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22.5.2002 | Von:
Roland Roth

Globalisierungsprozesse und Jugendkulturen

II. Was heißt heute Globalisierung?

Globalisierung gilt als catchword für alles und jedes. Theorien, Konzepte und Verwendungszusammenhänge existieren nicht nur in Hülle und Fülle, sie sind auch heftig umstritten. [2] Die Definitionsversuche gehen in die Hunderte, wenn nicht Tausende. Unterschiedlichste Phänomene werden in umfangreichen Studien miteinander verknüpft. [3] Ohne auf die zahlreichen Kontroversen um Fakten und Deutungen einzugehen, sollen hier nur einige wenige, aber zentrale ökonomische und politische Prozesse hervorgehoben werden, die unseren Alltag und mehr noch den der nachwachsenden Generationen prägen und verändern werden:

- Die ökonomische Globalisierung, wie wir sie heute diskutieren, nahm ihren Anfang mit der Liberalisierung der Weltfinanzmärkte in den siebziger Jahren, dem Abschied vom Bretton-Woods-System der Nachkriegszeit, das auf festen, nur begrenzt schwankenden Wechselkursen und Golddeckung beruhte. Seither vagabundieren täglich - für den Normalsterblichen - unvorstellbare Geldbeträge auf einem global gewordenen Marktplatz. Sie entfalten dabei eine politisch unkontrollierte Macht, die nationale (wie jüngst Argentinien) und regionale Ökonomien (wie zuletzt in Südostasien) ins Trudeln bringen können. Viele der ärmeren und ärmsten Länder sind in eine Schuldenfalle geraten, aus der sie mit eigener Kraft nicht mehr herauskommen. Die Auflagen der internationalen Kreditgeber und die Politik der nationalen Eliten stürzen größere Teile der Bevölkerung ins Elend. [4] Der Ruf nach neuen politischen Regulierungen der Weltfinanzmärkte ist lauter geworden, seit sich die Zweifel daran verstärken, diese Schattenseiten der Globalisierung seien nur eine vorübergehende Erscheinung. Den liberalisierten Weltfinanzmärkten folgten - wenn auch weniger spektakulär - beachtliche Zuwächse im internationalen Handel und der internationalen Arbeitsteilung.

- Neue Kommunikations- und Informationstechnologien haben diesen Austausch sicherlich erleichtert und gefördert. Wenn vom "Informationszeitalter" (Manuel Castells) die Rede ist, wird vor allem dieser Aspekt einseitig hervorgehoben. Die aktuellen Globalisierungsprozesse sind jedoch weder allein durch neue Technologien noch durch die "Gier des Marktes" [5] determiniert. Sie sind auch politisch gewollt und haben viele Protagonisten, allen voran die Regierungen und internationalen Institutionen (vor allem Internationaler Währungsfond IWF, Weltbank und WTO), die sich dem neoliberalen "Konsens von Washington" verpflichtet wissen. [6] Die eigentlichen Motoren, die erfolg- und folgenreichsten Akteure, sind jedoch eine wachsende Zahl von transnationalen Konzernen (TNKs), weil sie am aktivsten nationale Begrenzungen hinter sich lassen. [7]

- Institutioneller Ausdruck und eine Konsequenz dieser ökonomisch globalisierten Welt sind die heute mehr als 300 "internationalen Regime", die jeweils einzelne Bereiche des transnationalen Austauschs regulieren. [8] Teilweise umfassen diese Regime internationale Organisationen und sind in das weitverzweigte System der Vereinten Nationen eingebettet, in denen Nationalstaaten eine gewichtige Rolle spielen. Teils stützen sie sich in erster Linie auf Akteure der Zivilgesellschaft, wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs), Berufs- und Unternehmensverbände, die z. T. schon lange transnational vernetzt sind. Die einflussreichste zivilgesellschaftliche Organisation in all diesen Regimen dürfte vermutlich die Internationale Handelskammer (ICC - International Chamber of Commerce) sein. In ihrer institutionellen Verfassung sind diese Regime teils "privat", teils zwischenstaatlich verfasst, teils haben sie feste Organisationen ausgebildet, teils kooperieren sie locker über gelegentliche Konferenzen. Es gehört zum Wesen dieser Art von Regulierungen, dass wir im Alltag davon im Allgemeinen kaum etwas merken. Es sei denn, es gibt öffentlichen Streit: beispielsweise um die Auszeichnung von genetisch veränderten Lebensmitteln. Dann taucht die Frage auf, wer eigentlich jenseits der nationalen Regierungen dafür verantwortlich ist. Nun kommen Einrichtungen, wie die Codex-Alimentarius-Kommission in Rom in den Blick, von der wohl nur wenige Konsumenten etwas wissen. Globalisierungsprozesse vollziehen sich also keineswegs naturwüchsig, vielmehr existieren mehr oder weniger einflussreiche Regulierungsinstanzen und Steuerungselemente, an denen Institutionen und Zusammenschlüsse privater oder öffentlicher Art mitwirken. [9]

Das NGO-Wachstum ist eng mit dem anderer transnationaler Akteure und Organisationen verbunden. In der gleichen Zeitspanne wächst beispielsweise die Zahl der transnationalen Konzerne auf 45 000. NGOs sind offensichtlich nur ein Element unter anderen im komplexen Prozess der Globalisierung. Unabhängig davon, wie tiefgreifend die Veränderungen in den internationalen Austausch- und Machtbeziehungen auch sein mögen, unübersehbar ist der Zuwachs internationaler Regierungsorganisationen IGOs (1909: 37 IGOs; 1996: 260 IGOs), internationaler Verträge zwischen Regierungen (1946: 6 351; 1975: 14 061) und von Verträgen mit IGOs (1946: 623; 1975: 2 303). [10]

