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31.8.2004 | Von:
Hans-Jochen Luhmann
Manfred Fischedick

Renewables, adaptationspolitisch betrachtet

Vorhersehbarer Mindestklimawandel

Zum Zwecke der Gefahrenabwehr hat man sich auf den Typ und das Ausmaß von Extremereignissen einzurichten, die für die Zukunft, wenn auch selten, so doch "realistisch" zu erwarten sind. Eine übliche und in der Regel probate Operationalisierung von "realistisch" ist das Faktische - man bestimmt die Häufigkeit des Auftretens eines Typs von Extremereignissen in der Vergangenheit und interpretiert diese Häufigkeit als die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens in der Zukunft. Exakt diese Interpretation aber ist nicht länger statthaft, weil bei aller Unsicherheit über das Ausmaß des Klimawandels eines gewiss ist: Er sorgt dafür, dass die Zukunft systematisch anders sein wird, als wir es aus der Vergangenheit kennen.

Was also haben wir unter diesen neuen Bedingungen realistisch zu erwarten? Woher eine Orientierung nehmen, wenn die probate Orientierung an der Erfahrung in der Vergangenheit ausfällt? Den entscheidenden Hinweis gibt der Wortsinn von "Realität" - sie ist eben nicht mit dem Faktischen gleichzusetzen. Die Realität der Natur ist das, was gleichbedeutend ist mit den Gesetzen der Physik. Und die Zukunft ist, bei aller Offenheit, ein Raum, d.h. etwas, das Grenzen hat. Jenseits der Grenzen liegt das, was nicht möglich ist, was zu erwarten unrealistisch ist. Mittels dieser Überlegung wird man an die Obergrenze des realistisch zu Erwartenden geführt. Dazu existiert ein Pendant, eine Untergrenze. Diese erhält man, wenn man die Frage stellt (und sie zu beantworten vermag): Was ist vom heutigen Standort aus mindestens und in diesem Sinne sicher zu erwarten, was sind wir also verpflichtet zu erwarten? Dies ist die neue Frage, die sich seit dem Sommer 2003 aufdrängt.

Die Antwort auf diese Frage lautet allgemein: Mindestens auf die Konsequenzen unserer bereits getroffenen Entscheidungen haben wir uns einzurichten. Es geht um die Konsequenzen desjenigen Teils des anthropogenen Klimawandels, den wir bereits akzeptiert haben. Der anthropogene Klimawandel weist die Besonderheit auf, dass zwischen der Veranlassung, dem Setzen der Ursache, und der später eintretenden Wirkung in Form einer Veränderung der atmosphärischen Mitteltemperatur eine große Zeitspanne liegt. Bis die induzierte Temperaturänderung auch nur annähernd den Gleichgewichtswert erreicht, braucht es bereits mehr als fünfzig Jahre. Unter "Ursache" wird die Menge der vom Menschen bereits emittierten Treibhausgase bzw. deren in der Atmosphäre verbliebener Rest, das erreichte Niveau der Konzentration von Treibhausgasen, verstanden. Das aber ist Ausdruck einer verkürzten Sicht. Eine vollere Sicht auf die zum heutigen Zeitpunkt bereits gesetzten Ursachen ist bezeichnet, wenn man in deren Formulierung die Menge an Treibhausgasen einschließt, die zwar noch nicht emittiert ist, deren Emission in Zukunft wir aber bereits akzeptiert haben bzw. nicht mehr zu verhindern vermögen.

