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10.9.2004 | Von:
Jan Delhey

Transnationales Vertrauen in der erweiterten EU

Nation und Europa: ein Gegensatz?

Generell gilt in Europa auch heute noch: Die eigenen Landsleute sind uns immer noch am nächsten. In aller Regel haben die EU-Bürgerinnen und Bürger in die eigene Gruppe mehr Vertrauen als in Menschen anderer Nationalität. Mit anderen Worten: Man zieht immer noch eine soziale Grenze zwischen "sich" (die eigene Nation) und "den anderen" (Europa). Diese Grenze ist in einigen Fällen zwar stärker als in anderen, doch gezogen wird sie überall. Der Tendenz nach ist der Ethnozentrismus im Süden Europas stärker als im Norden; besonders die Griechen und Portugiesen vertrauen den Landsleuten weit mehr als Menschen aus anderen Ländern. Eine Ausnahme von der Regel sind die Italiener. Doch deren geringer Ethnozentrismus kommt nicht etwa dadurch zustande, dass sie den anderen Europäern so positiv gegenüberstünden. Vielmehr haben die Italiener kein großes Vertrauen in die eigenen Landsleute.

Die Grenze zwischen Nation und Europa ist zudem erstaunlich stabil. Die Trendanalyse seit den siebziger Jahren ergibt, dass sie kaum durchlässiger geworden ist. Ist dies nicht ein Widerspruch zur obigen Feststellung, dass das transnationale Vertrauen über die Jahre gestiegen ist? Nein, denn das Vertrauen in die eigenen Landsleute ist seinerseits fast überall angestiegen - bisweilen sogar stärker als das transnationale. Nur in drei Ländern - Belgien, Westdeutschland[18] und Luxemburg - ist der Abstand zwischen nationalem und transnationalem Vertrauen geringer geworden. Oder anders formuliert: Nur in drei Ländern macht die Bevölkerung, verglichen mit den siebziger Jahren, nicht mehr einen so großen Unterschied zwischen Landsleuten und EU-Ausländern. Hingegen hat in Frankreich, Italien, Dänemark und Griechenland der Ethnozentrismus zugenommen - allerdings aufeinem heute höheren Niveau an grenzüberschreitendem Sozialkapital als noch in den siebziger Jahren (mit Ausnahme von Griechenland), was für das europäische Projekt wohl der wichtigere Befund ist.

Noch aus einem weiteren Grund geht von dem stärkeren Vertrauen in die eigenen Landsleute keine Gefahr für Europa aus: Diejenigen, die ihren Landsleuten Vertrauen schenken, haben tendenziell auch mehr Vertrauen in Menschen anderer Nationalität als diejenigen, die selbst die eigenen Landsleute mit Skepsis sehen. Vertrauen beginnt also in der Heimat. Wer den eigenen Landsleuten vertraut, hat auch eine positivere Einstellung gegenüber anderen Nationen.[19] Sozialwissenschaftler sehen nationale und europäische Integration häufig als Gegensätze, doch beim sozialen Vertrauen schließen sich Nation und Europa als Bezugspunkte nicht aus - im Gegenteil.


Fußnoten

18.
Die Beschränkung auf die Westdeutschen wurde gewählt, um die zeitliche Entwicklung des Vertrauens sauber nachvollziehen zu können, ohne Beeinflussung durch die deutsche Vereinigung.
19.
Dieser Zusammenhang wurde bereits in den fünfziger Jahren festgestellt. Vgl. William Buchanan/Hadley Cantril, How nations see each other, Urbana 1953.