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5.9.2003 | Von:
Sabine Riedel

Der Islam als Faktor in der internationalen Politik

IV. Nichtstaatliche Akteurezwischen islamischen Stiftungenund islamistischen Netzwerken

Wie das Beispiel Libyen zeigt, wurden in den meisten Ländern der islamischen Welt die Re-Islamisierungsprozesse gerade nicht von oppositionellen Kräften, sprich von nichtstaatlichen Akteuren betrieben. Als Haupttriebfeder müssen vielmehr die herrschenden Eliten der jeweiligen Länder gesehen werden, die aus verschiedenen Gründen mit ihren Modernisierungsversuchen gescheitert waren - sei es im Rahmen sozialistischer Gesellschaftsentwürfe oder auf der Basis nationalstaatlicher Entwicklungsmodelle nach dem Vorbild des Panarabismus. Der Politikwissenschaftler Mir Ferdowsi drückt dies mit den folgenden Worten aus: "Die Hauptursache der fundamentalistischen Gewalt unserer Tage ist das völlige Versagen der herrschenden Regime - seien sie nun republikanisch oder monarchisch, sozialistisch oder kapitalistisch, progressiv oder konservativ - und zwar in allen Bereichen der Gesellschaft, der Wirtschaft, der Erziehung und der Kultur."[23]

Wenn sich heute auch Regimekritiker mit islamischen oder islamistischen Ideen zur Wehr setzen, so ist dies eine Antwort auf die politische Instrumentalisierung des Islam. Der ägyptische Islamwissenschaftler Nasr Hamid Abu Zaid wies in einer Diskussion darauf hin, dass die Eliten mit ihren politischen Bezügen auf vermeintlich islamische Traditionen den Re-Islamisierungsprozess letztlich selbst geweckt und so den heutigen Diskursrahmen vorgegeben hätten.[24]

1. Instrumentalisierung des Islamdurch führende politische Eliten

Viele Beispiele geben dieser Einschätzung Recht: Denn wenn Revolutionsführer Mucammar al Qadhdha'fdi' islamisches Recht auf der Grundlage des Koran nach eigenem Gutdünken interpretiert, danach Parteien verbietet und öffentliche Ämter besetzt, so ist dies für eine Gesellschaft, die über Jahrhunderte den sunnitischen Glauben tradiert hat, äußerst befremdlich. Es ruft geradezu zwangsläufig oppositionelle Bewegungen auf den Plan. Diese reichen von konservativen politischen Kräften, die den Islam lediglich als Wertesystem ihres politischen Handelns betrachten, bis hin zu islamistischen Kräften, die das politische System im Gegensatz zur bestehenden politischen Ordnung allein nach ihrer angeblich "wahren" Glaubenslehre ausrichten wollen.

Ein anderes Beispiel hierfür ist Algerien. Dieses nordafrikanische Land begann bereits Anfang der sechziger Jahren im Zuge der Entkolonialisierung mit seiner Rückbesinnung auf eigene traditionelle Werte. Sechs Jahre vor Libyen - und zwar im Jahre 1963 - führte es mit der neuen Verfassung den Islam als Staatsreligion ein. Doch sollte der Re-Islamisierungsprozess anders als im afrikanischen Nachbarland verlaufen. Die Instrumentalisierung der Religion führte nicht zur Marginalisierung der sunnitisch-muslimischen Geistlichkeit Libyens. Vielmehr richteten die algerischen Machthaber offenbar nach dem Vorbild der Türkei ein "Ministerium für religiöse Angelegenheiten" ein, welches fortan die Imame auf ihre religiösen Ämter einsetzte.[25] Doch infolge der französischen Kolonialherrschaft und des Bruchs mit den eigenen Traditionen verfügte Algerien über keine eigenen Ausbildungsstätten für religiöse Geistliche wie noch Tunesien, Marokko oder Ägypten. Zudem bevorzugt die Elite des Landes bis heute das Französische statt das Hocharabische als Bildungssprache.

