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22.5.2002 | Von:
Thomas Köhler

Jugendgenerationen im Vergleich: Konjunkturen des (Non-)Konformismus

V. "Rave": Wie die Konsum- und Wendekinder im rasenden Stillstand nach Haltegriffen suchen

Mit den Umbrüchen der nachholenden Revolution bzw. der Wende von 1989 wird diese komplizierte 1984er Konfliktlage von einer neuen Konstellation überschichtet. In die Wahrnehmungsdimensionen des Erfahrungsraums und des Erwartungshorizonts ist mit dem Zusammenbruch bipolarer Problemsortierungen ein ganzes Spektrum von Bewegungsmomenten eingewandert, das die Rede von einer neuen Jugendgeneration rechtfertigt. Schwergewichtige Innovationen kommen von den Jugendlichen aus den neuen Bundesländern. Sie konnten sich zunächst über die befreienden Umstände einer Marktvergesellschaftung freuen, konnten also die Errungenschaften einer rechts- und sozialstaatlich eingebetteten Consumer Culture sich anzueignen versuchen. Aber sie mussten zugleich die massive Entwertung der kulturellen und ökonomischen Erbschaft ihrer Eltern verkraften. Dementsprechend war - im Gegensatz zu früheren Konstellationen, in denen intergenerationelle Konflikte über Abgrenzungsbedürfnisse ausgetragen wurden - der Erfahrungsraum in dieser Situation kaum mehr als "verderbt" wahrzunehmen. Er stellte sich jetzt vielmehr als ein Raum dar, der von ungeheuer schnellem Ressourcenentzug, von Erosion und Verödung bedroht war - gerade auch durch die neu gewonnenen eigenen Optionen der Marktvergesellschaftung, die ja offensichtlich eine kollektive Abkehr vom Leben der Eltern bewirken würden. Es musste hier also nicht mehr um aggressionsreiche Distanzierungen von der Elterngeneration gehen, sondern eher um eine melancholische Solidarisierung mit ihr, die durch den objektiven Bruch moralisch angezeigt erschien. Einem moderierten, auf höchst widersprüchliche Weise beharrenden Impuls des Erfahrungshungers scheint eine Erlebnissuche zu entsprechen, die sich ohne klares Distanzierungsmotiv auf einen nach vorne hin wieder weit geöffneten Horizont richtet. Die Entgrenzung des Erwartungshorizonts ging mit der Suche nach Bindungsstabilität einher, und die Kunst der Identitätsbildung lag nun immer mehr in einer Integration des Widerspruchs zwischen der Bewahrung sich auflösender Traditionsbestände und der Aufforderung, eine hochflexible Marktindividualität auszubilden, um den Freiheitszwängen gerecht werden zu können.

Jugendliche aus den alten Bundesländern konnten hingegen aus einem Erfahrungsraum schöpfen, dessen kulturelle Textur stärker denn je den Bedingungen für eine gelingende Intersubjektivität entgegenkam. Die kulturellen Ressourcen wurden - relativ gesehen - in den vorangegangenen Konfliktlagen regeneriert und das intergenerationell reproduzierte "post-faschistische Syndrom", [26] die traumatisierende Aneignung eines "verderbten" Erfahrungsraumes, wich allem Anschein nach einer problemoffeneren, verständigungsorientierteren Intergenerationalität.

