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12.10.2018 | Von:
Jana Günther

Die Suffragetten. Mit Militanz zum Frauenstimmrecht

1911–1914: Guerilla Warfare

Tea House, Kew Gardens, durch Suffragetten niedergebrannt (1913)Tea House, Kew Gardens, durch Suffragetten niedergebrannt (1913). (© Library of Congress [LC-DIG-ggbain-11714].)
Die dritte Phase des Suffragettenprotests zwischen 1911 und 1914 war dementsprechend durch einen weiteren Radikalisierungsschub gekennzeichnet: Die WSPU setzte nicht mehr auf Deputationen beziehungsweise demonstrative Protestformen, sondern trat in eine "guerrilla militancy phase"[43] ein. Neben öffentlichem wurde nun auch gezielt privates Eigentum zerstört. Ausgerüstet mit Hämmern zerschlugen 150 Suffragetten im März 1912 die Scheiben von Geschäften ganzer Straßenzüge in London. Insgesamt entstand allein bei dieser Aktion ein Schaden von 5000 britischen Pfund.[44] Neben der offiziell ausgerufenen "window smashing campaign" nutzten die Suffragetten auch weitere Mittel, um öffentliche Räume zu zerstören: Säure wurde in Briefkästen und auf Golfplätze gegossen, Telegrafenkabel zertrennt, falsche Feueralarme ausgelöst. Für eine aus vielleicht heutiger Sicht vergleichsweise gemäßigte Reform – nämlich das Frauenstimmrecht zu den bestehenden Konditionen des Besitzwahlrechts – wurden nicht nur Briefkästen, sondern auch schottische Schlösser in Brand gesetzt und die Orgel in der Londoner Albert Hall geflutet.Auch das Royal Theatre in Dublin und das Tea House in Kew Gardens fiel den Militanten zum Opfer.

Eine erste Märtyrerin hatte die Bewegung mit Emily Wilding Davison (1872–1913), die sich am 4. Juni 1913 beim Epsom Derby vor das Pferd des Königs warf und kurze Zeit später ihren schweren Verletzungen erlag. Der ihr zu Ehren prozessierende Trauerzug war die letzte große öffentliche Demonstration der WSPU. Der "[g]uerilla warfare" steigerte sich in dieser Protestphase bis hin zu Bombenanschlägen.[45] Allein zwischen März 1913 und Juli 1914 wurden fünf Anschläge durch Militante begangen, der Schaden durch die Zerstörungsattacken wird auf 500.000 britische Pfund geschätzt.[46]

Nicht alle Suffragetten der WSPU oder anderer militanter Organisationen folgten der Logik der Gewalt, und es kam innerhalb des militanten Flügels zu Brüchen und Organisationsausschlüssen. Langjährige solidarische Weggefährten aus den eigenen Reihen, aber auch Unterstützer_innen aus dem sozialistischen Spektrum wendeten sich zunehmend von der WSPU, der nur eingeschränkten Wahlrechtsforderung und dem autokratischen Führungsstil von Emmeline und Christabel Pankhurst ab. Letztere insistierte, die WSPU sei eine "fighting organisation", deren Politik nur von ihnen vorgeben werde: "One Policy, One Programme, One Command".[47]

Die militante Kleingruppentaktik mündete in Verhaftungen wegen Volksverhetzung und Konspiration, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmung der Zeitschrift "The Suffragette". Als führende WSPU-Mitglieder festgesetzt wurden, flüchtete Christabel Pankhurst nach Paris und koordinierte von dort aus die Organisation.[48] In Scotland Yard wurde eine eigene Aufklärungsgruppe eingerichtet, die aufgrund der Wiederholungsakte der Suffragetten erkennungsdienstliche Maßnahmen einführte. Mit modernen Kameras und Teleobjektiven ausgestattet, begannen die heimlichen Observationen von Suffragetten: "Documents uncovered at the National Archives reveal that the votes-for-women movement probably became the first ‚terrorist‘ organisation subjected to secret surveillance photography in the UK, if not the world."[49] Bei einer Hausdurchsuchung im Londoner Atelier der Suffragette Olive Hocken, um ein Beispiel zu nennen, fanden die Polizisten Drahtschneider, Feuerzeuge, Hämmer, Kerosinflaschen, gefälschte Führerscheine und Banner mit Aufschriften wie "No votes – no telegraphic connections" und "No security by post or wire until justice be done to women".[50]

Inhaftierte Suffragetten begannen zumeist sofort mit Hungerstreiks, was zur erneuten Einführung der Zwangsernährung führte. Um der Situation Herr zu werden und durch die Hungerstreikaktionen nicht neue Märtyrerinnen für die Bewegung zu schaffen, verabschiedete die Regierung 1913 das Prisoner’s Temporary Discharge for Ill Health Act, besser bekannt als der "Cat and Mouse Act". Das Gesetz erlaubte es, durch Hungerstreiks geschwächte Suffragetten zu entlassen und später wieder zu verhaften.[51] Wenngleich das Gesetz außerordentlich kritisiert und von den Suffragetten öffentlichkeitswirksam gegen die liberale Regierung eingesetzt wurde, bot es den Inhaftierten die Möglichkeit, nicht die volle Gefängnisstrafe zu verbüßen und sich aus dem militanten Kampf nach und nach zurückzuziehen.[52]

Fußnoten

43.
Cheryl R. Jorgensen-Earp, The Transfiguring Sword. The Just War of the Women’s Social and Political Union, Tuscaloosa 1997, S. 60.
44.
Rosen (Anm. 20), S. 157.
45.
Atkinson (Anm. 38), S. 33f.
46.
Martin Pugh, The March of the Women: A Revisionist Analysis of the Campaign for the Women’s Suffrage, 1866–1914, Oxford/New York 2000, S. 213.
47.
O.A., One Policy, One Programme, One Command, in: The Suffragette, 13.2.1914, S. 387.
48.
Wingerden (Anm. 22), S. 152.
49.
Dominic Casciani, Spy Pictures of Suffragettes Revealed, 3.10.2003, http://news.bbc.co.uk/2/hi/uk_news/magazine/3153024.stm«.
50.
Rosen (Anm. 20), S. 191.
51.
Atkinson (Anm. 38), S. 34.
52.
Pugh (Anm. 46), S. 210.
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