Ein solch umfassender Begriff ist schwierig zu operationalisieren. Eine Annäherung aber ist einfach greifbar. Man könnte formulieren: "Unsere Entscheidungen" sind unsere Ziele, über die wir im Rahmen der Klimapolitik Beschlüsse gefasst haben - sie ist ja bislang wesentlich bis ausschließlich eine Politik der Mitigation, d.h. der Begrenzung bzw. Minderung der Treibhausgasemissionen. Die Beschlusslage der Staatengemeinschaft ist in Artikel 2 der Klimarahmenkonvention (FCCC) von Rio aus dem Jahre 1992 festgehalten: Wir lassen für die Zukunft einen gewissen Klimawandel zu. Wir lassen ihn aber nur soweit zu, bis er "gefährlich" zu werden droht. Das Mandat der Klimapolitik zielt nicht auf eine Vermeidung des anthropogenen Klimawandels; sie ist realistischerweise lediglich als eine Politik zur Begrenzung dieses selbst verursachten Wandels konzipiert. Ihr Erfolg, so unwahrscheinlich er auch sein mag, ist bei der Bestimmung dessen, was sicher und also mindestens zu erwarten ist, vorauszusetzen. Diese methodische Maxime ist zwingend.[4]

Die exakte Lage der mit Artikel 2 FCCC beschlossenen Grenze als Ziel der Mitigationspolitik ist umstritten. Die Strittigkeit gilt jedoch nicht für ihren unteren Rand - dessen Lage ist unstrittig. Er liegt bei einer Erhöhung der erdnahen Temperatur im globalen Mittel um rund zwei Grad Celsius. Diesen Temperaturanstieg haben wir uns "erlaubt" - er entspricht einer (knappen) Verdoppelung des Treibhausgasgehalts der Atmosphäre gegenüber vorindustrieller Zeit, also einem Anstieg um (knapp) 100 Prozent. Diese "Entsprechung" ist mit "gutmütigen" Klimamodellen berechnet, denn es soll ja nur um das unstrittige Minimum gehen. Und es gilt: Der mit dieser "Entsprechung" angegebene Temperaturanstieg gilt nur "im Gleichgewicht", also in einer Modellwelt, in der von allen Verzögerungen abgesehen wurde. In Abbildung 1 (s. PDF-Version) sind diese "Entsprechungen" gezeigt: als Entsprechungen der Säule "gesetzte Ursachen" und der Säule "Wirkungen".

Die Fakten: Als Ursache im engeren Sinne gesetzt hat der Mensch seit Beginn der Industrialisierung einen Anstieg der Konzentration von Treibhausgasen (THG) um 140 ppmv, also um 50 Prozent - das entspricht einem errechneten Anstieg der Lufttemperatur um 1,5 Grad Celsius.[5] Erreicht haben wir gegenwärtig einen Anstieg der gemessenen Temperatur um 0,7 Grad Celsius. Dieses Messergebnis ist weltweit gemittelt. In Europa, auf der Nordhalbkugel, haben wir einen deutlich höheren Temperaturanstieg zu verzeichnen, nämlich um 1,2 Grad Celsius. Der global gemittelte Temperatureffekt spreizt sich zwischen See und Land, er ist über Landmassen höher. Das wird auch so sein, wenn der initiierte Temperatureffekt sich seinem Gleichgewichtswert annähert. Er ist deshalb in Abbildung 1 (s. PDF-Version) für Europa auf plus 2,7 Grad Celsius gesetzt.

In erreichter Konzentration von Treibhausgasen gerechnet, haben wir also bereits fast zwei Drittel (58 Prozent) des nicht mehr Vermeidbaren gesetzt. In "Wirkungen" dagegen, also in eingetretener Temperaturerhöhung, ist erst rund ein Drittel präsent geworden. Letzteres - isoliert betrachtet - klingt entspannend, aber es handelt sich bei diesem Effekt um eine optische Täuschung. Diese hat zwei Gründe, die durchschauen muss, wer sich nicht desorientieren lassen will über den Stand der Klimabeeinflussung, die nicht mehr vermeidbar ist.

