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10.9.2004 | Von:
Jan Delhey

Transnationales Vertrauen in der erweiterten EU

Vertrauen in Europa - Ergebnisse der Umfrageforschung

Wie ist es nun um das Vertrauen in Europa bestellt? Empirisch kann man diese Frage mithilfe von Umfragen der Europäischen Kommission beantworten, den Eurobarometern (EB). In ihnen wird die Bevölkerung der EU-Mitgliedsstaaten repräsentativ zu Meinungen und Einstellungen zu Europa befragt - in unregelmäßigen Abständen auch zum Thema "gegenseitiges Vertrauen". Im Folgenden fasse ich die Hauptergebnisse einer Untersuchung zusammen, die auf sieben EB-Umfragen aus den Jahren 1976 - 1997 beruht.[8] Neuere Daten stehen leider nicht zur Verfügung, doch können Nationenimages als hinreichend stabil angesehen werden. Vertrauen wird im Eurobarometer wie folgt erfragt: "Ich möchte Sie nun danach fragen, wie viel Vertrauen Sie in die Menschen verschiedener Länder haben. Sagen Sie mir bitte für jedes Land, ob Sie ihnen (1) eher vertrauen oder (2) eher nicht vertrauen." Es folgt eine Liste von Nationen ("Belgier, Dänen, Deutsche ..."), deren Vertrauenswürdigkeit nacheinander zu beurteilen ist. Man erhält damit ein Vertrauensurteil der Befragten über die Bevölkerung jedes einzelnen EU-Staates, inklusive der eigenen Landsleute. Da für unseren Zweck kollektive Haltungen von Interesse sind (wie sehr vertrauen z.B. die Deutschen den Franzosen und umgekehrt), wurde ein aggregierter Vertrauensindex gebildet: Zieht man vom Prozentsatz der positiven Antworten ("vertraue eher") den Prozentsatz der negativen ab ("vertraue eher nicht"), so kann man auf einer Skala von +100 (vollständiges Vertrauen) bis -100 (vollständiges Misstrauen) messen, wie sehr ein Volk einem anderen vertraut.

Beschränkt man sich zunächst auf die alte EU mit 15 Mitgliedern, so kann man Ende der neunziger Jahre tatsächlich von der Union als einer Sicherheitsgemeinschaft sprechen. Ganz überwiegend vertrauen die Europäer einander. Wenn wir ein Rating dann als "positiv" werten, wenn der Anteil derjenigen, die Vertrauen äußern, zehn Prozentpunkte größer ist als der Anteil derer, die Misstrauen äußern, so sind 84 Prozent der binationalen Vertrauensbeziehungen in der EU der 15 "positiv". Nur 2 Prozent sind "negativ", die restlichen 14 Prozent "neutral". In absoluten Zahlen bedeutet dies: Nur 5 der insgesamt 210 wechselseitigen Bewertungen fallen "negativ" aus (die Griechen haben gegenüber den Briten, Deutschen, Dänen, Holländern und Belgiern mehr Misstrauen als Vertrauen). Sehr hohes Vertrauen haben z.B. die Belgier in die Luxemburger; die Holländer in Luxemburger, Dänen und Schweden; die Österreicher in die Deutschen; die Finnen in die Schweden; die Schweden in die Dänen - um nur einige Beispiele zu nennen.

Allerdings gelten nicht alle Nationen als gleichermaßen vertrauenswürdig. Abbildung 1 (s. PDF-Version) zeigt genauer, für wie vertrauenswürdig die einzelnen EU-Völker von den übrigen 14 Partnernationen im Durchschnitt gehalten werden. Als vertrauenswürdig gelten vor allem die Menschen aus den drei nordischen Mitgliedsstaaten, aus den Benelux-Staaten Luxemburg und Niederlande sowie aus Österreich. In der Sprache der Soziometrie gesprochen gibt es vier "Stars": die Schweden, Niederländer, Luxemburger und Dänen. Sie zählen besonders häufig zu den nationalen Gruppen, denen das meiste Vertrauen entgegengebracht wird (das zeigt auch die soziometrische Karte der EU, vgl. Abbildung 2, S.9: PDF-Version). Den nach Bevölkerungsgröße und politischem Einfluss "schwergewichtigen" Nationen Deutschland, Frankreich und England wird mittleres Vertrauen entgegengebracht. Menschen aus Südeuropa, insbesondere Italiener und Griechen, genießen das geringste Vertrauen. Doch auch ihnen gegenüber überwiegen positive Haltungen.

Offenbar gilt ein Volk dann als besonders vertrauenswürdig, wenn verschiedene Merkmale zusammenkommen: geringe Bevölkerungszahl, eine unkriegerische Geschichte, Wohlstand und ein funktionierendes Gemeinwesen, das sich unter anderem in geringer Korruption ausdrückt.[9] In Kombination verdichten sich diese Merkmale offenbar zu einem Eindruck hoher Integrität, wie es bei den Skandinaviern und den Bewohnern der Benelux-Länder zu beobachten ist. Das vergleichsweise geringe Vertrauen in die Südeuropäer lässt sich spiegelbildlich erklären: Portugal, Spanien, Italien und Griechenland haben mehr Probleme mit Korruption und Schattenwirtschaft. Italien hat eine Mafia, Schweden nicht. Die Länder der Süderweiterung waren zudem bis in die siebziger Jahre durch autoritäre Regime politisch isoliert, und sie sind die ökonomischen Nachzügler in Westeuropa. Franzosen, Briten und Deutsche sind zwar annähernd so wohlhabend wie die Einwohner der nordischen Länder und der Benelux-Staaten, doch aufgrund der Bevölkerungsgröße und des politischen Gewichts lassen die - überwiegend kleineren - Partnernationen offenkundig eine gewisse Vorsicht walten.

Die Nationen lassen sich auch als Geber von Vertrauen betrachten. Auch bei dieser Betrachtungsweise stößt man auf ein Nord-Süd-Gefälle: In der Regel haben die Nord- und Westeuropäer mehr transnationales Vertrauen als die Südeuropäer. Schweden, Dänen und Niederländer führen die Rangliste der Kosmopoliten an, am Ende rangieren die Portugiesen und Griechen. Die Griechen sind auch die einzige Nation, in der die Bevölkerung den EU-Bürgern anderer Nationalität eher misstraut als vertraut.


Fußnoten

8.
Methodische Feinheiten sowie ausführliche Ergebnisse und Interpretationen finden sich in Jan Delhey, Nationales und transnationales Vertrauen in der Europäischen Union, in: Leviathan, 32 (2004) 1, S. 15 - 45.
9.
Vgl. dazu auch Ronald Inglehart, Trust between Nations: Primordial Ties, Societal Learning and Economic Development, in: Karlheinz Reif/Ronald Inglehart (Hrsg.), Eurobarometer. The Dynamics of European Public Opinion. Essays in Honour of Jacques-René Rabier, Houndmills 1991, S. 145 - 185.