Dies ist der ideale Nährboden für Fundamentalisten und Islamisten, wie sie sich in der Islamischen Heilsfront organisiert haben. Ihre Abkürzung FIS geht im Übrigen nicht auf einen arabischen, sondern auf den französischen Namen zurück, nämlich: "Front Islamique du Salud" (FIS). Sie nutzen die Jahrzehnte eines säkularen Gesellschaftssystems dazu, ihr Bild eines algerischen Islams zu rekonstruieren, der nicht viel mit eigentlichen Traditionen des Landes zu tun hatte. Weitaus gefährlicher ist eine Abspaltung der islamistischen FIS, nämlich die "Groupe islamique armé" (GIA), die das Regime auch mit militärischen Mitteln bekämpft. Die oppositionellen Gruppen des islamischen Spektrums unterscheiden sich daher zum einen hinsichtlich ihres Verständnisses vom Islam: Kritisieren die einen aus der Sicht ihrer religiösen Wertebasis die staatliche Instrumentalisierung ihrer Religion und das damit verbundene interessengeleitete Bild vom Islam, so ist für andere die Religion die Basis für den Entwurf alternativer Gesellschaftsmodelle und somit unter Umständen eine ideologische Grundlage ihres politischen Handelns.

2. Der Unterschied zwischen Gewalt und Terror

Ganz wesentlich jedoch ist die Unterscheidung der islamischen bzw. islamistischen Akteure auf nichtstaatlicher Ebene hinsichtlich ihrer Einstellung zur Gewalt. Hier reicht eine Unterscheidung zwischen friedlichen und gewaltbereiten Akteuren allein nicht aus. Der Islamwissenschaftler Peter Heine schätzt die Zahl der Islamisten, die gewaltbereit sind, auf höchstens zwei Prozent der muslimischen Bevölkerung.[26] Doch selbst davon können die wenigsten auch als Terroristen bezeichnet werden. Vielmehr setzen die meisten Islamisten vor allem dort Gewalt ein, wo ein gesellschaftlicher Konflikt eine lange Vorgeschichte hat, wie z.B. in Algerien oder in Israel/Palästina. Der Einsatz von Gewalt wird oft als eine Art der Selbstverteidigung gegen staatliche Willkür gerechtfertigt. Diese Feststellung will nicht etwa Gewaltakte verharmlosen. Vielmehr soll darauf hingewiesen werden, dass in einer Konfliktkonstellation nicht eine Partei als alleiniger Verursacher auszumachen ist, sondern auch immer die gesamte Konfliktstruktur berücksichtigt werden muss.

Terroristen dagegen unterscheiden sich meist von solchen Organisationen, die ihren Aktionsradius vorwiegend auf der politischen und sozialen Ebene sehen und nur in bestimmten Situationen auch vor dem Einsatz von Gewalt nicht zurückschrecken. Der Terrorismus ist - wie der Soziologe Peter Waldmann schrieb - "die bevorzugte Gewaltstrategie relativ schwacher Gruppen. Terroristische Organisationen sind nicht stark genug, um ein Stück des nationalen Territoriums militärisch zu besetzen"[27]. Der Autor vertritt die These, dass sich Terroristen mit ihren schrecklichen Aktionen über rechtliche und moralische Konventionen hinwegsetzen, um damit einen Schockeffekt zu erzielen. Deshalb versteht Waldmann unter Terrorismus in erster Linie eine "Kommunikationsstrategie"[28], woraus sich Fragen nach den "Botschaften" und dem "Kommunikationsraum" ableiten. Der Terrorismus - auch der islamistisch begründete - ist demzufolge ein Phänomen unseres modernen Medienzeitalters.

Will man die Frage beurteilen, ob es reale Möglichkeiten gibt, bestehende Gewaltpotenziale in der islamischen Welt abzubauen und damit das Risiko von terroristischen Anschlägen zu verringern, so muss ein kritischer Blick auf die Regierungsverantwortung der betreffenden Staaten - also auf die staatlichen Akteure - gestattet sein.