Der eine Grund ist die bereits erwähnte zeitliche Verzögerung des Zusammenhangs von gesetzter Ursache und schließlich im Gleichgewicht präsentem Temperaturanstieg - in Abbildung 1 (s. PDF-Version) ist diese Verzögerung mittels der beiden Thermometeranzeigen unter "Wirkungen" gezeigt. Stellt man diese Verzögerungseigenschaft in den Kontext der gesetzten Ursachen und in den Horizont der "Zwei-Grad-Celsius-Minimum-These", so lautet ihre Botschaft: Wir dürfen uns nicht täuschen lassen, denn wir haben bereits das Doppelte dessen veranlasst, was wir als historisch-tatsächlichen Temperaturanstieg seit 1870 erfahren haben. Die Verdoppelung dieser Erfahrung ist bereits unausweichlich. Was diese Aussicht sowohl in den Kategorien der Häufigkeit von Temperaturextremen als auch der Zunahme der Heftigkeit von Regen und Stürmen bedeutet, wird abschließend erörtert.

Um den zweiten Grund einzuführen, bietet sich ein Vergleich an: der von Sport und Wetter. Beim Wetter vermeldet z.B. das jährliche Bulletin der UN-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) für die Region "Europa und Mittlerer Osten" regelmäßig neue "Rekorde". Dem von der Sportberichtlektüre gewitzten und zugleich desillusionierten Zeitgenossen kommt das bekannt vor. Statt "schneller, höher, weiter" heißt es beim Wetter: Mehr Hitze und Kälte, mehr Dürre, mehr Starkniederschläge ("Fluten") und mehr Stürme ("Orkane"). Der Vergleich trägt auch noch die Vermutung, bei den immer neuen Wetterrekorden könnte es nicht mit natürlichen Dingen zugehen, auch die seien nur mit einer Art "Doping" noch erklärlich. Im Verdachtsfall lauten die Antworten bei Wetter und Sport entsprechend: Im konkreten Fall wissen wir es (noch) nicht. Aber die Eigenschaften, die der Läufer oder der Werfer zeigt, passen recht genau in das Bild, welches wir bei Einnahme von Dopingmitteln erwarten. Und im Nachhinein bestätigen sich die Vermutungen in aller Regel.

Was für die Athleten Anabolika und Epo sind, sind für das Wetter die Treibhausgase. Selbst der vom Doping bekannte Trick der Maskierung ist beim Klima geläufig: Substanzen wie Rußpartikel und Aerosole haben einen abschattenden Effekt auf die langlebigen Treibhausgase, sind aber nur von kurzer Verweilzeit in der Atmosphäre. Stetige Neuproduktion lässt es dadurch "gelingen", einen Teil des durch langlebige Treibhausgase bereits "gesetzten" Temperatureffekts maskiert zu halten. Es funktioniert wie ein Geschäft nach dem (verbotenen) Schneeballsystem. Eines Tages aber muss zumindest ein Teil zum Vorschein kommen - das zu antizipieren, ist methodisch zwingend. Der Zeitpunkt, zu dem das der Fall sein wird, ist eingetreten, wenn das Ziel der Klima(mitigations)politik, der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, erreicht sein wird. Deswegen ist die Aufhebung dieses Teils der Maskierung denknotwendig. Eine beinahe tragisch zu nennende Konstellation zeichnet sich ab: Ruß und anthropogene Aerosole anderer Quellen (in der Hauptsache aus der Mitverbrennung von Schwefel in biogenen bzw. fossilen Brennstoffen) in der Atmosphäre sind weit überwiegend Begleiterscheinungen der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Lösen wir die Mitigationsaufgabe, so werden die Verbrennungsprozesse[6] und damit deren "schmutzige" Begleiterscheinungen deutlich zurückgehen, und als Lohn wird der maskierte Effekt aufgedeckt. Erwartet wird dies nach den Szenarien des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) "während der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts"[7]. Der Strahlungseffekt, der da aufgedeckt wird, liegt nach Einschätzung des IPCC bei 0,6 W/qm.[8] In Abbildung 1 (s. PDF-Version) ist dieser Effekt über sein ppmv-Äquivalent in Höhe von 35 eingetragen.

