der bürgerliche Habitus schien dem Informalisierungsschub aus sexualisiertem Spontaneismus und organisierter Phantasie hilflos ausgeliefert zu sein.

Doch stellen sich aus unserer Perspektive, die den Wandel der Wahrnehmungsweisen fokussieren will, die öffentlichen Provokationen nur als der sichtbare Teil einer sich überwiegend unbewusst und tief greifend umwälzenden Subjektivität dar. Das Studium wird nun erstmals auf breiterer Front zur Erfahrungs- und Erlebnissuche - die durch eine manchmal krampfig-verbissene, häufig apodiktische Distanzierung gegen die "Täter" motiviert ist. Für die bewegten Studierenden der siebziger Jahre präpariert Michael Rutschky sehr treffend die Tendenz zum "hermeneutischen Raubbau" an den eigenen Sinnbezügen heraus: Immer umfassender wurde die Negation des Alltags, auch die des eigenen. Der Erfahrungshunger, der sich als Distanzierungsbewegung aus der Wunde eines intergenerationellen Traumas speiste, musste oft auf eine autoaggressive Stoßrichtung hinauslaufen, legte er doch zerstörte Beziehungsfundamente, auch eigene Verwundungen so schnell und schmerzhaft frei, dass sich die Balancearbeit in rigide Abwehrhaltungen flüchtete. [20] Viele Identitätskonstruktionen gerieten nun, in der eigentlich relativ geschützten Lage eines Wirtschaftswunderlandes, ins Rutschen. Als exemplarische Illustration für diese Rutschbewegung der Subjektivität, die in der historischen Auslaufphase dieser Jugendgeneration wohl ihre größte Dynamik erreicht hatte, kann der Tonfall aus einem Interview dienen, das 1979 geführt wurde [21] und damit schon auf der Nahtstelle zur nächsten Jugendgeneration liegt. Annette, 22, Jura-Studentin, erzählt mit einer sich geradezu selbst hinreißenden Eloquenz von ihrer Situation nach dem zweiten Semester. Bis dahin hatte sie sich in der Fachschaft engagiert, was für sie als "Ausgleich zu der harten juristischen Uniwelt" fungierte, dann aber "wurde der Druck so hoch, der Leistungsdruck, dass da kaum mehr was gemacht wurde, und dann im dritten Semester kam ich wahnsinnig ins Rotieren, weil mir quasi alle Felle so wegzuschwimmen drohten. Die Fachschaftsarbeit, die mich vorher noch aufrechterhalten hatte, wurde weniger, die Leute verpassten Termine, machten dann nicht mehr viel, und ich dachte mir, oh Gott, nur diesen Scheiß hier reinpauken, das hältste nicht durch, hier die Wohngemeinschaft bröckelte auseinander, war dann schon auseinandergebrochen zum Sommer hin, und wir merkten eben, dass unsere Ansprüche, die wir da gestellt hatten, einfach zu hoch waren, das Theoretische, der theoretische Überbau, der keinerlei war, nun ja, da war's dann aber zu spät für uns, und da dachte ich dann wieder dran, Gott noch mal, wechselste, es war dann aber zu spät, die Termine hatte ich dann alle verpasst, da kam ich in ein ziemliches Tief und hab' dann durch die Selbsterfahrungsgruppe, bin drauf gekommen, dass ich wohl 'ne Einzelanalyse machen sollte. . ." Gerade im Vergleich mit den Zitaten der in den fünfziger Jahren Studierenden zeigen sich hier eigenartig bodenlose Vorstoßversuche in einen Erwartungshorizont, dessen Grenzlinien an einer unbekannten Innenwelt verlaufen. Aus diesem Bedürfnis, sich Expeditionen in die eigene Subjektivität auszusetzen, entstand übrigens ein neues soziales Feld der Therapeutik, das heute zu enormer Größe expandiert und fraglos etabliert ist.

Fußnoten

17.
Vgl. Beate Fietze, 1968 als Symbol der ersten globalen Generation, in: Berliner Journal für Soziologie, (1997) 3, S. 365-386,
18.
Vgl. Christian Krause/Detlef Lehnert/Klaus-Jürgen Scherer, Zwischen Revolution und Resignation. Alternativkultur, politische Grundströmungen und Hochschulaktivitäten in der Studentenschaft, Bonn 1980.
19.
Vgl. M. Rutschky (Anm. 7).
20.
Vgl. dazu nochmals M. Rutschky (Anm. 7) und C. Schneider/C. Stillke/B. Leineweber (Anm. 2).
21.
Ich danke Matthias Michailow für die Bereitstellung des Materials.