3. Regierungen als Förderer von Islamisten

Dies wird gerade im Falle Algeriens deutlich. Dort hat das System einer teils verdeckten und teils offenen Militärdiktatur nicht nur einen gewaltsamen islamistischen Widerstand provoziert. In jüngster Zeit mehren sich Berichte, wonach Regierungsverantwortliche oder Exponenten des algerischen Militärs Terroraktivisten der islamistischen GIA decken. Verurteilte Straftäter würden vorzeitig entlassen und neue Anschläge stillschweigend geduldet. Damit wolle das algerische Militär dem Ansehen der Islamisten in der Bevölkerung schaden und die oppositionelle islamistische Heilsfront FIS schwächen, die sich von terroristischen Aktionen distanziert.

Die Reihe von Beispielen, in denen Regierungen gewaltbereite Organisationen finanziell unterstützen, um oppositionelle Rivalen aus dem Feld zu räumen, lässt sich fortsetzen. Es muss bedenklich stimmen, dass die Gründung der palästinensischen Hamas Anfang der achtziger Jahre von der israelischen Regierung und dem internen israelischen Geheimdienst Shabak politisch und finanziell unterstützt worden war. Die israelische Regierung betrachtete wohl damals den islamischen Fundamentalismus als eine Art "gesundes Gegengewicht" zum arabischen Nationalismus der PLO Arafats.[29] Wie die aktuellen Entwicklungen zeigen, ist ihre Strategie zwar aufgegangen - die islamistischen Kräfte gewinnen unter den Palästinensern zusehends an Bedeutung -, doch zu welchem Preis.

So problematisch die Unterstützung islamistischer Gruppen im eigenen Land ist, verhängnisvoller noch für den Weltfrieden ist die Förderung gewaltbereiter Islamisten oder gar terroristischer Organisationen im Ausland durch die Regierungen verschiedener islamischer Staaten. Heute ist es kein Geheimnis mehr, dass beispielsweise die Muslime in Bosnien-Herzegowina während des Bürgerkriegs Anfang der neunziger Jahre Söldner aus verschiedenen islamischen Staaten angeworben hatten. Die unmittelbare Folge davon ist, dass der Einfluss des islamischen Fundamentalismus sowohl in Südosteuropa wie auch in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion enorm gestiegen ist. Saudi-arabische Stiftungen z.B. machen sich dabei die Tatsache zunutze, dass die dortigen Muslime seit Jahrzehnten in laizistischen Systemen lebten und somit vieles von der einheimischen Tradition des Islam verloren gegangen ist. So können ihre Islamgelehrten unbemerkt ganz neue islamische Rechtsschulen populär machen. Die Grenzen zwischen dem traditionellen islamischen Stiftungswesen und gewaltbereiten islamistischen Gruppen sind besonders in Transformationsgesellschaften fließend. Denn hier begünstigen ökonomische Krisen die Entstehung eines gesellschaftlichen Milieus, in dem soziale Probleme nicht mehr politisch gelöst, sondern in religiöse oder auch ethnische Konflikte transponiert werden.[30]