Es gibt noch einen zweiten Verstärkungseffekt mit gleichem Zeitverzug zwischen Ursache und Wirkung in Form der Temperaturerhöhung: Die Verzögerung der Erwärmung, verstärkt durch die anthropogenen Aerosole, schafft eine kurzfristig hohe Fähigkeit borealer Wälder, Kohlenstoff einzubinden, über das hinaus, was ihnen nachhaltig möglich ist. Tritt die "programmierte" Temperaturerhöhung schließlich ein, wird sich ein Teil der eingebundenen Kohlenstoffe als nur "zwischengelagert" erweisen: Sie werden in die Atmosphäre ausgeschieden. Nur ein Drittel des in Wäldern eingebundenen Kohlenstoffs befindet sich nämlich stabil gelagert im Holz der Bäume, zwei Drittel dagegen befinden sich im labilen Humus, der leicht mikrobiell abbaubar ist. Es handelt sich bei diesem maskierten Teil somit um eine erhebliche Altlast, die wir vor uns herschieben.[9]

Zusammengenommen haben die beiden Momente einen Strahlungseffekt von 1,45 W/qm bzw. ein ppmv-Äquivalent von 85. Abbildung 1 (s. PDF-Version) zeigt die Bedeutung dieses Aufschlags auf die bereits erreichte Konzentration von Treibhausgasen und ihr Temperaturäquivalent im Gleichgewicht. Praktisch sind wir bereits in der Nähe jenes Wertes von plus zwei Grad Celsius angekommen, den viele als Wert der Auslegung von Art. 2 FCCC präferieren, aber noch verstanden als Wert der Begrenzung des anthropogenen Klimawandels, als Ziel der Mitigationspolitik. In dem hier gezeichneten Bild von der Situation schiebt sich das Unvermeidliche so nahe an dasjenige Begrenzungsziel heran, das dem Vorsorgeprinzip am ehesten entspricht, dass es dieses tendenziell als unerreichbar erscheinen lässt. Für das soziale Moment in der Bestimmung des nicht mehr Vermeidbaren, die "Trägheit" unserer gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse, bleibt in diesem Bild nur noch ein Spielraum in Höhe von 0,1 Grad Celsius oder fünf Prozent jenes Spielraums, über den wir einst, etwa im Jahre 1860, dem Startjahr des Konzepts "industrielle Wirtschaftsweise", verfügten.


Fußnoten

4.
Vgl. Hans-Jochen Luhmann, Dürre, Sturm und Fluten: Das Ausmaß der ausstehenden Anpassung allein an die "Beschlusslage" wird kalkulierbar. Fernwirkungen des Anstiegs anthropogener Klimagaskonzentrationen, in: BTB-Magazin. Zeitschrift für Technik und Naturwissenschaften im öffentlichen Dienst, 42 (2004) 1, S. 8 - 9.
5.
ppmv = parts per million by volume.
6.
Netto, also auch, wenn man einen gewissen Aufwuchs an Verbrennung rezenten Kohlenstoffs gegenrechnet. Zu Recht nicht berücksichtigt ist dagegen die Verbrennung "reiner" (Sekundär-)Brennstoffe solaren Ursprungs wie Wasserstoff.
7.
Nebosja Nakicenovic/Keywan Riahi, Model Runs with MESSAGE in the Context of the Further Development of the Kyoto Protocol. Externe Expertise für das WBGU-Sondergutachten 2003, Berlin 2003, S. 16.
8.
Einstrahlungsleistung: Energie pro Quadratmeter (W/qm).
9.
Mit den Worten des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem Post-Kioto-Gutachten: Der Effekt der Aerosole ist, dass "negative Auswirkungen des Klimawandels auf den Kohlenstoffkreislauf in die Zukunft verlagert" werden. Der WBGU spricht vom "Übergangscharakter der derzeitigen terrestrischen Kohlenstoffsenken". WBGU, Welt im Wandel. Über Kioto hinaus denken: Klimaschutzstrategien für das 21.Jahrhundert. Sondergutachten zur 9. Vertragsstaatenkonferenz der Klimarahmenkonvention vom 1. bis 12.12. 2003 in Mailand, Berlin 2003, S. 24 f.