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22.5.2002 | Von:
Roland Roth

Globalisierungsprozesse und Jugendkulturen

IV. Die Neuformierung von Jugendkulturen

Mit Blick auf Jugendkulturen lassen sich schematisch - in der Realität gibt es zumeist Mischungsverhältnisse - drei gegensätzliche Reaktionsbildungen auf die beschriebenen globalen Transfor-mationen unterscheiden:

1. Jugendkulturen als Vorreiter von Globalisierungsprozessen



Jugendkulturen treten häufig als Avantgarden von Globalisierungsprozessen auf. Als Produzenten und Konsumenten sind sie zwar nicht die ressourcenstärkste, aber vermutlich die innovativste, flexibelste und mobilste Zielgruppe, die das Projekt einer weltweiten kulturellen Homogenisierung vorantreibt. Lifestyles, vermittelt über Musikstile, Videoclips, MTV, Hollywood-Filme, Reisen, Kleidungs- und Konsumstile sind heute global im Angebot und ein zentrales Exportprodukt der entsprechend spezialisierten transnationalen Konzerne, häufig mit Stammsitz in den "global media cities" der USA und in Westeuropa. [16] Auch wenn die Umsätze und Konzentrationsprozesse im Medienbereich schon für sich genommen beeindrucken können, sind die Medienkonzerne als Produzenten eines kulturellen Umfeldes für die Expansion globaler Politik und Ökonomie von kaum zu überschätzender Bedeutung. [17] Zu Produzenten einer kosmopolitischen Weltkultur werden Jugendkulturen, indem sie in der multi- bzw. transkulturellen Szene der Weltstädte immer neue Lebensstile und Moden hervorbringen. Eigensinn, Konkurrenz, Abgrenzung, Anerkennung und die Suche nach Authentizität sind ihre treibenden Kräfte, genährt vom individuellen Erfolgsstreben. Jugendkulturen sind Anregungsmilieu, Trendsetter und Rohstoff für die Produkte der globalen Medienkonzerne.

Über konsumorientierte Jugendliche als Vorreiter einer Eventkultur und Spaßgesellschaft ist viel geschrieben worden. Medial, beispielsweise über MTV, weltweit verbreitete kulturelle Images sind Angebote zur Selbststilisierung und Gruppenbildung, die vor allem von Teenagern intensiv genutzt werden. Leitbild ist die freie Wahl der Lebensstile aus einer vorgegebenen Palette von Konsumangeboten. Die Zukunftsperspektive der transnationalen konsumzentrierten Jugendmilieus hat der französische Romancier Frédéric Beigbeder auf die prägnante Formel gebracht: "Eines Tages werden wir nicht mehr Länder, sondern Marken bewohnen: Wir sind dann die McDonaldianer und die Microsofties."

Hiphop, Rave, Punk, Club, Techno usw. bezeichnen einige der Musikstile, um die sich transnationale Jugendkulturen gruppieren, von denen es je nach Zählung 100 und mehr Varianten gibt. Sie weisen stets einen besonderen lokalen Akzent auf, meist werden sie in abgewandelten und zusammengefügten Varianten gelebt. Aber die passende Musik, die richtigen Klamotten und andere Accessoires bietet der globale Markt - angereichert mit dem dazu gehörenden Lebensgefühl. Diese Jugendszenen zelebrieren "The power of now", so ein erfolgreicher Zeitgeist-Slogan für die Zigarettenmarke WEST, der genau mit diesem flexiblen Changieren von unterschiedlichsten Lebensstilen spielt. "The power of now" heißt, ihr könnt - quasi geschichtslos und ohne biografisches Bleigewicht - jederzeit neu über euren Lebensstil entscheiden und ihn tolerant nebeneinander leben. Auffällig ist zudem die ungebrochen zur Schau gestellte Konsumlust. "Abweichende" Lebensstile werden nicht mit einer spezifischen politisch-kulturellen Botschaft präsentiert, sondern als altersspezifisches Angebot ohne dauerhafte Prägewirkung. Die konsumkulturelle Botschaft überlagert zumeist politische Ausdruckformen, macht sie unbestimmt und beliebig. So ist es kein Zufall, dass es in der Skin- und Rockkultur r gesellschaftskritische Stachel von jugendkultureller Provokation kaum zu spüren ist. Mit Blick auf die ökonomischen Globalisierungsprozesse erscheinen diese Jugendkulturen proaktiv und beschleunigend. Sie erweitern transnationale Konsummärkte und nutzen dazu die vorhandenen technischen Vernetzungsmöglichkeiten. Ihre Pluralität und Heterogenität, ihr hybrider Charakter, die hinzugefügten Elemente der Selbstgestaltung, selbst ihre gelegentliche Aufladung mit Protestelementen sprechen zwar gegen das vorschnelle Urteil einer homogenisierten, ja weltweit uniformen Konzernwelt, wie sie mit Begriffen wie McDonaldisierung oder Disneyfizierung suggeriert wird. [18] Aber sie unterstützen gerade in ihrem flexiblen und "postmodernen" Charakter eher Marktorientierungen als gesteigerte Erwartungen an die politische Gestaltbarkeit globaler Transformationen.

