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12.10.2018 | Von:
Gabriele Abels
Petra Ahrens
Agnes Blome

Geschlechtergerechte Repräsentation in historischer und internationaler Perspektive

Was heißt Repräsentation?

"Wann übertrug die Frau dem Manne das Mandat? Wann legte er ihr Rechenschaft von seinen Beschlüssen ab? Weder das eine noch das andere ist jemals geschehen."

(Hedwig Dohm, 1876)

Für die deutsche Frauenstimmrechtsbewegung wird konstatiert, dass alle Stimmrechtsaktivistinnen die "Sprache der politischen Repräsentation" [4] gesprochen und hierbei "den männlichen Repräsentationsanspruch bzw. die -fähigkeit" [5] infrage gestellt hätten. Eine genauere Analyse dieser "Sprache" beziehungsweise der Repräsentationstheorien der Aktivistinnen zeigt jedoch, dass in den verschiedenen Strömungen der Frauenbewegung nicht nur unterschiedliche Akzente in Bezug auf die Art des Wahlrechts und damit der Repräsentationsbeziehung gesetzt wurden, sondern dass diese Akzente auch heute noch durchaus von Bedeutung sind, wie die Politikwissenschaftlerin Anne Cress jüngst argumentierte.[6]

Die feministische Repräsentationsforschung greift – mehr oder weniger explizit – auf den Klassiker "The Concept of Representation" von Hanna Pitkin aus dem Jahr 1967 zurück.[7] Pitkin unterscheidet zwischen vier Repräsentationsdimensionen:

  1. formal: Hier steht die Frage nach der Autorisierung der Repräsentant*innen und ihrer Rechenschaftspflicht im Vordergrund;
  2. deskriptiv: Repräsentant*innen stehen aufgrund bestimmter Eigenschaften (wie Geschlecht, Klasse oder Ethnizität) für eine bestimmte Gruppe;
  3. substanziell: Das inhaltliche Handeln der Repräsentant*innen und die Durchsetzung der Interessen und Präferenzen ihrer Gruppe stehen im Mittelpunkt;
  4. symbolisch: Die Repräsentant*innen machen die ideellen Sinngehalte präsent, über die sich die Repräsentierten definieren.[8]
Während die erste Repräsentationsdimension durch die Einführung des allgemeinen gleichen Wahlrechts und der repräsentativen Demokratie weithin als erreicht gilt, hat vor allem die zweite Repräsentationsdimension in der feministischen Forschung große Aufmerksamkeit erfahren. Umfangreiche Erhebungen zur weltweiten Unterrepräsentation von Frauen in politischen Institutionen wurden vorgenommen und die Frage nach den Ursachen aufgeworfen. Aber auch die anderen beiden Dimensionen sind jüngst stärker in den Blick geraten. Dabei wird insbesondere der systematische Zusammenhang zwischen den Dimensionen untersucht, etwa ob eine höhere quantitativ-deskriptive Repräsentation von Frauen zu einer Verbesserung der qualitativ-substanziellen und/oder auch der symbolischen Repräsentation beiträgt. In der Literatur wird häufig argumentiert, dass es einen Zusammenhang zwischen dem (Anstieg des) Anteil(s) von Frauen und politischen Inhalten oder politischem Stil gebe. Erst eine "kritische Masse" von mindestens 30 Prozent von Frauen in Parlamenten könne politischen Einfluss ausüben im Sinne einer besseren Durchsetzung von "Fraueninteressen". Auch wenn die konkrete Zahl sowie der Zusammenhang zwischen deskriptiver und substanzieller Repräsentation umstritten ist,[9] hat sich die 30-Prozent-Marge dennoch als Richtwert für internationale Vergleiche wie auch für (partei)politische Strategien zur Erhöhung des Frauenanteils entwickelt und liegt den intensiven Debatten um Quoten zugrunde.[10] Auch in der Diskussion um Parität, wie sie seit einigen Jahren in Deutschland geführt wird, ist das Argument prominent, demzufolge eine nicht paritätische Besetzung von Parlamenten dazu führe, dass Interessen von Frauen, die aus unterschiedlichen Sozialisationserfahrungen resultieren, im Parlament nicht hinreichend gespiegelt würden und, gemessen am Gleichstellungsgebot, nicht verfassungskonform sei.[11] Im Folgenden werden wir die Dimensionen 2 bis 4 vor allem mit dem Schwerpunkt auf der Situation in Deutschland diskutieren.

Fußnoten

4.
Gisela Bock, Das politische Denken im Suffragismus. Deutschland um 1900 im internationalen Vergleich, in: dies., Geschlechtergeschichten der Neuzeit. Ideen, Politik, Praxis, Göttingen 2014, S. 168–203, hier S. 191.
5.
Anne Cress, Feministische Repräsentationskritik: (Dis-)Kontinuitäten von den ersten deutschen Frauenbewegungen bis in die Gegenwart, in: Femina Politica 2/2018 (i.E.).
6.
Vgl. ebd.
7.
Vgl. Hanna Pitkin, The Concept of Representation, Berkeley 1967.
8.
Vgl. ebd.; siehe auch Sarah Childs/Joni Lovenduski, Political Representation, in: Georgina Waylen et al. (Hrsg.), The Oxford Handbook of Gender and Politics, Oxford 2013, S. 489–513.
9.
Vgl. Agnes Blome/Gesine Fuchs, Macht und substantielle Repräsentation von Frauen, in: Femina Politica 1/2017, S. 55–69.
10.
Vgl. Sarah Childs/Mona L. Krook, Critical Mass Theory and Women’s Political Representation, in: Political Studies 56/2008, S. 725–736.
11.
Vgl. Laskowski (Anm. 2) als prominente Verfechterin des Parité-Arguments.
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