BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Gabriele Abels
Petra Ahrens
Agnes Blome

Geschlechtergerechte Repräsentation in historischer und internationaler Perspektive

Substanzielle Repräsentation – Das Handeln für Frauen

"Mann, bist du fähig, gerecht zu sein? Es ist eine Frau, die dir diese Frage stellt, zumindest dieses Recht nimmst du ihr nicht."

(Olympe de Gouges, 1791)

In dieser Dimension geht es darum, wer wessen Interessen vertritt, ob und wie diese durchgesetzt werden können. Damit verbunden ist die Frage, ob und inwiefern es geschlechtsspezifische Interessen überhaupt gibt. Insbesondere unter Berücksichtigung intersektionaler Perspektiven, die die Verschränkung von Geschlecht mit anderen zugeschriebenen sozialen Kategorien fokussieren, stellt sich diese Frage nach "Fraueninteressen" mit großem Nachdruck.

Während häufig ein direkter Zusammenhang zwischen deskriptiver und substanzieller Repräsentation unterstellt wird, wenn beispielsweise über "kritische Masse" diskutiert wird, sind die Forschungsergebnisse hierzu weniger eindeutig.[40] Einerseits zeigt die Forschung beispielsweise, dass ein höherer Frauenanteil dazu beiträgt, dass Gleichstellungsthemen auf die politische Agenda gesetzt werden und das Bewusstsein dafür insgesamt erhöht wird.[41] Auch für den Deutschen Bundestag wurde festgestellt, dass Quoten zu mehr Beteiligung an gleichstellungspolitischen Debatten führen – allerdings nur bei Männern, nicht bei Frauen.[42] Das sei darauf zurückzuführen, dass Quoten eher Männer sozialisieren, da Frauen das Thema ohnehin mehr bewusst sei. Zudem zeigen Studien, dass weibliche Abgeordnete eher als männliche dazu neigen, Themen, die mit Frauen assoziiert sind, zu priorisieren und eine entsprechende Gesetzgebungsinitiative einzubringen.[43]

Andererseits sprechen einige Befunde und Argumente gegen den vermuteten positiven Zusammenhang von deskriptiver und substanzieller Repräsentation. Bei einem Anstieg des Frauenanteils im Parlament wird die Gruppe der weiblichen Abgeordneten diverser, was kollektives Handeln allein aufgrund des Geschlechts verhindern könnte.[44] Auch Parteizugehörigkeit spielt eine Rolle: Frauen in linken Parteien sind eher in der Lage, sich für Fraueninteressen einzusetzen, als Frauen in rechten Parteien.[45] In Parlamenten mit einer konservativen Mehrheit ist deshalb nicht unbedingt mit substanzieller Repräsentation zu rechnen, selbst wenn der Frauenanteil hoch ist.

Einige Autor*innen argumentieren daher, dass "kritische Akteur*innen" für die substanzielle Repräsentation bedeutsamer seien als eine "kritische Masse", also Frauen, "who act individually or collectively to bring about women-friendly policy change".[46] Gerade in familien- und sozialpolitischen Politikfeldern zeigt sich die Bedeutung kritischer Akteur*innen. Die Politikwissenschaftlerin Joyce M. Mushaben verweist darauf, dass Einzelakteurinnen – wenn sie wie die Bundeskanzlerin in entsprechender Machtposition sind – auch in zahlreichen anderen Bereichen einflussreich sein können.[47]

Unabhängig davon stehen in der Europäischen Union und Deutschland bereits konkrete, wenn auch bisher nicht konsequent umgesetzte Instrumente für substanzielle Repräsentation zur Verfügung: Gender Mainstreaming (GM), Gender Budgeting (GB) und die gleichstellungsorientierte Gesetzesfolgenabschätzung. GM wird auf den verschiedenen politischen Ebenen (EU(-Mitgliedstaaten), Bund, Land, Kommunen, Organisationen) unterschiedlich umgesetzt.[48] Paragraf 2 der Gemeinsamen Geschäftsordnung (GGO) der Bundesministerien benennt die Gleichstellung von Männern und Frauen als "durchgängiges Leitprinzip", das "bei allen politischen, normgebenden und verwaltenden Maßnahmen" umzusetzen ist.[49] Während GM und auch GB zu Beginn der 2000er Jahre in vielen Ländern erprobte und gleichzeitig aus der feministischen Wissenschaft kritisch beäugte politische Strategien waren,[50] werden sie aktuell, vor allem von rechtspopulistischer Seite, diskreditiert und angegriffen.[51]

Ein zunehmend zentraler Bereich für substanzielle Repräsentation sind zudem Gesetze gegen geschlechtsspezifische Gewalt und sexuelle Belästigung, da mit diesen (un)sichtbare Machtverhältnisse und Ausschlussmechanismen bearbeitet werden.

Fußnoten

40.
Vgl. Franceschet/Krook/Piscopo (Anm. 29); Sarah Childs/Mona L. Krook, Analyzing Women’s Substantive Representation: From Critical Mass to Critical Actors, in: Government and Opposition 2/2009, S. 125–145.
41.
Vgl. Teresa Sacchet, Beyond Numbers. The Impact of Gender Quotas in Latin America, in: International Feminist Journal of Politics 3/2008, S. 396–386.
42.
Vgl. Christina Xydias, Women’s Rights in Germany: Generations and Gender Quotas, in: Politics & Gender 1/2014, S. 4–32.
43.
Vgl. Anouk Lloren, Women’s Substantive Representation: Defending Feminist Interests or Women’s Electoral Preferences?, in: The Journal of Legislative Studies 2/2014, S. 144–167; Agnes Blome, The Politics of Work-family Policies in Germany and Italy, Abingdon–New York 2017.
44.
Vgl. Debra L. Dodson/Susan J. Carroll, Reshaping the Agenda: Women in State Legislatures, New Brunswick 1991.
45.
Vgl. Karen Celis/Sarah Childs, Research Note. The Substantive Representation of Women: What to Do with Conservative Claims?, in: Political Studies 1/2012, S. 213–225.
46.
Childs/Krook (Anm. 40), S. 127.
47.
Vgl. Mushaben (Anm. 21).
48.
Vgl. ausführlicher die Übersicht des Europäischen Gleichstellungsinstituts unter http://eige.europa.eu/gender-mainstreaming«.
49.
Bundesministerium des Innern, Gemeinsame Geschäftsordnung der Bundesministerien, GGO, 1.9.2011, http://www.verwaltungsvorschriften-im-internet.de/bsvwvbund_21072009_O11313012.htm«.
50.
Vgl. Petra Ahrens/Alexandra Scheele/Anna van der Vleuten, 20 Jahre Vertrag von Amsterdam – reelle Vision oder reale Desillusion europäischer Gleichstellungspolitik?, in: Femina Politica 2/2016, S. 9–21.
51.
Vgl. Roman Kuhar/David Paternotte (Hrsg.), Anti-Gender Campaigns in Europe. Mobilizing against Equality, Lanham 2017; Imke Schmincke, Frauenfeindlich, sexistisch, antifeministisch? Begriffe und Phänomene bis zum aktuellen Antigenderismus, in: APuZ 17/2018, S. 28–33.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autoren/-innen: Gabriele Abels, Petra Ahrens, Agnes Blome für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und der Autoren/-innen teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.