APUZ Dossier Bild

31.8.2004 | Von:
Ulrich Grober

Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter

Bilder der Energie

Als Einstieg soll ein nachhaltiger Blick auf ein Kunstwerk dienen. Es ist ein kleines Objekt aus der Zeit der großen Aufbrüche; heutiger Materialwert: etwa ein Euro. Eine Glühbirne ragt schräg in den Raum. Die gläserne Wand des Kolbens glänzt gelb. Die Fassung aus schwarzem Plastik ist am Sockel mit einem Stecker an einer Zitrone befestigt, so, wie eine Lichtquelle an einen Energiespeicher angeschlossen ist. Beide Komponenten halten sich wechselseitig in einer fragilen Balance. Die Zitrone bewahrt die Glühlampe vor dem Umkippen und wird von dieser gehalten. Das ist alles. Minimalismus in den Mitteln, armes Material - Arte povera. "Joseph Beuys, Capri-Batterie, nach 1000 Stunden auswechseln", lautet die Aufschrift des 1985 entstandenen Multiples. Ein wahrhaft paradoxes Bild der Energieübertragung: Ein Stromkreis ist geschlossen. Die vom Pflanzenorganismus umgewandelte Sonnenenergie, so suggeriert die "Capri-Batterie", fließe als elektrischer Strom durch die Glühlampe und bringe sie kontinuierlich zum Leuchten. Das sonnenhafte Gelb und die der Sonne ähnelnden Formen von Frucht und Artefakt verweisen auf das kosmische Kraftwerk, den Sonnenball, und den elementaren Energiefluss: hier die Sonne, da das künstliche Licht. Die lakonische Gebrauchsanweisung macht Endlichkeit und Erneuerbarkeit des Speicherelementes bewusst. Sobald der Saft der Zitrone, das Elektrolyt, ausgetrocknet ist, muss die Frucht, der Akkumulator, ausgewechselt werden.

"Beuys' Inhalte sind einfach", hieß es schon 1963 in einem Ausstellungskatalog. "Mit geringem Aufwand, mit der Beschränkung auf wenige unerläßliche Elemente, mit äußerster Sparsamkeit der Mittel werden Gebilde geschaffen, die zugleich zart und spröde, poetisch aber ohne Sinnenreiz sind."[3] Natürlich ging es bei Beuys nie um Abbilder, sondern um Denkbilder und Denkmodelle. Nur der "möglichst elementare Umgang mit einem Ding" (Beuys, 1957) setze das Denken in Bewegung. In der Krise der Gegenwart, davon war Beuys zutiefst überzeugt, müsse alles neu durchdacht werden. Der Weg zu einem anderen Umgang mit unseren Energien gehe durch eine Rückbesinnung auf die natürlichen und kreatürlichen Grundlagen des Lebens. "Was not tut ist Wärme", sagte Beuys: "Der Begriff des Wärmehaften verbindet sich mit dem Begriff der Brüderlichkeit und des gegenseitigen Zusammenarbeitens."[4] So gesehen ist die "Capri-Batterie" eine moderne Metapher für die Wiedergewinnung der ökologischen und sozialen Balance unserer Zivilisation.

Das kleine Kunstwerk hat eine bewegte Geschichte. Entstanden ist es zu einer Zeit, als in Genf die Brundtland-Kommission ihren Bericht an die UNO entwarf, der unter dem Titel "Our common future" so nachhaltig wirkte.

Auf der EXPO 2000 in Hannover stand die "Capri-Batterie" als Beitrag Nordrhein-Westfalens im deutschen Pavillon an exponierter Stelle. Im gedämpften Licht der Halle, in der Nachbarschaft von Kultobjekten des zu Ende gegangenen Millenniums, Daimler-Oldtimer (Baden-Württemberg), Gutenberg-Bibel (Rheinland-Pfalz) und einer Hansekogge (Mecklenburg-Vorpommern), wirkte sie zugleich fragil, verloren und sperrig. Es war eine kühne, im besten Sinne unvorsichtige Idee, sie zum Sinnbild für das EXPO-Motto "Mensch-Natur-Technik" zu nutzen und als repräsentativ für den Weg Deutschlands in die Zukunft auszustellen. Doch die EXPO war schnell vergessen. Den damals so umlagerten "Planet of Visions" hat man kürzlich sang- und klanglos auf einer Mülldeponie im Ruhrgebiet entsorgt. Die "Capri-Batterie" ist weiter auf Tournee, zur Zeit im Rahmen einer deutsch-niederländischen Wanderausstellung: "Denken, Reden, Machen / Denken, praten, doen!" Eine Bastelanleitung für eine funktionierende Zitronen-Batterie ist beigelegt. Beuys für Kinder: Bildung für ein solares Zeitalter.


Fußnoten

3.
Zit. nach Heiner Stachelhaus, Joseph Beuys, München 1990, S. 160.
4.
Ebd. S. 88.