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12.10.2018 | Von:
Jana Günther

Die Suffragetten. Mit Militanz zum Frauenstimmrecht

Erste militante Akte und Etablierung

Einen landesweiten Bekanntheitsgrad in Großbritannien erlangte die noch junge WSPU 1905. Am 13. Oktober kam es zu einem regelrechten öffentlichen Skandal, als die zwei WSPU-Mitglieder Annie Kenney und Christabel Pankhurst (1880–1958) in Manchester eine Versammlung der Liberalen mit den Unterhausabgeordneten Edward Grey und Winston Churchill durch Zwischenrufe zum Frauenstimmrecht störten und ein Banner mit dem Slogan "Vote for Women" entrollten. Sie wurden unter Gejohle aus dem Saal entfernt und bei dem sich anschließenden Straßenprotest verhaftet.[17] Ihr Strafmaß begründete sich überdies nicht aus der Störung der politischen Veranstaltung, sondern weil sie Widerstand gegen die Staatsgewalt geleistet hatten und Pankhurst die Polizisten bespuckt hatte.[18] Anstatt die veranschlagte Strafzahlung zu leisten, zogen es beide vor, ins Gefängnis zu gehen, ihre Strafe abzusitzen und damit symbolisch ein Zeichen zu setzen. Wenngleich die Aktion von der Presse vielfach negativ rezipiert wurde, hatte diese Form des auf Sensationen bauenden öffentlichen Protests Nachrichtenwert, was die Suffragetten erkannten und für sich nutzten. Teile des Frauenbewegungsspektrums waren zwar peinlich berührt, aber das Thema Frauenstimmrecht wurde daraufhin verstärkt in der Öffentlichkeit diskutiert.[19] Die Taktik des systematischen hecklings, also des gezielten Störens durch Zwischenrufe in öffentlichen Versammlungen, wurde in der folgenden Zeit von den Suffragetten weiter forciert. Mit zunehmender Bekanntheit der WSPU und des "Suffragettentums" gründeten sich weitere militante Organisationen, wie zum Beispiel die Women’s Freedom League (1907), die Men’s Political Union (1910), die Women’s Tax Resistance League (1909), die United Suffragists (1914) oder die East London Federation of Suffragettes (1914).

Aus strategischen Gründen entschied sich die WSPU, ihre politischen Aktivitäten näher am Zentrum des parlamentarischen Geschehens zu verorten und verlagerte ihre Aktivitäten 1906 nach London.[20] Umzüge, Versammlungen und öffentlichkeitswirksame Aktionen, wie beispielsweise das Sich-selbst-Anketten in der Nähe des Parlaments, direkt in der Downing Street oder vor Häusern namhafter Politiker sowie daraus resultierende Verhaftungen,[21] wurden eben nicht nur mit öffentlicher Häme seitens der Presse quittiert, sondern verschafften den militanten Frauenstimmrechtlerinnen breite Unterstützung. Es zeigte sich, dass diese Art der Öffentlichkeitswirksamkeit sowie eine von Anfang an äußerst strategisch auf Kampagnen setzende Organisationsentwicklung der WSPU wachsende Mitgliederzahlen und hohe Spenden bescherte: "By the end of 1906, the WSPU suffragists were players in the suffrage game, with clearly defined goals and innovative methods."[22] Drei wichtige Säulen der Organisationsentwicklung und des Kampagnenmanagements lassen sich für die WSPU ausmachen: erstens vergütete Campaignerinnen, zweitens die ab 1907 wöchentlich erscheinende Zeitschrift "Votes for Women" und drittens gezieltes Marketing und "WSPU-Merchandising", das heißt Entwicklung und Verkauf von WSPU-Produkten,[23] und gezielte Spendenakquise im öffentlichen Raum.

Die Entwicklung der Suffragettenbewegung lässt sich in vier Phasen systematisieren:[24] einer ersten Phase des demonstrativen Protestes (1903–1908), der zweiten Phase, die durch eine allgemeine Radikalisierung gekennzeichnet ist (1909–1911), der dritten Phase, in der terroristische Gewaltakte eingesetzt wurden (1911–1914), und der vierten Phase, in der sich die Suffragettenbewegung zu Beginn des Ersten Weltkrieges patriotisch erklärte und zum größten Teil auflöste beziehungsweise sich einer neuen Aufgabe widmete (1913/14).