2. Identitätsorientierter Widerstand und Rückzugsbewegungen



Im Kontrast zur proaktiven Grundströmung haben in jüngerer Zeit zwei andere Strömungen deutlich an Gewicht gewonnen. Es haben sich vielfältige lokale Gegenkulturen herausgebildet, die sich demonstrativ gegen die kulturelle Vereinheitlichung durch die beschriebenen Globalisierungsprozesse wenden. Religiöse, regionalistische, nationalistische und rechtsextreme Strömungen können ebenso dazu gehören wie ökologisch begründete Gemeinschaften. "Identität" ist ihr gemeinsames Zauberwort, um das alles kreist. [19] Kollektive Identitäten werden erfunden oder ausgegraben, damit sie Sinnstiftung in einer unübersichtlich und beliebig gewordenen Welt bieten. Der Rückzug in Gemeinschaften soll den staatlichen Kontrollverlust kompensieren, mit dem die globalen Transformationsprozesse vermeintlich oder tatsächlich politisch einhergehen. [20] Rechtsextreme, fremdenfeindliche und rassistische Strömungen haben weltweit - vor allem in den reichen Ländern des Nordens - in den letzten zwei Jahrzehnten, d. h. den Dekaden der Globalisierung, deutlich zugelegt. Ihr Protest gegen Globalisierung kreist um die zuweilen gewalttätige Identitätsbehauptung gegen kulturelle Überfremdung, Zuwanderung und offene Grenzen. [21] Mobilisiert wird für eine Errichtung von Mauern gegen den Zuzug von Migranten. Was wir in den letzten 20 Jahren an wachsendem Rechtsextremismus erleben, vor allem auch unter Jugendlichen, ist vorrangig eine Reaktionsbildung auf Globalisierungsprozesse und die damit verbundenen Denationalisierungen, die als bedrohlich erfahren werden. Es handelt sich nicht um eine Wiederholung dessen, was in den zwanziger und dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts passierte. Trotz "alter Kameraden" und NS-Symbolik erhebt sich nicht der alte Nationalsozialismus oder Faschismus aus dem Grabe. So versammelten sich zum Beispiel am 27. Oktober 2001 in Heidelberg einige Hundert Demonstranten der NPD-Jugend hinter Transparenten mit der Aufschrift "Für eine Welt der freien Völker". Die Kritik richtete sich, so die Veranstalter, "gegen die Globalisierung und die dahinter stehenden US-Interessen".

Solche politisch-kulturell gestimmten Identitätsbehauptungen haben in der Regel einen ökonomischen Kern. Einmal geht es um die Verteidigung komparativer Vorteile im Globalisierungsprozess gegen die anstürmenden Habenichtse - ein Wohlstandschauvinismus, der sich in weit verbreiteten Leitbildern wie der "Festung Europa" niedergeschlagen hat. Aus dieser Quelle speisen sich auch die italienische Lega Nord oder die österreichische FPÖ unter Jörg Haider. Zum anderen greifen rechtspopulistische Mobilisierungen die Erfahrung oder auch nur die Angst auf, zu den Globalisierungsverlierern zu gehören. Der "Vereinigungsschock" mit dauerhafter Massenarbeitslosigkeit, die Nähe zur EU-Außengrenze und die befürchtete Konkurrenz billiger Arbeitsmigranten sind die besonderen ökonomischen Faktoren des Wahlerfolgs der rechtsextremen DVU, die mit Parolen wie "Deutsche zuerst, Deutsche Arbeitsplätze für Deutsche" 1998 in Sachsen-Anhalt immerhin 12,9 Prozent der Wählerstimmen erringen konnte. Bei den Wählerinnen und Wählern unter 30 Jahren war die DVU sogar die stärkste Partei.

