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Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) kommt während der konstituierenden Sitzung des 19. Deutschen Bundestages am 24.10.2017 im Plenarsaal im Reichstagsgebäude in Berlin aus der Wahlkabine.

12.10.2018 | Von:
Gabriele Abels
Petra Ahrens
Agnes Blome

Geschlechtergerechte Repräsentation in historischer und internationaler Perspektive

Symbolische Repräsentation – Die Darstellung von Frauen

"Ein unanständiges, würdeloses Weib! Armes Deutschland, so tief bist du gesunken mit den roten Parteiweibern!"

(Anonymer Kommentar auf Lenelotte von Bothmer, 1970[52])

Diese Repräsentationsdimension ist bisher wenig erforscht.[53] Hierbei geht es darum, wie Repräsentation jenseits von Wahlfragen und dem politischen Kerngeschäft aussehen kann und wie "gendersensible Parlamente" zu fassen sind.[54] Wer wird (wie) dargestellt (Bilder, Räume, Sprache, Veröffentlichungen)? Welche Regeln bestehen (Vorschriften und Sanktionen sexueller Belästigung und sexistischer Äußerungen, Regelungen zu Schwangerschaft, Elternzeit)? Welche Gepflogenheiten gibt es (Zeremonien, Rituale, Uhrzeiten von Abstimmungen)? Wo liegen "Schmerzgrenzen" (Diskussionsstile, Sexismus)? Sind etwa Kleinkinder im Plenum zugelassen, um eine Vereinbarkeit von Familie und Mandat zu ermöglichen? Eine Elternzeit ist für Abgeordnete nicht vorgesehen. Diese Frage war jüngst im Thüringer Landtag virulent.

Symbolische Repräsentation befasst sich auch damit, wie sich ein höherer Frauenanteil in der Politik auf die öffentliche Wahrnehmung von Politikerinnen und das immer noch verbreitete Stereotyp "Politik ist Männersache" auswirkt.[55] Ein weiterer Forschungsschwerpunkt liegt auf der Frage, ob politische Institutionen als legitimer wahrgenommen werden, wenn mehr Frauen vertreten sind.[56] Auch hier sind die Ergebnisse insbesondere zu den Auswirkungen von Quoten widersprüchlich: In einigen Ländern ergab sich durch Quoten insgesamt ein kultureller und sozialer Wandel, in anderen lösten sie Widerstand gegenüber Politiker*innen und Gleichberechtigung aus.[57]

Viel erreicht, aber nicht am Ziel

Für ihr Stimmrecht mussten Frauen lange kämpfen. 100 Jahre nach dessen Einführung kann von Gleichheit im politischen Amt – im Sinne einer echten Parität – jedoch immer noch nicht die Rede sein. In Deutschland dauerte es lange Zeit, bis ein nennenswerter Anteil von Frauen im Bundestag vertreten war, und er liegt seit nunmehr zwanzig Jahren relativ stabil bei etwa 30 Prozent – Tendenz derzeit eher fallend. In der Exekutive gestaltete sich der Wandel noch langsamer.

Obwohl sich die genderorientierte vergleichende Repräsentationsforschung seit vielen Jahren intensiv mit den Trends und Gründen für die weiterhin bestehende Unterrepräsentation von Frauen in Parlamenten und Regierungen auseinandersetzt, besteht nach wie vor Forschungsbedarf zur Erklärung der Entwicklungen und zur Bewertung des Einflusses von Frauen in der Politik. Ein Schwerpunkt muss dabei auf dem Verhältnis der Repräsentationsdimensionen zueinander liegen; zudem muss eine intersektionale Perspektive, die auch andere Merkmale als das Geschlecht untersucht, konsequenter als bislang eingenommen werden. Doch inwieweit auch die beste Forschung Praxisrelevanz erlangen und zur Verbesserung der De-facto-Repräsentation beitragen kann, steht auf einem anderen Blatt. Für die gendergerechte Demokratisierung der Demokratie kommt den politischen Parteien eine herausragende Verantwortung zu.

Fußnoten

52.
Von Bothmer war die erste Frau, die – entgegen dem "Dress-Code" (!) im Bundestag – im Hosenanzug eine Rede hielt. Vgl. Mutprobe in Hosen, na und? Bei uns bleibt der Protest aus, 22.5.1970, http://www.zeit.de/1970/21/mutprobe-in-hosen-na-und-bei-uns-bleibt-der-protest-aus«.
53.
Vgl. Emanuela Lombardo/Petra Meier, The Symbolic Representation of Gender. A Discursive Approach, Aldershot 2014.
54.
Vgl. Michael Saward, Authorisation and Authenticity. Representation and the Unelected, in: Journal of Political Philosophy 1/2009, S. 1–22; Lena Wängnerud, The Principles of Gender-Sensitive Parliaments, New York 2009; Yvonne Galligan/Petra Meier, Report on Gender-Sensitive Parliaments in the European Union: Analysis, unveröffentlichter Bericht, Queens University Belfast 2015; Sarah Childs, The Good Parliament. Report, Bristol University 2015.
55.
Vgl. Angela High-Pippert/John Comer, Female Empowerment: The Influence of Women Representing Women, in: Women & Politics 4/1998, S. 53–66.
56.
Vgl. Sarah Childs, New Labour’s Women MP’s: Women Representing Women, New York 2004; Leslie A. Schwindt-Bayer/William Mishler, An Integrated Model of Women’s Representation, in: The Journal of Politics 2/2005, S. 407–428.
57.
Vgl. Franceschet/Krook/Piscopo (Anm. 29).
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