4. Internationale Unterstützung für Islamisten

Eine weitere, für die internationale Politik bedeutsame Beobachtung lässt sich anstellen: Die Parteinahme in religiösen oder ganz allgemein ethnischen Konflikten für eine Konfliktpartei geschieht nicht nur transnational, d.h. über staatliche Grenzen hinweg. Sie kann ebenso die Grenze nationaler oder religiöser Identitäten überschreiten. Ein interessantes Beispiel hierfür ist wiederum Libyen. Es ist allgemein bekannt, dass Revolutionsführer Qadhdha'fdi' eine Zeit lang die baskische Terrororganisation ETA sowie die IRA in Nordirland unterstützt hat und damit nationale Konflikte in Europa beeinflusste. Doch auch im Fall Afghanistans können wir studieren, wie die Unterstützung gewaltbereiter Organisationen über religiöse Grenzen hinweg funktioniert. Dort konnte sich die Herrschaft der islamistischen Taliban nur deshalb etablieren, weil ihnen der Weg von Mug'a'hidi'n unter Führung Osama Bin Ladens bereitet worden war. Wie eine Studie der Hanns-Seidel-Stiftung dokumentiert, hatte CIA-Direktor William Casey im Jahre 1986 den US-Kongress von einer gemeinsamen Strategie mit dem britischen Geheimdienst überzeugt, Pakistan bei der Ausbildung islamistischer Gruppen zu unterstützen und sie in einem Guerillaangriff gegen die damaligen Sowjetrepubliken Tadschikistan und Usbekistan einzusetzen. Der amerikanische und der britische Geheimdienst versuchten auf diese Weise, die Nachschublinien der sowjetischen Truppen in Afghanistan abzuschneiden, um diese zum Rückzug zu zwingen:[31]

"Zwischen 1982 und 1992 erhielten ungefähr 35 000 radikale Muslime aus 43 islamischen Ländern des Mittleren Ostens, aus Nord- und Ostafrika, Zentralasien und dem Fernen Osten ihre Feuertaufe bei den afghanischen Mudschaheddin. ((...)) Am Ende hatten über 100 000 radikale Muslime direkten Kontakt mit Pakistan und Afghanistan und unterstanden dem Einfluss des Dschihad. ((...)) Keiner der Geheimdienste schien sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein, die sich aus dem Zustandekommen von Tausenden islamischen Radikalen aus der ganzen Welt ergaben."[32]


Fußnoten

23.
Vgl. Mir A. Ferdowsi, Islamischer Fundamentalismus. Im Kampf der Kulturen oder die Krise des Entwicklungsstaates in der islamischen Welt, in: ders.,/Dietmar Herz/Marc Schattenmann (Hrsg.), Von himmlischer Ordnung und weltlichen Problemen. Festschrift zum 65. Geburtstag von Peter J. Opitz, München 2003, S. 331.
24.
Vgl. Nasr Hamid Abu Zaid, Modernisierung des Islams - Islamisierung der Moderne. Ein Gespräch über Aufklärung, Religion und "europäische Werte", Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin, 24. 11. 2002. Vgl. ders., Islam und Politik. Kritik des religiösen Diskurses, Darmstadt 1996.
25.
Vgl. Werner Herzog, Algerien. Zwischen Demokratie und Gottesstaat, München 1995, S. 144f.
26.
Vgl. Peter Heine, Terror in Allahs Namen. Extremistische Kräfte im Islam, Freiburg 2001.
27.
Peter Waldmann, Terrorismus. Provokationen der Macht, München 1998, S. 10f.
28.
Ebd., S. 12.
29.
Vgl. Albrecht Metzger, Der Himmel ist für Gott, der Staat für uns. Islamismus zwischen Gewalt und Demokratie, Göttingen 2000, S. 91.
30.
Vgl. Sabine Riedel, Die Politisierung von Ethnizität in Transformationsgesellschaften. Das Beispiel Südosteuropa, in: WeltTrends, (Frühjahr 2003) 38, S. 61 - 74.
31.
Vgl. Berndt Georg Thamm, Netzwerkterrorismus (Networkterrorism) - am Beispiel der transislamistischen "Basis" (al-Qa'ida), in: Reinhard C. Meier-Walser/Rainer Glagow (Hrsg.), Die islamische Herausforderung - eine kritische Bestandsaufnahme von Konfliktpotenzialen, aktuelle analysen 26, Hanns-Seidel-Stiftung, München 2001, S. 84.
32.
Ahmed Rashid, Taliban - Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, München 2001, S. 221, zit. in: ebd. S. 84.