Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Gabriele Abels
Petra Ahrens
Agnes Blome

Geschlechtergerechte Repräsentation in historischer und internationaler Perspektive

Vor 100 Jahren, am 30. November 1918, erhielten Frauen in Deutschland mit dem Inkrafttreten des Reichswahlgesetzes das Wahlrecht.[1] Es "gewährte" Männern und Frauen ab dem vollendeten 20. Lebensjahr das gleiche Wahlrecht. Diese Bestimmung des Gesetzes wurde in den Länderwahlgesetzen übernommen und in Artikel 22 Absatz 1 Satz 1 Weimarer Reichsverfassung verankert. Damit war es geschafft: Die staatsbürgerliche Gleichheit, verkörpert durch das gleiche aktive und passive Wahlrecht, war erreicht.[2] Deutschland gehört damit in die Gruppe der Länder, in denen Frauen – im internationalen Vergleich – "früh" das Wahlrecht erhielten.

Vorausgegangen war ein zäher Kampf vor allem seit Mitte des 19. Jahrhunderts.[3] Zweifelsohne war auch das allgemeine Männerwahlrecht keine Selbstverständlichkeit, sondern eine historische Errungenschaft. Auch für Männer wurden vielfach Einschränkungen etwa nach "Rasse" und Klasse vorgenommen. In den Debatten um die staatsbürgerliche Gleichheit von Frauen spielte aber auch ihr zivilrechtlicher Status eine Rolle: Schweden hatte das Wahlrecht bereits 1718 eingeführt, es 1771 aber wieder zurückgenommen und später zunächst nur unverheirateten Frauen gewährt. In Kanada erhielten 1883 nur Witwen das Stimmrecht. Das Fehlen eines männlichen Repräsentanten war hier zentral. Aber auch weitere Motive lassen sich identifizieren: In den USA war das Wyoming Territory der Vorreiter; dort wurde 1869 das Wahlrecht eingeführt, um mehr Frauen – als potenzielle Ehefrauen – in die neuen Siedlungsgebiete zu locken.

Die Ausgestaltung der Repräsentation und der Repräsentationsbeziehung ist in der Geschichte des Frauenwahlrechts historisch wie auch aktuell von großer Bedeutung. Dies erschließt sich zunächst einmal im Hinblick auf die deskriptive Repräsentation, also in Bezug darauf, ob Frauen in Parlamenten (und Regierungen) vertreten sind, und wenn ja, in welchem Ausmaß. In der einschlägigen Forschung wird eine nach wie vor bestehende quantitative Unterrepräsentation von Frauen – gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil – moniert und als demokratisches Defizit betrachtet. In Anlehnung an politikwissenschaftliche, feministisch-herrschaftskritische Repräsentationstheorien lassen sich neben der deskriptiven aber auch weitere Dimensionen von Repräsentation unterscheiden, nämlich eine substanzielle und eine symbolische Dimension. Eine solche Ausdifferenzierung des Repräsentationskonzepts ermöglicht es, die unterschiedlichen Dimensionen sowie ihre Beziehungen zueinander in den Blick zu nehmen. Wir legen im Folgenden zunächst das Konzept dar, ziehen anschließend in Bezug auf die drei Dimensionen eine Bilanz für die heutige Situation vor allem in Deutschland und berücksichtigen hierbei die Befunde aktueller Forschung.

Fußnoten

1.
Teile des Beitrags sind entnommen aus: Gabriele Abels/Petra Ahrens/Agnes Blome, 100 Jahre Frauenwahlrecht – der unvollendete Weg zu geschlechtergerechter Repräsentation. Eine Einleitung, in: Femina Politica 2/2018 (i.E.).
2.
Das passive Wahlrecht wurde 1933 von den Nationalsozialisten wieder zurückgenommen. Vgl. Silke Laskowski, Pro Parité! Ohne gleichberechtigte Parlamente keine gleichberechtigten Gesetze und keine gleichberechtigte Gesellschaft! Eine juristische Streitschrift für ein modernes Wahlrecht, in: djbZ 3/2014, S. 93–103, hier S. 94.
3.
Siehe dazu auch den Beitrag von Kerstin Wolff in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
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