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22.5.2002 | Von:
Thomas Köhler

Jugendgenerationen im Vergleich: Konjunkturen des (Non-)Konformismus

IV. "No-Future": Wie die Aufbaukinder Mentalitäten des Bewahrens und "Entschleunigens" entwickeln

Die klaren Schnitte zwischen den Generationen, welche die Kohortenforschung vornimmt, werden in einer kultursoziologischen Rekonstruktion zwar nicht sinnvoll anzuwenden sein - daher sind hier in jedem Kapitel Überschneidungen angedeutet. Aber eine zeitgeschichtliche Markierung für die neue Jugendgeneration ist sicher im Jahr 1977 zu sehen, dem Jahr des Terrorismus. Die Bewegungsimpulse der 68er-Generation schienen endgültig zu verpuffen, Energien für eine alternative Politik in zermürbenden Spaltungskämpfen verbraucht zu sein, und jeder Neuansatz war angesichts der Gewaltspirale, die von der Roten Armee Fraktion (RAF) und dem Staat in die Höhe geschraubt wurde, von einem Klima der Bedrohung, Einschnürung und von zunehmendem Misstrauen getrübt. In diesem Jahr 1977 lag die Zahl der Arbeitslosen bei über einer Million. Immer mehr Menschen litten unter der erzwungenen Abkopplung von einer zwar als entfremdet, aber doch auch als identitätsstiftend erfahrenen Lohnarbeit. [22] Seit Anfang der siebziger Jahre kamen Probleme hinzu, welche die Sprengkraft des durch Arbeitslosigkeit entstehenden Unmuts, auch die durch sie entstehende Depressivität noch potenzierten. Auf Donella Meadows 1972 erschienenes Buch "Grenzen des Wachstums" - eine Simulationsstudie, die mit ihrer fundierten (und bis heute grundsätzlich nicht zu revidierenden) Prognose einer globalen ökologischen Katastrophe das Selbstverständnis der Industriegesellschaft, der die Arbeit auszugehen schien, zusätzlich erschütterte - folgte 1980 "Global 2000", ein ebenfalls sehr fundierter und geradezu apokalyptischer Ausblick in die Zukunft. An der um sich greifenden Erschütterung industriegesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten setzten neue Impulse an: Mit der Anti-AKW-Bewegung, die in Brokdorf bürgerkriegsähnliche Kämpfe ausfocht, und der Friedensbewegung, die Anfang der achtziger Jahre im Kampf gegen die Umsetzung des Nato-Doppelbeschlusses zur Stationierung atomarer Mittelstrecken-Raketen mit den Demonstrationen Hunderttausender auf ihren Höhepunkt gelangte, war ein Zusammenhang entstanden, dessen emotionale Fundamente weniger vom Erfahrungshunger als von einer Bewahrungssehnsucht getragen sein mussten. Denn alle Bewegungsimpulse lassen sich für die Jugendlichen dieser Generation auf einen Punkt bringen: Ihr Erwartungshorizont war in erdrückender Weise eingetrübt, zugezogen, in der Wahrnehmung vieler bis zur völligen Undurchdringlichkeit geschwärzt. Das durch George Orwell schon als düsterste Zeit einer Nach-Menschheit berühmt gewordene Jahr 1984 bildete nun tatsächlich ein symbolisches Zentrum der Zeitlage dieser Generation, die sich beispielsweise mit einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Entschlossenheit, deren Hintergrund die wütenden Kämpfe der Hausbesetzerszene gegen den Polizeistaat abgaben, gegen eine Volkszählung zur Wehr setzte.

Der Jugendhabitus der Verweigerung hatte sich verändert. Wollte man eine Person benennen, welche die zentrale Generationserfahrung in zugespitzter öffentlicher Gestik verkörperte, es müsste wohl Johnny Rotton von den Sex Pistols sein, der zur fratzenhaften Gallionsfigur der Punk-Bewegung wurde. Die destruktiven Visionen der Punks entstammten dem Milieu subproletarischer Klassenlagen, wo die Massenarbeitslosigkeit in Wohnwüsten und Brachlandschaften der niedergegangenen Schwerindustrie als unmittelbare kulturelle Verödung erfahren wurde. [23]