Fußnoten

2.
Aus der Fülle der aktuellen Literatur möchte ich zwei materialreiche Studien hervorheben, die auch einen Überblick zu theoretischen und empirischen Konzepten bieten: David Held/Anthony McGrew/David Goldblatt/Jonathan Perraton, Global Transformations. Politics, Economics and Culture, Stanford 1999; Elmar Altvater/Birgit Mahnkopf, Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft, Münster 19994.
3.
Vgl. bspw. Manuel Castells, The Information Age: Economy, Society and Culture. Band I: The Rise of the Network Society, Malden - Oxford 1996; Band II: The Power of Identity, Malden - Oxford 1997; Band III: End of the Millenium, Malden - Oxford 1998; kürzlich ist der erste Band in deutscher Übersetzung erschienen: Die Netzwerkgesellschaft, Opladen 2001.
4.
Differenzierte Indikatoren über die globale Ungleichheitsdynamik bieten die jährlichen Berichte des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP); s. Bericht über die menschliche Entwicklung 2000 (Human Rights and Human Development), Bonn 2000.
5.
So lautet ein eingängiger Buchtitel von Claus Koch, Die Gier des Marktes. Die Ohnmacht des Staates im Kampf der Weltwirtschaft, München - Wien 1995; das politische Gestaltungsdefizit der Globalisierungsprozesse behandelt zentral das Standardwerk von Wolf-Dieter Narr/Alexander Schubert, Weltökonomie. Die Misere der Politik, Franfurt/M. 1994.
6.
Damit wird nicht nur eine Sichtweise, sondern auch ein Bündel von politischen Maßnahmen umschrieben, auf die sich diese Institutionen im Sinne der Marktöffnung und des Abbaus von Handelshemmnissen verpflichtet haben; s. E. Altvater/B. Mahnkopf (Anm. 2), S. 209 ff.
7.
Den konfliktreichen Wechsel von dem Primat staatlicher Regulierungen zum Marktkonsensus in den dominierenden Gesellschaften nach dem Zweiten Weltkrieg schildern Daniel Yergin/Joseph Stanislaw, The Commanding Heights. The battle between government and the marketplace that is remaking the modern world, New York 1998; deutsche Fassung: Staat oder Markt. Die Schlüsselfrage unserer Zeit, München 2001.
8.
Sie reichen vom Walfang, über die Atomenergienutzung, die Telekommunikation und den Agrarhandel bis zu Arbeits- und Umweltstandards. Sie haben sehr unterschiedliche Profile, Reichweiten und Arbeitsweisen, vor allem das Gewicht staatlicher und privater Akteure variiert erheblich. Eine umfassende Darstellung dieser internationalen Regime gibt es bislang nicht. Immerhin liegt eine umfangreiche vergleichende Studie über 13 dieser Regime vor: John Braithwaite/Peter Drahos, Global Business Regulations, Cambridge 2000. Informationen zu drei Politikfeldern bietet Wolfgang Zangl, Interessen auf zwei Ebenen. Internationale Regime in der Agrarhandels-, Währungs- und Walfangpolitik, Baden-Baden 1999.
9.
Meist sind es "interessierte" Gruppierungen (in der Codex-Alimentarius-Kommission dominieren etwa die Nahrungsmittelkonzerne), die öffentlich kaum sichtbar in die Regulierung verschiedener Handels- und Lebensbereiche eingreifen.Viele alte und neue internationale Regime weisen ein Entwicklungsmuster auf, das in Richtung "Privatisierung der Weltpolitik" deutet - vgl. A. Claire Cutler/Virginia Haufler/Tony Porter (Hrsg.), Private Authority and International Affairs, Albany 1999; neuerdings Tanja ent der OECD-Mittel für den Süden und unterstützen damit mehr als 100 000 regionale NGOs, die ca. 100 Millionen Menschen erreichen. Allerdings ist das NGO-Wachstum ungleich und die NGO-Welt weit davon entfernt, egalitär zu sein. Weitere Informationen und detaillierte Nachweise in Roland Roth, NGO und transnationale soziale Bewegungen: Akteure einer "Weltzivilgesellschaft"?, in: Ulrich Brand u. a. (Hrsg.), Nichtregierungsorganisationen in der Transformation des Staates, Münster 2001, S. 43 - 63; ders., Auf dem Wege zur transnationalen Demokratie? Vorläufiges zum Beitrag von Protestmobilisierungen und Nichtregierungsorganisationen, in: Achim Brunnengräber/Ansgar Klein/ Heike Walk (Hrsg.), NGOs als Legitimationsressource. Zivilgesellschaftliche Partizipationsformen im Globalisierungsprozess, Opladen 2001, S. 27 - 50.
10.
Im Jahre 1993 gab es 15 000 transnationale Institutionen, von denen 90 Prozent nach 1960 gegründet wurden. Während es in der Mitte des 19. Jahrhunderts nur zwei oder drei Konferenzen im Jahr gab, die von internationalen Regierungsorganisationen ausgerichtet bzw. unterstützt wurden, sind es gegenwärtig nahezu 4 000 jährlich. Vgl. D. Held/A.'McGrew/D. Goldblatt/J. Perraton (Anm. 2), S. 52 ff.