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5.9.2003 | Von:
Sabine Riedel

Der Islam als Faktor in der internationalen Politik

V. Herausforderungenfür die internationale Politik

Wenn wir nun abschließend ein Fazit ziehen wollen, so ist zunächst festzuhalten: Die Polarität zwischen den westlichen Ländern auf der einen Seite und der islamischen Staatenwelt auf der anderen existiert nicht. Dies zeigt die dargestellte Instrumentalisierung von "Gotteskriegern" durch staatliche Akteure der islamischen wie auch der westlichen Welt. Einige Staaten und außenpolitische Akteure schreckten nicht davor zurück, aus kurzfristigem Machtkalkül heraus gewaltbereite Organisationen zu fördern, die u.a. auf die Errichtung eines islamistischen Staates abzielen. In dieser Frage scheint sich bei der US-Administration sowie bei vielen europäischen Politikern auch nach dem 11. September kein Umdenken abzuzeichnen. Schon vor Beginn des Irak-Kriegs wurden iitische Oppositionsgruppen als politische Verbündete angesehen und eine Nachkriegsordnung akzeptiert, über die es hieß: "Der Islam ist Staatsreligion und die Scharia eine der Rechtsquellen, wobei die Glaubensfreiheit garantiert werden soll."[33] Damit knüpft die westliche Staatengemeinschaft an die verhängnisvolle Tradition des 19. und 20. Jahrhunderts an, als aus partiellen außenpolitischen und geostrategischen Gründen "primitivste, antilaizistische islamistische Bewegungen" unterstützt worden waren, wie z.B. der Wahha'bismus der saudischen Königsdynastie.[34]

Angesichts der anhaltenden terroristischen Bedrohung und der prekären Lage in Afghanistan sowie im Irak am Rande neuer Bürgerkriege liegt es nahe, über alternative Strategien zum Umgang mit der islamischen Welt nachzudenken.[35] Deshalb sei abschließend noch einmal herausgestellt: Die aufgezeigte Heterogenität der islamischen Staaten steht dem vielfach suggerierten Bild einer monolitischen islamischen Welt entgegen. Selbst islam(ist)isch geprägte politische Systeme beruhen auf völlig unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen. Das verweist auf die Tatsache, dass der Islam eine offene Religion ist, die kein bestimmtes politisches System begründet und nicht per se eine säkulare Entwicklung der Gesellschaften verhindert, in der sie gelebt wird. "Denn die Moderne - wie in der Tat auch der Modernismus in den verschiedenen Bereichen - ist nicht auf Europa beschränkt, sondern bildet eine universale Zivilisation."[36]


Fußnoten

33.
Irakische Zangengeburt in London. Plattform, aber keine Führung für Saddams Opposition, in: Neue Zürcher Zeitung vom 17. 12. 2002.
34.
Vgl. A. del Valle (Anm. 3).
35.
Vgl. Michael Lüders, Nach dem Sturz der Taliban kein Frieden von Kabul bis Kaschmir, in: Internationale Politik Analyse, Friedrich-Ebert-Stiftung, März 2003.
36.
Aziz al-Azmeh, Die Islamisierung des Islam. Imaginäre Welten einer politischen Theologie, Frankfurt/M. 1996, S. 38 (vgl. Originalausgabe: Islams and Modernities, London 1993).