Doch die zunächst noch von arbeiterlichen Problemen geprägte No-Future-Mentalität dominierte bald auch das Studierendenmilieu. Die dort grassierende Modernisierungskritik schöpfte ihr politisches Ethos nicht mehr aus einer fortschrittsoptimistischen Machbarkeits-Hintergrundgewissheit wie noch bei den "68ern". Dennoch war das vom No-Future-Syndrom beherrschte Zukunftsbild nicht ganz so dunkel eingefärbt wie bei den subproletarischen Jugendlichen, denn der Erwartungshorizont der Studierenden war hinsichtlich der Berufsbiografien nicht wirklich so vermauert wie dort. Die neuen Bewegungen schöpften ihre Kraft weniger aus dem Aufbegehren gegen verstopfte Aufstiegskanäle als aus dem panischen Gefühl, dass alles "den Bach runter geht", wenn nicht umgelenkt wird, wobei die gleichzeitig aufgekommenen Zweifel an der Lenkungsfähigkeit von Politik und Gesellschaft überhaupt dieses Gefühl noch unterstützten.

Die vom Erfahrungshunger getriebene Suche der "68er" brach also bei den Studierenden nicht einfach ab, sondern wurde - allerdings erheblich - modifiziert. Erfahrungshunger um 1984 speiste sich wiederum aus der Abkehr von einem verderbten kulturellen Text der Älteren. Nun kommt zum Grauen vor dem industriell betriebenen Genozid die Distanzierung von einer ganz anders und doch, so jedenfalls die No-Future-Wahrnehmung, ebenfalls industriell betriebenen Massenvernichtung: Der sich unaufhaltsam vorschiebende, alles tödlich überkrustende Prozess kapitalistischer Industrialisierung würde die ganze Welt ersticken - ökologisch, atomar, spirituell. Für die Erfahrungssuche bedeutet diese Vision eine Verseuchung des Suchfeldes, das vorne liegt; die Suchenden werden in das Paradox verstrickt, den Fortschritt zu meiden. Hektisch werden Erfindungen gemacht, die das Leben "entschleunigen" sollen, die Unruhe des Suchens muss noch stärker auf innere Fluchtpunkte fokussiert werden.

Diese Jugendgeneration ist allerdings tief gespalten, bringt sie doch neben den modernisierungskritischen Haltungen auch einflussreiche Jugendkulturen hervor, die sich in ganz bewusster Abgrenzung gegen die "fundamentalistische" Kritik der Protestierenden erstmals auf die noch ganz junge Consumer Culture [24] einlassen wollen. Das ebenfalls in den ausgehenden siebziger Jahren ausgebrochene "Disco-Fieber" lag auf der anderen Seite einer Geschmacksgrenze, die zu überschreiten für die Alternativen dieser Jugendgeneration mit heftigsten Ekelgefühlen verbunden gewesen wäre. In den anti-alternativ, anti-konsumasketisch eingestellten Teilen der Jugend wurde das "Outfit" nicht für die Protestinszenierung, sondern als Instrument für den Aufstieg im Beruf eingesetzt und ein "reflexiv abgefedertes falsches Bewusstsein" [25] kultiviert, das eine Legitimation für Politikabstinenz und den Genuss kulturindustriell angefertigter "pleasures" darstellte. Anfang der achtziger Jahre fielen, nach den Poppern an den Schulen, die Yuppies an den Hochschulen auf. Auf Seiten dieser Generationsfraktion scheint der Erfahrungsraum aktiv von Normalisierungsbedürfnissen abgedichtet zu werden, der Erwartungshorizont ist für eine Erlebnissuche geöffnet, die sich auf den Märkten der expandierenden Kulturindustrie bedient.

Fußnoten

22.
Vgl. Martin Baethge/Brigitte Hantsche/Wolfgang Pelull/Ulrich Voskamp, Jugend: Arbeit und Identität, Opladen 1989.
23.
Vgl. Greil Marcus, Lipstick Traces. Von Dada bis Punk - eine geheime Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, Reinbek bei Hamburg 1996.
24.
Vgl. Don Slater, Consumer Culture & Modernity, Oxford 1997. Dieser Ausdruck lässt sich kulturkritisch übersetzen als ,Konsumkultur` - oder mit dem freundlicheren, die Errungenschaften sozialer Marktwirtschaft betonenden Wort ,Verbraucherkultur`.
25.
"Nach den Jahrzehnten des Wiederaufbaus und dem der Utopien und ‘Alternativen‘ ist es, als ob ein naiver Elan plötzlich verloren gegangen wäre", schrieb Peter Sloterdijk in seiner vielbeachteten Kritik der zynischen Vernunft, Frankfurt/M. 1981.