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5.9.2003 | Von:
Bernhard J. Trautner

Zum "peripheren Islam" in Südostasien

Welche Rolle spielt der Islam in der Politik? Im Mittelpunkt stehen die beiden größten muslimischen Staaten Südostasiens, Indonesien und Malaysia.

I. Einleitung[1]

Von weltweit etwa 1,2 Mrd. Muslimen lebt ungefähr ein Fünftel in der südostasiatischen Peripherie der islamischen Welt. In drei Staaten stellen Muslime gegenwärtig die nominelle Mehrheit der Bevölkerung. Deutlich ausgeprägt ist diese Mehrheit gleichwohl nur in Indonesien, während Muslime in Malaysia und im Zwergstaat Brunei nur je eine leichte Mehrheit bilden; in einigen peripheren Landesteilen Malaysias sind sie sogar in der Minderheit. Islamische Minderheiten leben auch auf den Philippinen, in Singapur und in Thailand; sie stellen aber dort, beispielsweise auf den Süd-Philippinen, lokal durchaus auch die Mehrheit. Zusammengenommen leben mehr Muslime in Südostasien als in der gesamten arabischen Welt.




Anders als dem Kernraum der islamischen Welt, also den arabischen Staaten, der Türkei und dem Iran, widmete der Westen der südostasiatischen Peripherie des Islam lange Zeit nur geringe Aufmerksamkeit. Das ist rückblickend umso erstaunlicher, als im Malaysia von Premierminister Mahathir Mohammed ein Nation-building unter den vergleichsweise schwierigen Ausgangsbedingungen von Multiethnizität und Multikonfessionalität zu gelingen schien - zumindest bis zur schweren innenpolitischen Krise im Gefolge der Asienkrise 1997. Und Indonesien, das nach seiner Bevölkerungsstärke immerhin größte muslimische Land der Welt, hatte als verlässlicher Partner westlicher Außen- und Entwicklungspolitik gegolten - bis zum Sturz von Präsident Suharto im Jahr 1998. Diese Diskontinuitäten, die Asienkrise und der Sturz Suhartos sollten dann die Aufmerksamkeit des Westens wieder auf diese Region lenken - stärker jedenfalls als die zuvor geführte Debatte um die so genannten "asiatischen Werte". Diese hätten, so wurde argumentiert, mittels eines alternativen, nichtwestlichen Entwicklungsweges den wirtschaftlichen Erfolg von Staaten wie Malaysia oder Singapur ermöglicht.

Das lange geltende Image vom flexiblen, per se toleranteren, ja sogar unpolitischen peripheren Islam in Südostasien wurde in der jüngsten Vergangenheit von zwei gegenläufigen Tendenzen ins Wanken gebracht:

- Immer deutlicher trat einerseits die potentiell desintegrierende Kraft des Islam zutage, etwa als separatistisches Leitmotiv für die Errichtung eines islamischen Staates auf den Süd-Philippinen und im indonesischen Aceh.

- Mit der Ablösung Suhartos durch den muslimischen Philosophenkönig Abdurahman Wahid stellte der Islam aber andererseits auch sein integratives Potential unter Beweis: Der befürchtete Zerfall des indonesischen Inselreiches ist bislang ebenso ausgeblieben wie die landesweite Einführung des islamischen Rechts, der Scharî'a, über die Provinz Aceh hinaus.

Immerhin konnte nun nicht länger angenommen werden, der Islam habe im Zuge der leidlich erfolgreichen Modernisierung an normativem Einfluss verloren, islamisch motivierte Bewegungen und Gruppen besäßen bestenfalls marginale Bedeutung und lösten sich als Beiprodukt der Moderne und als vorübergehende fundamentalistische Reaktion auf diese gleichsam von selbst auf.


Fußnoten

1.
Eine um den wissenschaftlichen Literatur- und Fußnotenapparat ergänzte Version des vorliegenden Textes findet sich auf der Website des Autors unter http://www.bernhard-trautner.de/. Der Autor dankt der internationalen Studiengruppe "Islamic Culture and Modern Society" unter Leitung von G. Stauth, Universität Mainz und deren "Workshop on Asian Modernity and Islam" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI) vom 8. bis 10. Juli 2003 für wichtige inhaltliche Impulse für den vorliegenden Beitrag.