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12.10.2018 | Von:
Jana Günther

Die Suffragetten. Mit Militanz zum Frauenstimmrecht

"MEN! What are you? TYRANTS? Or PHILOSOPHERS? Or FOOLS? As TYRANTS we will fight you. As PHILOSOPHERS we will argue you down. As FOOLS we express our contempt for you", proklamierte die Zeitschrift "Votes for Women" 1908.[1] Dabei ist "fight", also kämpfen, wörtlich zu verstehen: Nach einer langen, parlamentarisch erfolglosen Kampagne für das Frauenstimmrecht entfaltete sich die britische Suffragettenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts zu einem "Kampagnenjuggernaut" der britischen Frauenbewegung,[2] der im In- und Ausland für Aufsehen sorgte.

Die Suffragetten als militante Aktivistinnen stehen für die "alte" Frage in sozialen Bewegungen nach der Anwendung der Protestmittel Pate: Sind ziviler Ungehorsam, defensiver oder offensiver Widerstand, Militanz und Gewalt "gegen Sachen" oder weitergehend "gegen Personen" ein adäquates Mittel, um Veränderungen im politischen System zu erreichen? Im europäischen Frauenbewegungsspektrum löste diese Frage eine hitzige Debatte aus; darüber hinaus wurde durch die militanten Aktionen die Rolle der Frau in der Gesellschaft medienwirksam auf die öffentliche Agenda gebracht. So konstatierte die Hamburgerin Hedwig Weidemann 1910 im "Centralblatt", dem Bundesorgan des Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF), einer der Hauptorganisationen der bürgerlichen deutschen Frauenbewegung, "Suffragetten sprechen aber nicht nur, sie handeln auch".[3] Doch wer waren die Suffragetten?

Anfänge und politische Wurzeln der Bewegung

Die britische Frauenstimmrechtsbewegung, deren Aktivist_innen und Organisationen sich ab 1897 größtenteils in der sich als konstitutionell verstehenden National Union of Suffrage Society (NUWSS) sammelten, konnten auf eine fast 50-jährige Tradition und insbesondere eine durchaus erfolgreiche Mobilisierungsgeschichte zurückblicken.[4] Die als Suffragist_innen (abgeleitet aus dem lateinischen suffragium = politisches Stimmrecht) bezeichneten Stimmrechtler_innen organisierten sich in einer Vielzahl von Gesellschaften und nutzten konstitutionelle Mittel, um ihr Anliegen – das Frauenstimmrecht zu den gleichen Konditionen wie die Männer, das heißt ein Besitzwahlrecht – durchzusetzen. Jedoch hatten sie bis zur Jahrhundertwende – zumindest auf parlamentarischer Ebene – noch nicht viel erreicht.

Einer jungen Generation an politischen Aktivistinnen gingen die Kampagnen nicht weit genug. Sie versuchten durch neue Mittel der Protestartikulation, dem Thema neues Gewicht im öffentlichen Diskurs zu verleihen. Der Begriff "Suffragette" geht dabei auf die Zeitung "Daily Mail" zurück, die der Frauenemanzipation ablehnend gegenüberstand.[5] Sie erfanden diesen, um die militanten von den gemäßigten Suffragist_innen zu unterscheiden.[6] Die Wortschöpfung diente fortan als abwertende Bezeichnung für Frauenstimmrechtsaktivistinnen, die mit ihrer Vehemenz für "the Cause"[7] mit gängigen viktorianischen Weiblichkeitsidealen brachen und Frauen buchstäblich auf die Straße und damit in die politische Öffentlichkeit brachten. Ihrerseits reagierten die Militanten gewitzt auf die Bezeichnung der "ignorant old boy’s own paper"[8] und die allgemeine Verurteilung ihres politischen Engagements durch Teile der britischen Presse sowie der liberalen Regierung: Sie vereinnahmten die Schmähung und luden die Begrifflichkeit für sich positiv auf. Die Entstehung der Bewegung wird im Allgemeinen mit der Gründung der Women’s Social and Political Union (WSPU) 1903 in Verbindung gebracht und entfaltete sich von da an bis zum Ersten Weltkrieg in mannigfaltigen landesweiten sowie lokalen Kampagnen. Die WSPU zeichnete sich durch ihre – von den Mitgliedern selbst und der allgemeinen Öffentlichkeit jener Zeit so bezeichneten – Militanz aus,[9] die gegen Ende der Bewegung (1913/14) teilweise terroristische Züge annahm.[10]

