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31.8.2004 | Von:
Ulrich Grober

Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter

Die Vision vom solaren Zeitalter

Das Konzept wurde in den neunziger Jahren u.a. von dem Klimaforscher Hartmut Graßl, dem Politiker Hermann Scheer und dem Publizisten Franz Alt ins Gespräch gebracht. Die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen für ein Überleben der Menschheit angesichts der drohenden Klimakatastrophe standen im Zentrum. Die Ebene der Lebensstile, die kulturellen, also ästhetischen, ethischen und spirituellen Dimensionen des Übergangs zur Nachhaltigkeit blieben weitgehend ausgeblendet. Nur kleine, relativ wenig beachtete Zirkel thematisierten diese Aspekte. Zu einem Knotenpunkt dieses Netzes wurden in den Jahren 1985 bis 1999 die Toblacher Gespräche.[5]

Der vor allem im deutschsprachigen Raum und in Italien viel beachtete Gesprächskreis richtete seinen Fokus immer stärker von der technischen Ausgestaltung der ökologischen Wende auf die kulturellen Dimensionen von Nachhaltigkeit. 1992, im Jahr des Erdgipfels von Rio, formulierte der Initiator der Toblacher Gespräche, der Südtiroler Künstler, Soziologe und Bergsteiger Hans Glauber, die Koordinaten des neuen Wohlstandsmodells: "Langsamer, weniger, besser, schöner". Bei aller Kritik an der zerstörerischen Entwicklung der Zivilisation nimmt der Ansatz die Attraktivität des "Schneller, höher, weiter, mehr" ernst. Er unterschätzt nicht das Beharrungsvermögen des Stabilität und Sicherheit versprechenden Wachstumsparadigmas. Er verkennt nicht die ästhetische Faszination und die Glücksverheißungen der Konsumwelt. In einem offenen Wettstreit der zwei Modelle müsse der neue Entwurf seine Anziehungskraft steigern und sich als "einfach schöner" erweisen. "Die Vision ist das solare Zeitalter, das Zeitalter der umfassenden neuen Kultur der Nachhaltigkeit." Das fossil-nukleare Zeitalter ist nur eine kurze Episode in der Geschichte der Menschheit. Es umspannt die Epoche vom Beginn der Industrialisierung bis spätestens zur Erschöpfung der fossilen Ressourcen. Vorher lebte die Menschheit nur von der Sonne. Nachher wird sie wieder nur von der Sonne leben. Allerdings erlaubt das zweite solare Zeitalter ein Leben auf einem viel höheren zivilisatorischen Niveau. Denn dank neuer Technologien, vor allem der Möglichkeit, mit der Sonne Strom zu erzeugen, wird es möglich sein, die Energie der Sonne viel besser und flexibler zu nutzen.

Es wird eine dezentrale, demokratischere und gerechtere Zivilisation sein. Denn im Unterschied zum Öl, den anderen fossilen und den nuklearen Brennstoffen, deren Besitz sich in wenigen Händen konzentriert, ist die Sonne für alle da. Wir besitzen die Sonne nicht. Wir haben lediglich Zugang. Die Energiequelle Sonne hat überdies den Vorteil, dass sie besonders reichhaltig da zur Verfügung steht, wo heute Armut herrscht. Die Utopie einer gerechteren Entwicklung rückt in greifbare Nähe. Der neue zivilisatorische Entwurf setzt auf eine neue Balance von materiellen und immateriellen Gütern, auf umfassende Lebensqualität statt auf einseitigen Güterwohlstand. "Die Ökonomie des guten Lebens besteht aus einer naturverträglichen Kombination maßvollen Konsums und immaterieller Güter." (Toblacher Thesen 1997) Das solare Zeitalter ermöglicht so eine wesentlich ressourcenleichtere Zivilisation. Diese beruht auf einer neuen Art zu produzieren und zu konsumieren. Sie erkennt die Notwendigkeit, Grenzen kreativ zu akzeptieren. Sie macht die Auseinandersetzung mit der quantitativen Begrenzung zum Konzept und sucht die Potenziale für ein ungestümes kontinuierliches Wachstum auf dem Feld der immateriellen Güter und Werte. "Die Funktion der materiellen Güter liegt im Grunde darin, uns das Hervorbringen der immateriellen Güter und der Gemeinschaftsgüter zu erleichtern." (Gerhard Scherhorn, Toblacher Gespräche 1997). Die Begrenzung wird selbst zu einer Ressource. Es gilt, innerhalb dieser Beschränkungen das Maximale herauszuholen. Es entwickelt sich eine Ästhetik des rechten Maßes.

"Auch Schönheit ist ein Lebens-Mittel." (Toblacher Thesen 1998) Sie ist ein Grundbedürfnis. Ohne sie kein erfülltes Leben. Aus der Erfahrung von verletzter Schönheit, also z.B. von verschandelter Landschaft und urbaner Tristesse, Kehrseite der industriellen Massenproduktion, entspringt das Engagement für eine Kultur der Nachhaltigkeit. Sie entfaltet sich im behutsamen Umgang mit den Ressourcen. Sie betont die lokale Eigenart und Tradition ebenso wie die natürliche und kulturelle Vielfalt. Der Genuss von ökologischen Lebensmitteln, die sinnliche Erfahrung von Natur, der Reiz von gutem Design und guter Architektur bedeuten Lebensfreude.


Fußnoten

5.
Vgl. zum Folgenden die Dokumentation: Hans Glauber (Hrsg.), Langsamer, weniger, besser, schöner. 15 Jahre Toblacher Gespräche, München 2004 (i.E.). Siehe auch www.ecoistituto.it.