3. Globalisierungskritische Milieus und Bewegungen



Von Seattle bis Genua ist deutlich geworden, dass es einen progressiven globalisierungskritischen Gegenpol in den gegenwärtigen Jugendkulturen gibt. Auffällig war bei all diesen Protesten der hohe Anteil von Jugendlichen und Schülern. Kosmopolitische Orientierungen, globale Verantwortung, Unbehagen im Wohlstand, moralische Sensibilität für Globalisierungsfolgen und Solidarität mit den Globalisierungsopfern in der Peripherie gehören zu den hervorstechenden normativen Orientierungen dieser Jugendszenen, die transnational in verschiedenen Netzwerken kooperieren. Sicherlich spielt auch die Furcht vor den unabsehbaren sozialen und ökologischen Folgen eine Rolle, die durch die vorherrschende Form der Globalisierung aufgehäuft werden. Sie markieren den äußersten Gegenpol zu den rechtsextremen Rückzugsbewegungen und deren Globalisierungskritik, die auf nationale und regionale Schließung setzt. Die gegenwärtigen globalisierungskritischen Initiativen heben sich auch von einem Internationalismus ab, der auf revolutionäre Vorbilder in der "Dritten Welt" setzte. Im Vergleich dazu nehmen sich Debatten, wie sie von globalisierungskritischen Initiativen auf dem Weltsozialforum in Porto Alegre Anfang 2001 geführt wurden, eher pragmatisch aus. Es gibt inzwischen - gerade auch in den USA und Kanada - eine Fülle von konsumkritischen Initiativen gegen eine konzerngeprägte Globalisierung, die Verstöße gegen soziale und ökologische Standards von Markenartikelherstellern in der Peripherie mit Boykottaufrufen beantworten. Naomi Klein hat mit ihrer stark beachteten Streitschrift "No Logo!" erheblich zur Aufklärung über diese Schattenseiten der globalen Konsumkultur und zur Verbreitung von Boykottinitiativen beigetragen. Mit "Reclaim the Streets" und den "Innenstadtaktionen" hat sie zudem auf Aktionsformen aufmerksam gemacht, die sich gegen die Privatisierung von öffentlichen Räumen und die Vertreibung von konsumstörenden "Randgruppen" aus den Innenstädten wenden. [22] In die Proteste vieler Jugendlichen mischt sich deutlich die Scham, Nutznießer dieser globalen Ungleichheiten zu sein. Die Boykottaktionen gegen Markenhersteller sind übrigens keineswegs folgenlos. Mehr als die Hälfte aller Marken haben im Vergleich zum Vorjahr verloren, allen voran Nike, Coca Cola und McDonalds.

Es ist gegenwärtig nicht möglich, ein halbwegs vollständiges Bild der Jugendmilieus zu skizzieren, die heute in der einen oder anderen Form in globalisierungskritischen Initiativen tätig sind. In ihrer prägnanten Parole "Eine andere Welt ist möglich!" schwingt noch jenes jugendbewegte Pathos mit, das an der Gestaltbarkeit der Welt festhält. Allerdings hat es nichts mehr mit der trügerischen Gewissheit jener Generation zu tun, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts beschwor: "Mit uns zieht die neue Zeit." [23] Gemeinsames Ziel der vielfältigen Aktionsansätze und NGOs ist eine sozial gerechte, demokratische Gestaltung der Globalisierungsprozesse durch die Rückgewinnung politischer Gestaltungsspielräume. Die Tobin-Steuer auf Devisengeschäfte soll dafür lediglich ein erstes Exempel bieten. Die Jahrhundertaufgabe erfordert weit mehr. Wichtige Schritte könnten sein:

- eine Demokratisierung der Vereinten Nationen, der internationalen Organisationen und Regime, Öffentlichkeit und Transparenz ihrer Verhandlungen;

- die Schaffung einer transnationalen Öffentlichkeit, die nicht von einigen wenigen Konzernen geprägt ist;

- das Finden gemeinsamer normativer Maßstäbe, die sich durch einen möglichst gleichberechtigten interkulturellen Austausch der Gruppen entlang universeller Menschenrechte weltweit entwickeln können.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern. Jugendspezifische Forderungen wird man dabei vermutlich weitgehend vergeblich suchen. Auch dies ist ein Hinweis auf den historischen Abstand zum Mythos Jugend.