Als Wegbereiterin und Begründerin der militanten Strömung der britischen Frauenbewegung sowie der WSPU gilt Emmeline Pankhurst (1858–1928). Sie war aktives Mitglied der Independent Labour Party (ILP) in Manchester und setzte sich für soziale Reformen und die Verbesserung der Lage von Frauen in ihrem Distrikt ein. Wenngleich beim Gründungstreffen der WSPU am 10. Oktober 1903 vornehmlich politisch aktive Arbeiterinnen anwesend waren, wurde beschlossen, die Organisation als klassen- und parteiunabhängig zu konstituieren.[11] Unterstützt wurde das Anliegen von Arbeiterinnen und Mitgliedern der ILP wie Teresa Billigton (1877–1964), Annie Kenney (1879–1953), Hannah Mitchell (1872–1956) und Mary Gawthrope (1881–1973). Zunächst ging es diesem kleinen Kreis an Aktiven darum, die Partei davon zu überzeugen, sich für das Frauenstimmrecht einzusetzen. Im Gegensatz zu den konstitutionellen Organisationen schloss die WSPU im Übrigen Männer von einer Mitgliedschaft prinzipiell aus, nichtsdestotrotz unterstützten prominente Mitglieder der ILP – wie beispielsweise Frederik Pethick-Lawrence und Keir Hardie – die Bewegung aktiv. Die enge Beziehung zur britischen Arbeiter_innenbewegung hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die WSPU: Insbesondere hinsichtlich der Mobilisierungs- und Proteststrategien profitierten die Suffragetten von dem gewerkschaftlich und sozialistisch geprägten Umfeld der aktivistischen Industriearbeiter_innenschaft um Manchester herum.[12]

Die konstitutionellen Frauenstimmrechtsorganisationen engagierten sich vornehmlich in parlamentarischer Einflussnahme auf dem Parkett der Lobbypolitik.[13] Dabei unterstützten sie bei den Wahlen insbesondere liberale Politiker, die sich verpflichteten, Frauenstimmrechtsanträge nach ihrer erfolgreichen Wahl ins Parlament einzubringen. Darüber hinaus setzten sie Petitionen auf und planten Versammlungen und Meetings. Entsprechend "höflich"[14] wurden Suffragist_innen von den Parlamentsmitgliedern behandelt.

Demgegenüber erprobte die WSPU demonstrative Protestmethoden – wie Aufmärsche, Kundgebungen unter freiem Himmel – und setzte dabei bewusst auf "Strategien und die Art der Propaganda der Sozialisten",[15] um auf ihr politisches Anliegen aufmerksam zu machen. Nicht zuletzt verweist ihr Slogan "Taten nicht Worte" auf die in anarchistischen Kreisen in Anschlag gebrachte "Propaganda der Tat", und nachweislich bewegte sich Pankhurst in Manchester vor der Jahrhundertwende in Kreisen von Freidenker_innen, Radikalen und Anarchist_innen, die einer Politik der Insurrektion, also des Widerstands gegen die politische Ordnungsmacht, nahestanden. So waren beispielsweise die Anarchisten Errico Malatesta und Sergius Stepniak, die die "Propaganda der Tat" in Italien und Russland Wirklichkeit hatten werden lassen, bei Emmeline Pankhurst zu Gast.[16]

Fußnoten

1.
Vgl. o.A., Westminster Gazette, in: Votes for Women, 14.5.2001, S. 173 (Herv. i.O.).
2.
Vgl. Jana Günther, Fragile Solidaritäten, Hamburg 2018, S. 370ff.
3.
Hedwig Weidemann 1910, Propaganda und Suffragettes, in: Centralblatt, 16.6.1910, S. 41.
4.
Vgl. Elizabeth Crawford, The Women’s Suffrage Movement. A Reference Guide, 1866–1928, London–New York 2001, S. 630; Günther (Anm. 2), S. 226ff.
5.
Vgl. Lisa Tickner, The Spectacle of Women. Imagery of the Suffrage Campaign 1907–14, London 1987, S. 8.
6.
Vgl. Timothy Larsen, Christabel Pankhurst, Fundamentalism and Feminism in Coalition, Woodbridge u.a., S. 2.
7.
Vgl. Kaethe Schirmacher, Die Suffragettes, Frankfurt/M. 1976 (1912), S. 1.
8.
Vgl. Sylvia Pankhurst, The Suffragette Movement. An Intimate Account of Persons and Ideals, London 1988 (1931), S. 155.
9.
Vgl. Teresa Billington-Greig, The Militant Policy of Women Suffragists, in: Carol McPhee/Ann FitzGerald, The Non-Violent Militant. Selected Writings of Teresa Billington-Greig, S. 111–119; Millicent Garrett Fawcett, Women’s Suffrage. A Short History of a Great Movement, London 1912, S. 60f.; Israel Zangwill, The War for the World, London 1916, S. 292; Emmeline Pankhurst, My Own Story, London 1913, S. 43.
10.
Vgl. C.J. Bearman, Examination of Suffragette Violence, in: The English Historical Review 486/2005, S. 365–397.
11.
Vgl. Paula Bartley, Emmeline Pankhurst, London–New York 2002, S. 72.; Sylvia Pankhurst, The Suffragette. The History of the Women’s Militant Suffrage Movement, 1905–1910, New York 1970 (1911), S. 11.
12.
Vgl. Ellen Carol DuBois, Woman Suffrage and Women’s Rights, New York 1998, S. 265; Martin Pugh, The Pankhursts, London 2002, S. 102ff.
13.
Vgl. Trevor Lloyd, Suffragetten, Die Emanzipation der Frau in der westlichen Welt, Lausanne 1970, S. 45.
14.
Ebd., S. 45.
15.
Françoise Thébaud, La Grande Guerre. Le triomphe de la division sexuelle, in: Georges Duby/Michelle Perrot (Hrsg.), Histoire des femmes en Occident: tome 5: Le XXe siècle, Paris 2002, S. 85–144, hier S. 89.
16.
Vgl. Pankhurst, (Anm. 8), S. 90.
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