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10.9.2004 | Von:
Jan Delhey

Transnationales Vertrauen in der erweiterten EU

Wachsendes transnationales Vertrauen

Gleichwohl ist davon auszugehen, dass die Westeuropäer langfristig mehr Vertrauen in die Menschen aus den neuen Mitgliedsstaaten entwickeln werden. Diese optimistische Sicht lässt sich mit den in Westeuropa zu beobachtenden Trends seit den siebziger Jahren begründen. Im Zeitraum von 1976 bis 1997 ist das Vertrauensklima zwischen den Europäern freundlicher geworden. Dies ergibt sich z.B., wenn man als Indikator das durchschnittliche Vertrauen in Menschen aus den EU-9 Ländern betrachtet. In acht von zwölf Ländern, für welche die Trendanalyse möglich war, ist dieses transnationale Vertrauen über die zwei Jahrzehnte gewachsen. Mehr Vertrauen haben insbesondere die Italiener, Spanier, Luxemburger, Niederländer und Dänen entwickelt. Vom allgemeinen positiven Trend weichen nur vier Länder ab: In Irland, Großbritannien und Portugal ist das Vertrauen konstant geblieben (in Portugal bei heftigen Schwankungen), während es in Griechenland gesunken ist, nach einem vorübergehenden Anstieg zwischen 1980 und 1990. Im Falle der Griechen hat die EU-Mitgliedschaft nicht zu einer langfristig positiveren Einstellung gegenüber den Partnern geführt.

Als Vertrauensempfänger haben nun nahezu alle Nationen - mit Ausnahme der Deutschen - von der insgesamt positiven Entwicklung profitiert. Besonders interessant ist in unserem Zusammenhang, dass die Italiener, Iren, Portugiesen und Spanier überdurchschnittlich starke Gewinne an zugeschriebener Vertrauenswürdigkeit verzeichnen konnten - also gerade die nationalen Gruppen, mit denen sich weite Teile der EU-Bevölkerung in den siebziger und achtziger Jahren nicht so vertraut gefühlt haben. Geringeres Vertrauen als in den siebziger Jahren wird nur den Deutschen entgegengebracht, vermutlich ein Resultat der Vereinigung. Denn bis 1990 waren auch die Deutschen in der Gunst der EU-Partnervölker gestiegen. Doch seither werden die Deutschen wieder argwöhnischer betrachtet, möglicherweise aus Sorge vor einem zu starken wieder vereinigten Deutschland.

Ähnlich wie für Italien, Irland, Portugal und Spanien ist auch für die neuen Mitgliedsnationen ein allmählicher Imagegewinn zu erwarten. Hilfreich wird sein, dass sich Ostmitteleuropa in der Staatengemeinschaft politisch, gesellschaftlich und kulturell weiter an Westeuropa annähern wird. Mit der jüngsten Erweiterung (und davor bereits im Zuge der Systemtransformation und der Anpassung an die Beitrittskriterien) hat das westliche Europa sein Gesellschaftsmodell in wesentlichen Zügen nach Osten transportiert. Der Westen hat sich also gleichsam nach Osten ausgedehnt - die "Osterweiterung" ist deshalb zugleich eine Ost- und Westerweiterung. Sozialpsychologisch funktioniert die zu erwartende Verringerung sozialerDistanz als self-fulfilling prophecy: "Wenn sich die da drüben dem Westen anschließen, können sie wohl schlecht Osteuropäer bleiben."[16] Langfristig wird das Vertrauen im erweiterten Europa steigen, doch bleibt abzuwarten, ob esgelingen wird, wieder das Niveau der alten EU-15 zu erreichen.


Fußnoten

16.
Janos Matyas Kovacs, Zwischen Ressentiment und Indifferenz. Solidaritätsdiskurse vor der EU-Erweiterung, in: Transit, 26 (Winter 2003/2004), S. 72 - 99.