4. Gemeinsamkeiten und Herausforderungen



Bei näherem Hinsehen weisen die beschriebenen konkurrierenden, mitunter antagonistischen Strömungen auch Gemeinsamkeiten auf, die noch einmal auf die Prägekraft globaler Transformationen aufmerksam machen.

Alle jugendkulturellen Strömungen stützen sich auf überlokale, oft auch transnationale Vernetzungen, die sie mit Gleichgesinnten verbinden. Dies gilt auch für die diversen rechtsextremen Szenen (Hammerskins, Oi-Musik usw.). Gemeinsam ist ihnen auch die intensive Nutzung des Internets, wie das Beispiel der Demonstrationsberichterstattung der Jungen Nationalen zeigt. Die Boykott-Initiativen der globalisierungskritischen Initiativen wären ohne Internet gar nicht denkbar, fehlte es doch sonst an authentischen Vor-Ort-Informationen.

Zu den größten negativen Herausforderungen zählt die Formierung regressiver und repressiver jugendlich geprägter Verteidigungsgemeinschaften, die als "national befreite Zonen" bereits in einigen Regionen Ostdeutschland proklamiert wurden und an einigen Orten auch praktisch durchgesetzt werden. Verdrängung und beschleunigter Wegzug sind die Folge. Dadurch entstehen in den neuen Bundesländern womöglich homogene Räume, die von Andersdenkenden, -lebenden und -aussehenden "gesäubert" sind. Sie funktionieren pervers. Spektakuläre Gewalttaten gegen Ausländer oder ausländisch aussehende Menschen - immerhin mit mehr als 100 Todesopfern seit Anfang der neunziger Jahre - haben als territoriale Aneignung objektiv die Funktion von Erpressung: Beachtet uns und gebt uns Geld, sonst erleidet die gesamte Bundesrepublik einen Imageschaden im globalen Wettbewerb. Dabei entstehen Gemeinschaften, die Elemente von gegenseitiger Hilfe ausbilden (Handwerker, die bevorzugt rechte Jugendliche einstellen) und sich lokaler Anerkennung erfreuen (Kameradschaften als Sicherheitskräfte).

Fußnoten

16.
Vgl. Stefan Krätke, Medienstadt. Urbane Cluster und globale Zentren der Kulturproduktion, Opladen 2002. Er identifiziert nur sechs Städte, die in der ersten weltweiten Liga operieren: Los Angeles, New York, London, Paris, Amsterdam, Berlin und München.
17.
Vgl. Dusan Reljic, Der Vormarsch der Megamedien und die Kommerzialisierung der Weltöffentlichkeit, in: T. Brühl u. a. (Anm. 9), S. 58-81; weitere empirische Trends in den'kulturellen Globalisierungsprozessen bei D. Held/A.'McGrew/D. Goldblatt/J. Perraton (Anm. 2), S. 327 ff.
18.
Eine frühe Version dieser These findet sich bei Benjamin Barber, Jihad vs. McWorld. How globalism and tribalism are reshaping the world, New York 1995.
19.
Vgl. M. Castells, The Power of Identity (Anm. 3).
20.
Vgl. Saskia Sassen, Losing Control? Sovereignty in an Age of Globalization, New York 1996.
21.
Zur Veränderung nationaler politischer Kulturen unter den Bedingungen von Globalisierungsprozessen s. Hanspeter Kriesi, Nationaler politischer Wandel in einer sich denationalisierenden Welt, in: Ansgar Klein/Ruud Koopmans/Heiko Geiling (Hrsg.), Globalisierung, Partizipation, Protest, Opladen 2001, S. 23 - 44.
22.
Naomi Klein, No Logo ! Der Kampf der global Players um Marktmacht. Ein Spiel mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern, Gütersloh 2001.
23.
Zu den Jugendbewegungen und -kulturen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vgl. Thomas Koebner/Rolf-Peter Janz/Frank Trommler (Hrsg.), "Mit uns zieht die neue Zeit". Der Mythos Jugend, Frankfurt/M 1985.