Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Hedwig Richter

Demokratiegeschichte ohne Frauen? Ein Problemaufriss

Die Sache scheint auf der Hand zu liegen und muss gar nicht weiter nachgewiesen werden: "Die Demokratie ist, historisch betrachtet, das Resultat von Revolutionen". [1] Doch ist die Lage so eindeutig? Auf jeden Fall erzählen wir uns Demokratiegeschichte gerne triumphierend, mit wehenden Fahnen und geballten Fäusten, über Barrikaden stiebend und Mauern einreißend. Der zentrale Punkt dieses geradezu globalen Demokratienarrativs lautet: Demokratiegeschichte ist ein revolutionärer Kampf von unten gegen oben. Dabei versteht es sich von selbst, dass diese Geschichte in aller Regel eine Männergeschichte ist.[2]

Revolutionierende Männer

Es spricht vieles dafür, dass die Fokussierung der Demokratiegeschichte auf Revolutionen zur Blindheit gegenüber Frauen in der Demokratie- und Wahlrechtsgeschichte beiträgt,[3] sodass selbst die Geschichte des Frauenwahlrechts – der Ermächtigung der Hälfte der Bevölkerung – in vielen Geschichtsbüchern über Demokratie kaum Erwähnung findet.[4] Der Stoff passt nicht in die brausenden Revolutionsetüden: Denn die Durchsetzung des Frauenwahlrechts gestaltete sich weitgehend nicht revolutionär, die Akteurinnen sind Frauen in langen Röcken und langwierigen Vereinssitzungen, Petitionen und Artikel schreibend, Bildungsarbeit betreibend und sehr um gesellschaftliche Reformen bemüht. Häufig fand ihre Arbeit im kirchlichen Rahmen statt, zumeist im kommunalen Bereich und dort in der revolutionsunverdächtigen Wohltätigkeitsarbeit.[5] Allenfalls die gewalttätigen Suffragetten in Großbritannien erhalten daher in der globalen demokratiehistorischen Hall of Fame ein Denkmal, und sie sind es, derer in Spielfilmen mit Starbesetzungen gedacht wird.

Das Bedürfnis, Demokratiegeschichte als Geschichte des gewalttätigen Kampfes zu erzählen, verleitet also dazu, ausgerechnet jene kleine und ausgesprochen untypische Minderheit unter den Frauenrechtlerinnen in den Fokus der Geschichte des Frauenwahlrechts zu rücken. Für Deutschland wird entsprechend häufig behauptet, es sei die Revolution am Ende des Ersten Weltkriegs gewesen, die das gleiche und allgemeine Wahlrecht hervorgebracht habe, und immer noch findet sich die Meinung, der Krieg sei der Vater des Frauenwahlrechts.[6]

Eine neuere Demokratie- und Wahlforschung geht davon aus, dass Demokratiegeschichte – die Geschichte also der egalitären Ermächtigung einer Bevölkerung –, in der die Hälfte jener Bevölkerung prinzipiell nicht vorkommt, ergänzungsbedürftig ist.[7] Natürlich ist es möglich, all jene Frauen aufzuspüren, die in den Revolutionen mitgewirkt haben – und man wird immer fündig werden.[8] Doch lässt sich damit nicht bestreiten, dass gewalttätige Revolutionen vorrangig das Geschäft junger Männer ist, aus welchen Gründen auch immer.[9]

Es lohnt sich daher, Demokratiegeschichte zu erweitern. Folgende drei Schwerpunkte erscheinen dabei vielversprechend: Erstens kann Demokratie und mit ihr die für das Wahlrecht relevante Staatsbürgerschaft weiter gefasst werden; Demokratiegeschichte ist dann nicht nur die Ideengeschichte des Begriffs "Demokratie" oder die Geschichte des Parlaments und des Wahlrechts.[10] Dazu gehört, Demokratiegeschichte bewusst nicht nur als Geschichte der revolutionären Bewegung zu verstehen, sondern auch als die Geschichte von Reformen.