So jedenfalls wäre zu erklären, was von der Einstellungsforschung festgestellt wurde: Seit Mitte der neunziger Jahre gewannen bei Jugendlichen aus Ost- und West-Deutschland "die traditionellen Werte der Höflichkeit und Arbeitsethik und der Sparsamkeit rasch wieder an Bedeutung"; die intergenerationelle Kluft ist zum Ende der neunziger Jahre "nahezu in sich zusammengebrochen". [27] Doch würde ein solcher Entwurf sonniger Landschaftsbilder konfliktfreier Inter- und Intragenerationalität bloß auf einer wissenschaftlich verbrähmten Verdopplung der Verdrängung destruk-tiver Gewaltverhältnisse und massiven Unbehagens in unserer Kultur beruhen. Denn die Annahme, wir hätten es mit einer Jugendgeneration zu tun, die in einen "unverderbten", kulturell reichhaltigen Erfahrungsraum hineingewachsen sei und der ein weit geöffneter Erwartungshorizont nur noch das Problem bereitet, richtige Wahlen zu treffen, wird schon angesichts der nicht abreißenden Meldungen über rassistische Vorurteile zu revidieren sein, die sich keineswegs mehr auf den Wahn kleiner Jugendsubkulturen begrenzen lassen. Der Wertewandel ist nicht abgeschlossen, sondern erfährt eine Art halbierte Schubumkehr: Konformismus trotz angewachsener Re-flexivität der Subjekte und Offenheit der kulturellen Textur. Ein Konformismus der fünfziger Jahre kann sich gewiss nicht wiederholen, doch können neokonformistische Haltungen auf hohen reflexiven Niveau entstehen. Und als bedrohlichstes Anzeichen für diesen neuen Konformismus ist erstmals von einer Protestbewegung die Rede, deren Impuls von chauvinistischen, autoritären und fundamentalistischen Selbstverständlichkeiten getragen wird, die sich breitflächig in sozialen Milieus der Bundesrepublik zu verankern scheinen.

Peter Brückner schrieb 1981: "Es scheint mir so, als wären normative Forderungen, die Bestandteile unserer Kultur geworden sind, gefährdet; als würde der Abruf historisch erworbener Kompetenzen, Arbeitskompetenzen usw. gesamtgesellschaftlich infrage gestellt. Da läuft in den Individuen, auch in den Heranwachsenden, etwas leer - ob sie es wissen oder nicht" [28] . Wenn der Erwartungshorizont in der Adoleszenz weiterhin und sogar mit repressiven Maßnahmen auf eine Arbeitsidentität ausgerichtet wird, für die es immer weniger eine Entsprechung gibt, wenn die Motivationen zur Arbeit sich aufgrund normativer Forderungen stabilisieren müssen, ohne jedoch in einer Berufsbiografie eingelöst werden zu können, dann "läuft etwas leer". Bei einer immer größeren Fraktion dieser Jugendgeneration, der in völlig verkehrender Rede "kein Recht auf Faulheit" (Gerhard Schröder) eingeräumt wird, scheint dieser "Leerlauf" in den Erwartungshorizont einzudringen, ohne dass kulturelle Ressourcen mobilisiert werden, die einen vernünftigen Umgang mit der daraus entstehenden Formlosigkeit [29] eröffnen würden: Es erwächst das Gefühl eines Zukunftsentzugs, jene für den modernen Rassismus so typische Wahrnehmung einer Verengung des "Lebensraums". Und ein "Aufstand der Anständigen", der sich nicht gegen die Normalisierungsbedürfnisse einer leer laufenden Arbeits-, Konsum- und Verbraucherkultur richtet, vielmehr diese Bedürfnisse reproduziert, wird das derzeitige Problem der Generationen weiter verdrängen und die gefährliche Masse gesellschaftlicher Unbewusstheit vergrößern.

Fußnoten

26.
Vgl. Karola Brede/Alfred Krovoza, Die deutsche Vereinigung unter dem Einfluss einer unerledigten psychosozialen Vorgeschichte, in: Psyche, 46 (1992), S. 419-446.
27.
Vgl. Elisabeth Noelle-Neumann/Thomas Petersen, Zeitenwende. Der Wertewandel 30 Jahre später, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 29/2001, S. 15-22.
28.
Peter Brückner, Die neuen sozialen Bewegungen, in: ders., Selbstbefreiung. Provokation und soziale Bewegung, Berlin 1983, S. 81-100, hier: S. 88.
29.
Vgl. Didier Lapeyronnie, Die Ordnung des Formlosen. Die soziale und politische Konstruktion von Rassismus in der französischen Gesellschaft, in: Mittelweg, 36 (2001) 3, S. 79-92.