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5.9.2003 | Von:
Ulrike Freitag

Der Islam in der arabischen Welt

Politisch bestimmen die Islamisten mit ihrem Rückgriff auf den frühen Islam die öffentliche Debatte. Ein genauer Blick zeigt jedoch, dass diese Behauptung historisch nicht haltbar ist.

I. Einleitung

Arabisch ist die Sprache des Koran, des islamischen Offenbarungstextes. Dieser gilt den Muslimen, nicht zuletzt aufgrund seiner kunstvollen Sprache, als ein göttliches Wunder, das die Sendung des islamischen Propheten gewissermaßen beglaubigte. Damit besteht in den Augen vieler der gut 280 Millionen Araber ein besonderes Verhältnis zwischen ihnen und einer Religion, der inzwischen weltweit mehr als 1,2 Milliarden Menschen angehören.[1] Heute liegen die größten islamischen Staaten außerhalb der arabischen Siedlungsgebiete, es sind Indonesien, Pakistan, Bangladesch und Indien.[2]




Können nun Araber aufgrund der unbestreitbaren historischen Verbindung zwischen ihnen und dem Islam als authentischere oder zumindest als besonders gute Muslime angesehen werden? Eine solche Vorstellung wurde beispielsweise im frühen 20. Jahrhundert vorgetragen, als das Osmanische Reich politisch-militärisch in der Defensive war und die Forderung aufgestellt wurde, unter arabischer religiöser und politischer Führung die Region zu erneuern. Araber, so die Begründung, seien aufgrund des arabischen Charakters des Islam dazu in besonderer Weise berufen. Ein arabischer Botschafter, der lange in Indonesien gearbeitet hat, erklärte neulich, die dort vertretene "moderate" Form des Islam, der zufolge beispielsweise die Mehrehe abgeschafft worden sei, zeuge von einem falschen Verständnis der Religion. Dabei übersah er geflissentlich, dass auch in den meisten arabischen Staaten das islamische Familienrecht mittlerweile durch zivile Gesetzgebung modifiziert worden ist. Die Rolle des Islam in der arabischen Welt ist folglich keineswegs eine festgelegte und unwandelbare, vielmehr wird sie von Säkularisten ebenso wie von Islamisten immer wieder in Frage gestellt und neu zwischen ihnen ausgehandelt.

Es ist also zunächst zu fragen, inwieweit man tatsächlich von "einem Islam" in "der arabischen Welt" sprechen kann. Anschließend wird kurz auf die historischen Zusammenhänge zwischen Arabern und dem Islam eingegangen und dann die Frage nach der heutigen Rolle des Islam in ausgewählten arabischen Ländern gestellt. Dabei sollte man unterscheiden zwischen der institutionellen Position, die der Religion in den Verfassungen und Rechtssystemen der arabischen Staaten einerseits zugemessen wird, und den teils legalen, teils illegalen islamistischen Bewegungen, deren Forderungen nach Veränderungen in den jeweiligen Systemen abschließend betrachtet werden.


Fußnoten

1.
Vgl. UNDP, How the Arabs Compare: the Arab Human Development Report (Creating Opportunities for Future Generations), New York 2002, S. 35.
2.
Vgl. Heinz Halm, Der Islam. Geschichte und Gegenwart, München 2000.