Zweitens ist es sinnvoll, historische Demokratie- und Wahlforschung – wie in der Frauengeschichte schon vielfach eingelöst – stärker transnational zu konzipieren.[11]

Drittens geht es um die Analyse, warum und inwiefern Demokratie geschlechtlich praktiziert und erzählt wird – eine Erweiterung, über die in der politikwissenschaftlichen Forschung viel nachgedacht wird, weniger jedoch in der demokratiehistorischen.[12]

Fußnoten

1.
Jakob Tanner, Ist die Revolution reaktionär?, in: Das Magazin 14/2018, S. 4.
2.
Beispielhaft für die "Kampf-von-unten"-Erzählung Sean Wilentz, Rise of American Democracy. Jefferson to Lincoln, New York u.a. 2005, S. xix; vgl. zur Rolle der Frauen in Revolutionen Dawn L. Teele, Forging the Franchise. The Political Origins of the Women’s Vote, Princeton 2018, S. 2f.
3.
Darauf verweist zuletzt Teele (Anm. 2), S. 254, S. 257, S. 259–263, passim.
4.
Das Modell der drei "Wellen der Demokratisierung" von Samuel P. Huntington etwa kommt völlig ohne die Emanzipation der Frauen aus, und auch die Erweiterungen des Wellen-Modells berücksichtigen diese nicht. Vgl. zur Kritik der Geschlechterblindheit Pamela Paxton, Women’s Suffrage in the Measurement of Democracy. Problems of Operationalization, in: Studies in Comparative International Development 3/2000, S. 92–111.
5.
Vgl. Hayden White, Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Frankfurt/M. 1991.
6.
Siehe dazu auch den Beitrag von Kerstin Wolff in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Wesentlich dafür sind beispielsweise die Arbeiten von Dawn Teele oder Birgitta Bader-Zaar; in der politikwissenschaftlichen Forschung findet das Thema seit Längerem viel stärkere Beachtung. Vgl. etwa Carole Pateman, The Disorder of Women. Democracy, Feminism, and Political Theory, Stanford 1989; Barbara Holland-Cunz, Feministische Demokratietheorie, Opladen 1998; Gundula Ludwig/Birgit Sauer/Stefanie Wöhl (Hrsg.), Staat und Geschlecht. Grundlagen und aktuelle Herausforderungen feministischer Staatstheorie, Baden-Baden 2009; Jean L. Cohen/Andrew Arato, Civil Society and Political Theory, Cambridge MA 1992.
8.
Vgl. etwa Gabrielle Hauch, Frau Biedermann auf den Barrikaden. Frauenleben in der Wiener Revolution 1848, Wien 1990; Carola Lipp/Beate Bechtold-Comforty (Hrsg.), Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/49, Bühl-Moos u.a. 1986.
9.
Vgl. Hedwig Richter, Moderne Wahlen, Hamburg 2017, S. 197–202; dazu die Aussagen von Andreas Fahrmeir im DLF-Podcast über die jungen Männer als Hauptakteure von Revolutionen: Geschichte des 19. Jahrhunderts. Vor 200 Jahren begann der Durchbruch der Moderne, 2.8.2018, http://www.deutschlandfunk.de/aus-kultur-und-sozialwissenschaften.1147.de.html?drbm:date=2018-08-02«.
10.
Vgl. Ute Frevert/Heinz-Gerhard Haupt (Hrsg.), Neue Politikgeschichte. Perspektiven einer historischen Politikforschung, Frankfurt/M.–New York 2005; Thomas Mergel, Kulturgeschichte der Politik, Version: 2.0, http://docupedia.de/zg/Kulturgeschichte_der_Politik_Version_2.0_Thomas_Mergel«; Barbara Stollberg-Rilinger, Einleitung, in: dies. (Hrsg.), Was heißt Kulturgeschichte des Politischen?, Berlin 2004, S. 9–24.
11.
Vgl. etwa Edmund S. Morgan, Inventing the People. The Rise of Popular Sovereignty in England and America, New York 1989; Caroline Daley/Melanie Nolan (Hrsg.), Suffrage and Beyond. International Feminist Perspectives, New York 1994; Margaret L. Anderson, Lehrjahre der Demokratie. Wahlen und politische Kultur im Deutschen Kaiserreich, Stuttgart 2009; Tim B. Müller, Nach dem Ersten Weltkrieg. Lebensversuche moderner Demokratien, Hamburg 2014. Zur Transnationalität der Frauengeschichte vgl. beispielhaft Anja Schüler, Frauenbewegung und soziale Reform. Jane Addams und Alice Salomon im transatlantischen Dialog. 1889–1933, Stuttgart 2004; Malcolm Crook, L’avènement du suffrage féminin dans une perspective globale (1890–1914), in: Landry Charrier (Hrsg.), Circulations et réseaux transnationaux en Europe (XVIIIe-XXe siècles), Berlin 2013, S. 57–68. Allerdings halten sich gerade im angelsächsischen Raum nach wie vor Sonderwegerzählungen wie etwa Jad Adams, Women & the Vote. A World History, Oxford 2014, S. 261–277.
12.
Vgl. etwa Pateman; Holland-Cunz; Ludwig/Sauer/Wöhl; Cohen/Arato (Anm. 7).
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