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22.5.2002 | Von:
Roland Roth

Globalisierungsprozesse und Jugendkulturen

III. Folgen und Herausforderungen der Globalisierung

Von den vielen Folgen der Globalisierungsprozesse sollen hier nur einige wenige hervorgehoben werden, an denen sich gesellschaftlicher Widerspruch entzündet:

1. Ungleichheitsdynamik und soziale Exklusion



Auffällig ist, dass der weltwirtschaftliche Wachstumsschub, der von den liberalisierten transnationalen ökonomischen Beziehungen ausgeht, ein extrem ungleiches Profil aufweist. Dies gilt vor allem im Vergleich zur ersten Wachstumsphase nach dem Zweiten Weltkrieg, die oft als "fordistisch" geprägtes "goldenes Zeitalter" beschrieben wird - gemeint ist ein ökonomisches Wachstumsmodell, das auf dem Zusammenspiel von Massenproduktion und Massenkonsum beruhte und in der Zwischenkriegszeit auf betrieblicher Ebene zuerst durch den Automobilbauer Henry Ford propagiert wurde, bevor es gesellschaftspolitische Verheißung eines "Wohlstands für alle" wurde. Nachholende Entwicklung und Modernisierung schienen damals noch plausible Verheißungen für die zurückgebliebenen Regionen zu sein. Das neue, globalisierte Wettbewerbsmodell bietet vor allem Chancen für die überlegenen Standorte und ihre privilegierten Bewohner. Das weltweite Rennen um Standortvorteile, das gelegentlich auch in den kleinsten Gemeinden zu spüren ist, straft die Verlierer mit weiterer Abwertung und sozialer Exklusion. Die naturwüchsige Dynamik dieser neuen transnationalen Arbeitsteilung wird als "race to the bottom" erfahrbar - ein Rennen, bei dem Löhne und Arbeitsbedingungen, aber auch ökologische, soziale und demokratische Standards permanent unterboten werden. Kevin Bales hat in seiner Analyse "Die neue Sklaverei" [11] darauf aufmerksam gemacht, dass heute weltweit mehr als 27 Millionen Menschen in Sklaverei leben - mehr als zu Zeiten des transatlantischen Sklavenhandels im 18. und 19. Jahrhundert. Große TNKs profitieren von Formen der Sklavenarbeit in Pakistan, Indien, Brasilien, in den "free enterprise zones" Chinas und anderer asiatischer Länder, in die sie ihre banalisierte Produktion zunehmend verlagern - aber auch in den "sweatshops" von meist illegalen Migrantinnen und Migranten in New York und anderswo in der "ersten Welt". Heute muss die Hälfte der Menschheit mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag auskommen. Die drei reichsten Männer der Erde besitzen ein Vermögen, das größer ist als das gemeinsame Bruttoinlandsprodukt der 49 ärmsten Länder. [12]

Bislang wird diese Ungleichheitsentwicklung, sofern sie überhaupt eingestanden wird, von den herrschenden Wirtschaftskreisen als Übergangserscheinung beschrieben. Getreu Ricardos Theorie der komparativen Kostenvorteile sollen bald die Bewohner in allen Ländern von der vertieften und intensivierten internationalen Arbeitsteilung profitieren. Nach zwei Dekaden intensiver Globalisierungsprozesse deutet sich die Einlösung dieses Versprechens jedoch nicht an. Eine nachholende Entwicklung in der Peripherie wird u. a. durch die unvollständige Marktöffnung der dominierenden Ökonomien verhindert. Handelsbarrieren gehören gerade zur Praxis jener reichen Nationen des Nordens und ihrer regionalen Zusammenschlüsse, die den Freihandel für andere auf ihre Fahnen geschrieben haben (der EU-Agrarmarkt ist dafür ein prägnantes Beispiel). Es ist schwer vorstellbar, wie einige EU-Länder heute aussähen, gäbe es den Freihandel für Agrarprodukte auch für die Länder der Peripherie. Gerade einflussreiche Nationen und transnationale Konzerne sind in der Lage, in vielen Bereichen einen strategischen Wettbewerb zu praktizieren, der Nachteile einseitig abwälzt und Vorteile einseitig aneignet. [13]

