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31.8.2004 | Von:
Ulrich Grober

Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter

Neue Leitbilder

Vergleicht man die Leitbilder, die hierzulande auf den verschiedensten Praxisfeldern in der letzten Zeit ausgereift sind und vorgelegt wurden, so findet man die Orientierung auf unterschiedliche und mannigfaltige Bedürfnisse, auf Lebbarkeit und Attraktivität, auf Sinnlichkeit und Ästhetik, auf das "gute Leben" in der Gegenwart und in einer "wünschenswerten und machbaren Zukunft" an vielen Stellen wieder. Dabei ist das Gebot einer drastischen Reduktion des Ressourcenverbrauchs keineswegs ausgeblendet. Formeln wie "Gut leben statt viel haben" (BUND), "Halb so viel, doppelt so gut" (Karl Ludwig Schweisfurth), das klassische, dem Orakel von Delphi entlehnte "Von nichts zu viel" (Wuppertal Institut) oder das ebenfalls klassische "Weniger ist mehr" (Bauhaus Dessau) beschreiben diesen Zusammenhang und variieren die Koordinaten von Toblach. Es ist spannend zu beobachten, wie diese Dialektik in den neuen Leitbildern aufscheint.

Beispiel: "Nachhaltige Mobilität". Ausgangspunkt in der aktuellen Diskussion, z.B. in den kürzlich formulierten "Tutzinger Thesen und Handlungsempfehlungen zur nachhaltig-zukunftsfähigen Mobilität"[6], ist das "Leitbild Mobilitätsvielfalt". Es überwindet die Fixierung auf Verkehrsmittel und Verkehrswege. Als Schlüssel gilt die Frage nach den Bedürfnissen, die jeder Ortsveränderung zugrunde liegen. Man betrachtet die unterschiedlichen Mobilitätsformen in ihrem Zusammenspiel und ihre jeweilige Attraktivität und bedenkt die neuen Möglichkeiten der mobilen Kommunikation. Einbezogen sind die Kehrseiten unseres Mobilitätsverhaltens: von Flächenfraß, Verkehrslärm und Luftverschmutzung bis hin zu Fettleibigkeit und anderen Zivilisationskrankheiten. Zu einem umfassenden Verständnis der Dynamik von Beweglichkeit und Flexibilität gehört das Mitdenken des Gegenteils, nämlich des Bedürfnisses nach Ortsbindung, Ruhe und Stabilität. Die Konsequenzen aus dieser ganzheitlichen Sicht: "Nachhaltige Mobilität ist die bedürfnisgerechte Mobilität mit weniger Verkehr." Alle Alternativen in Richtung einer nachhaltigen Mobilität haben attraktiv zu sein. Die Chancen für räumliche Mobilität müssen für alle gegeben sein. Es bedarf einer neuen Wertschätzung der "Mobilität aus eigener Körperkraft", also des zu Fuß Gehens und des Fahrrad Fahrens. Mit Blick auf diesen Hauptschauplatz der globalen nachholenden Entwicklung heißt es in den Tutzinger Thesen: "Die Akteure in den Industrieländern müssen mittelfristig nachhaltige Mobilitätsformen entwickeln, die weltweit übertragbar sind."

Beispiel: "Nachhaltige Agrar- und Ernährungskultur". Das Leitbild, das die Schweisfurth-Stiftung im Sommer 2002 vorstellte,[7] ist eine Synthese langjähriger Forschung und Praxis. Auch hier ist der Ausgangspunkt eine neue Definition elementarer Bedürfnisse: "Wir wollen Lebensmittel mit hoher Qualität. Sie müssen naturbelassen sein und ihr Geschmack ein Genuss." Von diesem Ansatz her wird eine "Ökologie der kurzen Wege" entwickelt. Sie führt zu einer regionalen Netzwerkökonomie, die bäuerliche Landwirtschaft, Lebensmittelhandwerk und regionale Vermarktungsstrukturen umfasst. Sie ist arbeitsintensiv und nutzt sinnvolle Hightech, die den Menschen nicht überflüssig macht. Ihre Energie bezieht sie vor allem aus ihren nachwachsenden Rohstoffen, also hauptsächlich aus Biomasse. Der Massenproduktion von Nahrungsmitteln nach dem Motto "Immer mehr, immer schneller, immer billiger" setzt sie die Renaissance der Qualität entgegen. Nach dem Motto "aus der Region für die Region" stellt sie eine hohe Kundenbindung her. Damit einher geht die Belebung der kulturellen Besonderheiten der Regionen und die gemeinschaftliche Sorge für eine intakte und damit identitätsstiftende Kulturlandschaft. Auch hier taucht der Gedanke der Übertragbarkeit auf: global denken, lokal essen. "Ein nachhaltiger Lebens- und Konsumstil vieler einzelner Menschen rund um Essen und Trinken ist global von Bedeutung."

Das sind nur zwei Beispiele von vielen für ein praxisnahes neues Denken in Richtung auf ein solares Zeitalter. Die Lösungen sind einfach und zugleich anspruchsvoll. Sie sind arbeitsintensiv und damit Arbeitsplätze schaffend. Aber sie betten die Ökonomie ein. Das gute Leben in einem stabilen Gemeinwesen ist die Ebene, um die es geht. Sie entsprechen einem Bedürfnis des "simplify your life", ohne in eine "schreckliche" Vereinfachung, letztlich in Schäbigkeit und Tristesse, in den Kult des Billigen abzustürzen.


Fußnoten

6.
Vgl. www.ev-akademie-tutzing.de sowie Politische Ökologie, (Mai/Juni 2003) 83.
7.
Vgl. zum Folgenden: Karl Ludwig Schweisfurth/Franz-Theo Gottwald/Meinolf Dierkes, Wege zu einer nachhaltigen Agrar- und Ernährungskultur, München 2002. Siehe auch www.schweisfurth.de.