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12.10.2018 | Von:
Jana Günther

Die Suffragetten. Mit Militanz zum Frauenstimmrecht

1913/14: Von der Suffragettenmilitanz zum Patriotismus

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, der die vierte Phase der Suffragettenbewegung einleitete, kam es zu einer allgemeinen Zäsur in der gesamten britischen Stimmrechtsbewegung. Ein Teil des militanten Flügels erklärte sich sofort patriotisch und stellte den Wahlrechtskampf ein. Dazu gehörte auch die WSPU, denn Christabel und Emmeline Pankhurst unterstützten vehement die Kriegspolitik der Regierung. Die Organisationszeitschrift der WSPU wurde von "The Suffragette" in "Britannia" umbenannt, und die Mitglieder setzten nun auf öffentliche Kampagnen zur Anwerbung für den Kriegsdienst. Die WSPU konnte ihre eigene Militanz in dieser historischen Situation des Krieges als "nationale Militanz" umdeuten.[53] Diese Stoßrichtung legte sie zudem als Bewährungsprobe für die Frauen aus, die nun beweisen könnten, dass sie mündige Staatsbürgerinnen seien. Vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges waren in der Logik der Suffragetten die britischen Frauen die Unterdrückten männlicher Despoten, nun führten sie ihren Krieg nicht mehr gegen die Frauenstimmrechtsgegner, sondern als Britinnen gegen Deutschland.[54] Diese Position teilten aber nicht alle Militanten, was zu Abspaltungen und der Gründung neuer Organisationen wie beispielsweise der Independent Women’s Social and Political Union und der Suffragettes of the WSPU führte.[55]

Im konstitutionellen Flügel wurden ähnliche Richtungsdiskussionen geführt. Auch die demokratisch organisierte NUWSS zerrüttete sich an der Frage der Kriegsbeteiligung, da sich einige Verbandsorganisationen und Mitglieder als pazifistisch verstanden, sodass eine organisatorische Teilnahme an der Home Front erst Ende 1915 durchzusetzen war.[56]

Mit dem Kriegseintritt änderte sich auch das öffentliche und wirtschaftliche Feld in Großbritannien. Die neuen Anforderungen des "industrialisierten Schlachtfeldes"[57] hatten beträchtlichen Einfluss auf den Aktionsraum der industriellen Sphäre. Militärische Anforderungen machten es nötig, veraltete Rollenbilder zu reformieren. Frauen mussten schlichtweg die "Kriegsmaschine"unterstützen.[58] 1917 und 1918 waren 170.000 Frauen im Militärdienst, und allein in der "Land Army" engagierten sich über 300.000 Frauen als Erntehelferinnen.[59] Die Stimmrechtsorganisationen agierten als wichtige Bündnispartnerinnen der Regierung, denn sie waren es, die innerhalb kürzester Zeit Frauen mobilisieren, Kampagnen organisieren und Vernetzungsaktionen starten konnten. Geschickt nutzten militante und konstitutionelle Frauenstimmrechtsorganisationen die Situation und brachten so das Stimmrechtsthema wieder auf die Agenda: Noch während des Krieges im Oktober 1916 arbeitete die Electoral Reform Conference einen neuen Gesetzentwurf zur Wahlrechtsreform aus, der das Frauenstimmrecht für Frauen ab dem 30. Lebensjahr vorsah und 1918 in Kraft trat.[60]

Konstitutionalismus versus Militanz?

Konstitutionelle wie militante Stimmrechtsorganisationen forderten in der britischen Frauenbewegung lediglich ein Wahlrecht für Frauen auf Grundlage des seit 1832 bestehenden und bis dahin mehrfach modifizierten Besitzwahlrechts, das neben den Frauen auch große Teile der Arbeiter_innenschaft ausschloss. Es war allgemeiner Konsens in der Bewegung, dass dies nur der Anfang einer allgemeinen Demokratisierung sein konnte. Dieses grundsätzlich gemeinsame Ziel bewirkte gerade auf der Ebene lokaler und regionaler Kampagnen immer wieder, dass sich Aktivistinnen der verschiedensten Organisationen zusammenschlossen. Auch profitierte die NUWSS von der Medienwirksamkeit und Kampagnenfähigkeit der Suffragettenorganisationen. Die Konstitutionellen organisierten nach sichtbaren Erfolgen der WSPU verstärkt Straßendemonstrationen, brachten ebenfalls eine Zeitung – die "Common Cause" – heraus und adaptierten weitere Taktiken, mit denen sie erfolgreich Mitglieder und Spenden akquirierten. Die NUWSS stieß sich am zivilen Ungehorsam und den militanten Taktiken, die für sie nicht infrage kamen und innerhalb der Organisation nie eine Mehrheit fanden, wenngleich die Frage mehrfach mit den Mitgliedsgesellschaften diskutiert wurde. Anders als im deutschen Kaiserreich spaltete sich die Bewegung also weniger am Klassenkonflikt als an der Frage der Anwendung der Mittel. Vielmehr gab es sogar überraschende Annäherungen: So gelang es der ursprünglich liberal orientierten NUWSS, Kontakte zur Arbeiter_innen- und Gewerkschaftsbewegung zu knüpfen und gemeinsame Kampagnen zu etablieren: "We stand for Justice for the workers and women."[61]

Doch auch die Protestgeschichte der WSPU ist eine, die als erfolgreich interpretiert werden muss: Wenngleich die Militanten mit ihrem "reformist terrorism",[62] zu dem Emmeline Pankhurst öffentlich aufgerufen hatte, kurz vor Kriegsbeginn in der öffentlichen Meinung sowie der Bewegungsöffentlichkeit zunehmend ins Abseits geriet, ist ihre Rolle für die Frauenbewegung nicht zu unterschätzen. Denn es gelang ihnen nicht nur für die Einführung eines Frauenstimmrechts effektiv zu mobilisieren, sie machten neue Protestmethoden für die Frauenbewegung attraktiv, trugen die Forderung nach politischer Gleichberechtigung in die breite Presseöffentlichkeit, und räumten radikal mit dem Image der politisch unbewanderten und passiven Frau auf. Ein solches "politisches Kampfpotential zu entwickeln, kann als besondere Pionierleistung"[63] angesehen werden.

Fußnoten

53.
Wingerden (Anm. 22), S. 161.
54.
Ebd., S. 162.
55.
Silke Hanschke, Der Kampf um das Frauenwahlrecht in Großbritannien: Emmeline Pankhurst, die Women’s Social and Political Union und was daraus wurde, in: Christl Wickert (Hrsg.), "Heraus mit dem Frauenwahlrecht": Die Kämpfe der Frauen in Deutschland und England um die politische Gleichberechtigung, Pfaffenweiler 1990, S. 13–51, hier S. 34.
56.
Strachey (Anm. 30), S. 352.
57.
Jens Warburg, Maschinen der Vernichtung, in: Sighard Neckel/Michael Schwab-Trapp (Hrsg.), Ordnungen der Gewalt. Beiträge zu einer politischen Soziologie der Gewalt und des Krieges, Opladen 1999, S. 97–117, hier S. 105.
58.
Rowbotham (Anm. 19), S. 146f.
59.
Strachey (Anm. 30), S. 345f.
60.
Crawford (Anm. 4), S. 441.
61.
O.A., Election Fighting Fund, in: The Common Cause, 29.8.1913, S. 360.
62.
Ute Gerhard/Petra Pommerenke/Ulla Wischermann, Klassikerinnen feministischer Theorie, Königstein/Ts. 2008, S. 353.
63.
Hanschke (Anm. 55), S. 36.
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