In engem Zusammenhang mit der Ungleichheitsdynamik der ökonomischen Globalisierungsprozesse ist die drastische Zunahme von grenzüberschreitender Migration und den damit einhergehenden multikulturellen Herausforderungen zu sehen. Nicht von ungefähr sind die Konflikte um Einwanderung, Asylrecht, Flüchtlingsstatus und Staatsbürgerschaft in den reicheren Ländern des Nordens politisch brisant geworden. [14]

2. Abstraktion und politischer Gestaltungsmangel



Die Abhängigkeit von Weltmarktentwicklungen, von anonymen, fernen Mächten, löst Ängste bei denen aus, die sich als Verlierer globaler Herausforderungen begreifen oder Angst davor haben müssen, künftig zu diesen zu gehören. Der politische Kontrollverlust der Nationalstaaten, der schwächeren zumal, ist überdeutlich. Viele der transnationalen Regime arbeiten im Verborgenen, lassen Öffentlichkeit und demokratische Kontrolle vermissen. Der Wunsch nach mehr Transparenz und politischer Steuerung wird vielfach artikuliert.

Insgesamt ist die künftige politische Verfassung der transnationalen Ebene umstritten, wobei im Augenblick mindestens drei unterschiedliche Versionen konkurrieren. Die Rede ist von

- einer "neuen Weltordnung" - wie sie bereits US-Präsident Bush senior zu Beginn der neunziger Jahre verkündete - mit den USA als allein verbliebener Hegemonialmacht, d. h., es gibt eine Zentralmacht, die stark genug ist, die Weltpolitik zu kontrollieren, und diese Macht im ökonomischen, politischen und militärischen Sinne auch ausübt;

- einem Tripartismus im Sinne des Nebeneinanders von drei starken Regionen (EU, Asean-Staaten und Nafta), wobei diese drei in einem mehr oder weniger kooperativen Verhältnis miteinander um die politische Dominanz konkurrieren oder

- einem "neuen Mittelalter" - eine Vision, die aktuell vermutlich am meisten Schrecken verbreitet -, geprägt von einer Vielzahl von rivalisierenden staatlichen und zivilen Mächten ohne eine dominierende und ordnende Regionalmacht. Dieses Projekt hat mit den Terroranschlägen der jüngsten Zeit praktische Gestalt angenommen. Aber auch unabhängig davon gibt es in vielen Ländern der Peripherie Bestrebungen, sich dem Zugriff der neuen hegemonialen Weltordnungen zu entziehen.

Der Kampf um eine neue globale Ordnung, für die auch demokratisch-menschenrechtlich anspruchsvollere Alternativen existieren, dürfte noch nicht entschieden sein. [15]

Fußnoten

11.
Vgl. Kevin Bales, Die neue Sklaverei, München 2001.
12.
Ein weiterer Indikator macht die Dynamik der Ungleichheitsentwicklung besonders deutlich. Der Gini-Koeffizient, mit dem die Einkommensdifferenz zwischen dem reichsten und dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung gemessen wird, betrug 1930 30 : 1; 1990 60 : 1 und 1997 bereits 74 : 1. Innerhalb von nur sieben Jahren kommt es also in den neunziger Jahren noch einmal zu einem Ungleichheitszuwachs, der bereits die Hälfte dessen ausmacht, wofür zuvor 60'Jahre nötig waren - eine enorme Beschleunigung in der Weltungleichheit. Aktuelle Daten finden sich in den UNDP-Berichten (Anm. 4).
13.
Zu dieser und anderen ökonomischen Strategien in der globalen Ökonomie vgl. J. Braithwaite/P. Drahos (Anm. 8).
14.
Statt vieler anderer Texte Saskia Sassen, Globalization and its Discontents. Essays on the new mobility of people and money, New York 1998.
15.
Vgl. die Szenarien bei D. Held/A. McGrew/D. Goldblatt/J. Perraton (Anm. 2), S. 32 ff.; U. Brand u. a. (Anm. 10) und die kritische Suche nach einer Alternative bei Ulrich Brand u. a. (Hrsg.), Global Governance. Alternative zur neoliberalen Globalisierung?, Münster 2000.