1903–1908: Eroberung der Öffentlichkeit

In der ersten Mobilisierungsphase konzentrierten die WSPU und andere sich als militant definierende Frauenbewegungsorganisationen insbesondere auf öffentlichen Protest, beispielsweise Kundgebungen, Deputationen und Massenveranstaltungen wie die von 500.000 Menschen besuchte "monster demonstration"[25] im Londoner Hyde Park am 21. Juni 1908. Gezielt setzten die Suffragetten auf ein "Spektakel der (großen) Zahlen".[26] Denn es galt insbesondere der von der liberalen Regierung geschürte und der Presse verbreiteten Ansicht beizukommen, Frauen müssten erst öffentlich beweisen, dass sie in überwiegender Anzahl überhaupt das Stimmrecht wollten.[27]

Neben Demonstrationen und Kundgebungen besetzten Suffragetten gezielt öffentliche Plätze, die symbolisch für den männlichen Raum des Politischen standen: Sie entsendeten Deputationen von ihren abgehaltenen Women’s Parliaments zum House of Commons, organisierten Posterparaden vor der Downing Street, störten weiterhin gezielt Veranstaltungen prominenter Politiker und arrangierten viele weitere auf Publizität setzende Aktionen. Dabei kam es nicht selten zu Verhaftungen, weil sie die öffentliche Ordnung störten. Auch klassische Akte zivilen Ungehorsams, wie Steuerzahlungsverweigerungen und Aktionen gegen die Volkszählung, wurden von der WSPU und anderen militanten Organisationen vorangetrieben. Weiterhin beschrieben sie Fußsteige und Wände mit ihren Slogans und Forderungen, plakatierten Straßenzüge oder hielten Spontanreden bei öffentlichen Veranstaltungen. Es ging ihnen darum, das "politisch-moralische Skandalon"[28] der eigenen bürgerlichen Unmündigkeit gewaltfrei, aber "passiv" militant im öffentlichen Raum und gegenüber dem Staatsapparat zu theatralisieren.

In dieser ersten Protestphase zeigte sich, dass die liberale Regierung unter dem Premier Herbert Henry Asquith das Anliegen des Frauenstimmrechts konsequent ablehnte. Zu diesem Zeitpunkt ereigneten sich denn auch die ersten Zerstörungen öffentlichen Eigentums: Die Aktivistinnen Edith Bessie New und Mary Leigh warfen beispielsweise während einer militant deputation am 30. Juni 1908 die Fenster der 10 Downing Street ein.[29] Bei dieser Aktion verhaftete die Polizei neben den beiden weitere 25 Frauen. Hier deutete sich bereits die beginnende Transformation von passiver zu aktiver Militanz an.[30] Suffragetten nutzten in der Folge taktisch die öffentliche Bühne der Gerichtsverhandlungen, um auch in diesem Rahmen auf ihr politisches Anliegen aufmerksam zu machen. Eine der führenden Campaignerinnen der WSPU – Theresa Billington – äußerte bei einer Gerichtsverhandlung wie folgt: "I do not recognise the authority of the Police, of this Court, or any other Court or law made by man."[31] Innerhalb der Gefängnisse setzten sich die Suffragetten dafür ein, als politische Gefangene behandelt zu werden. Gezielt rüttelten die militanten Suffragetten mit ihren Aktionen an den in der britischen Gesellschaft existierenden Geschlechternormen, die Frauen als politisch passiv definierten und auf die Privatsphäre beschränkt festlegten: "Any woman who swerved from societal norms for her sex was suspect. A woman’s crime was not merely an action that broke the law, but a violation of her natural role."[32]

Fußnoten

17.
Vgl. Antonia Raeburn, The Militant Suffragettes, London 1973, S. 19f.
18.
Vgl. Pankhurst (Anm. 8), S. 190.
19.
Vgl. Sheila Rowbotham, Im Dunkel der Geschichte. Frauenbewegung in England vom 17. bis 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1980, S. 10; Ray Strachey, Millicent Garrett Fawcett, London 1931, S. 295.
20.
Vgl. Andrew Rosen, Rise up, Women! The Militant Campaign of the Women’s Social and Political Union, 1903–1914, London–Boston 1974, S. 58f.
21.
Vgl. Pankhurst (Anm. 11), S. 191ff.
22.
Sophia A. van Wingerden, The Women’s Suffrage Movement in Britain, 1866–1928, Basingstoke 1999, S. 76.
23.
Liz McQuiston, Suffragettes to She-Devils, London 1997, S. 40.
24.
Vgl. Jana Günther, Die politische Inszenierung der Suffragetten in Großbritannien. Formen des Protests, der Gewalt und symbolische Politik einer Frauenbewegung, Freiburg 2006, S. 29ff.
25.
Vgl. Wingerden (Anm. 22), S. 83.
26.
Vgl. Myriam Boussahba-Bravard, Vision et visibilité. La rhétorique visuelle des suffragistes et des suffragettes britanniques de 1907 à 1914, in: Revue LISA 1/2003, S. 48.
27.
Vgl. Tickner (Anm. 5), S. 55.
28.
Thomas Laker, Ziviler Ungehorsam: Geschichte – Begriff – Rechtfertigung, Baden-Baden 1986, S. 171.
29.
Vgl. Raeburn (Anm. 17), S. 76f.
30.
Vgl. Ray Strachey, The Cause. A Short History of the Women’s Movement in Great Britain, London 1928, S. 313.
31.
Theresa Billington, zit. nach Joyce Marlow (Hrsg.), Votes for Women. The Virago Book of Suffragettes, London 2001, S. 40.
32.
Wingerden (Anm. 22), S. 79.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Jana Günther für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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