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5.9.2003 | Von:
Ludwig Watzal

Editorial

"Der Islam" ist spätestens seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 ins Gerede gekommen. Befindet sich "der Westen" in einem "Kulturkampf" gegen "den Islam"?

"Der Islam" ist spätestens seit den Terroranschlägen des 11. September 2001 ins Gerede gekommen. Auch der völkerrechtlich umstrittene Angriffskrieg einer "Koalition der Willigen" unter Führung der USA gegen das Regime von Saddam Hussein im Irak hat das Verhältnis des Westens zum Islam erheblich beeinträchtigt. Weitere muslimische Länder wie Iran und Syrien sind ins Fadenkreuz amerikanischer Kritik geraten. Befindet sich "der Westen" in einem "Kulturkampf" gegen "den Islam", wie einige Wissenschaftler bereits seit Jahren behaupten? Nicht "dem Islam" wurde seitens der USA der Kampf angesagt, sondern den diversen Erscheinungsformen des politischen Islam oder Islamismus. Daher gilt es, zu differenzieren, weil sie in jedem Land andere politisch-ökonomische Ursachen haben. Diese Unterschiede sollen durch die hier publizierten Beiträge deutlich gemacht werden. Es wurde bewusst ein regionalpolitischer Ansatz gewählt, um die These zu widerlegen, es handele sich bei "dem Islam" um ein monolithisches Gebilde. Das Gegenteil ist der Fall: Ein Kaleidoskop des Islam wird sichtbar.

Obwohl weder die Ereignisse des 11. September noch der Krieg gegen den Irak offiziell vom "Islam" oder "dem Westen" zu verantworten sind, sondern von bestimmten Akteuren aus der muslimischen und westlichen Welt, haben diese dennoch dazu beigetragen, die bereits bestehende Kluft zwischen beiden Seiten zu vertiefen. Die instabile Situation lässt es für die muslimische und westliche Welt geradezu geboten erscheinen, die sie trennenden Fragen, die zu Missverständnissen, Spannungen und Konflikten führen, zu diskutieren. Mit dem Beitrag "Die muslimische Welt und der Westen" werden die Erwartungen des Islam an den Westen aus der Sicht von Autorinnen und Autoren aus sechs muslimischen Ländern dargestellt. Bemerkenswert an den Ausführungen ist, dass die Verfasserinnen und Verfasser ungeachtet unterschiedlicher historischer Hintergründe zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen gekommen sind.

Die Autorinnen und Autoren haben keine einseitige Anklageschrift gegen den Westen verfasst, sondern auch die Defizite innerhalb der muslimischen Länder beim Namen genannt, die zu einem Minderwertigkeitsgefühl vieler Muslime beitragen; auf der Seite des Westens werden die Defizite in der ungelösten Palästina- und Irakfrage, in einer Politik des doppelten Maßstabes der USA und in anderen offenen Konflikten mit der muslimischen Welt gesehen. Den eigenen Ländern werfen die Verfasserinnen und Verfasser Versagen in der Regierungsführung, der ökonomischen Entwicklung, der Bekämpfung der Armut sowie Mangel an demokratischen Freiheiten und die Verletzung der Menschenrechte vor. Dieses politische Unvermögen zahlreicher Regierungen in der muslimischen Welt, gepaart mit Erinnerungsresten kolonialer Unterdrückung, lasse in der Bevölkerung ein Gefühl entwürdigender Abhängigkeit entstehen, das sich häufig in Ressentiments und Feindseligkeit gegenüber dem Westen äußere.

Auch innerhalb der muslimischen Welt hat es nach den Terroranschlägen des 11. September ein großes Mitgefühl der Menschen mit den USA gegeben. Daraus jedoch den Schluss zu ziehen, man verfolge die gleiche Antiterrorstrategie, wäre verfehlt. Die Autorinnen und Autoren kritisieren, dass sich die Strategie der USA nur gegen die Symptome, nicht aber gegen die Wurzeln des Terrors richte. Sie sehen dessen Ursachen eher in politischen Defiziten und fordern dementsprechend politische Lösungen, insbesondere in Bezug auf den Palästinakonflikt, der von den USA tunlichst ausgeklammert werde.