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31.8.2004 | Von:
Ulrich Grober

Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter

Ressource Kulturgeschichte

"Es müsste uns gelingen, Shakespeare, Homer, Tolstoj 'ökologisch' zu lesen", so der Publizist Carl Amery in seinem Dialog mit Hermann Scheer über den "Klimawechsel von der fossilen zur solaren Kultur"[8]. Bei einer Spurensuche nach ökologischen und "heliozentrischen" Weltbildern könnte man in den Texten und Archiven - und an den Orten - der europäischen Kulturgeschichte tatsächlich atemberaubende Entdeckungen machen. Nur ein Beispiel: die Weimarer Klassik.[9]

"Unsre Erde ist ein Stern unter Sternen", so 1784 ein Opus magnum dieser Epoche, "ist nichts durch sich selbst, sondern empfängt von himmlischen, durch unser ganzes Weltall sich erstreckenden Kräften ihre Beschaffenheit und Gestalt, ihr Vermögen zur Organisation und Erhaltung der Geschöpfe (...). Mit unsichtbaren, ewigen Banden ist sie an ihren Mittelpunkt, die Sonne gebunden, von der sie Licht, Wärme, Leben und Gedeihen erhält."

Das ist der Anfang von Johann Gottfried Herders "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit". Geschrieben hat er sie in enger Zusammenarbeit mit Goethe, seinem "lieben Bruder", der zu jener Zeit an einem später abgebrochenen "Roman über das Weltall" arbeitete. In einer Zeit, als Europa begann, die Natur zu vermessen und zu sezieren, den Globus aufzuteilen und auszuplündern, imaginierte man in Weimar den ganzheitlichen Blick auf den Planeten. Herders Blick auf die "alles fassende sich selbst umkreisende Erde unter mir" taucht ein in die blaue Hülle, die Atmosphäre, "dieses große Behältnis wirkender Kräfte". Er spricht häufig vom "Klima", das unsere Existenz bestimme, und sagt, die Natur auf dem Wohnplatz Erde sei überall ein lebendiges Ganzes. Sie wolle sanft befolgt und gebessert und nicht gewaltsam beherrscht sein. Herder benutzt in einem sehr zentralen Sinne den Begriff des oikos, der "Haushaltung der Natur", und meint damit die Mannigfaltigkeit der Arten und der Kreisläufe in der Natur und deren Fähigkeit zur Regeneration. In der Gemeinschaft der Lebewesen gebühre dem Mensch die Position des "Mittelgeschöpfs", des Haushalters (oikonomos), aber nicht wie bei Descartes des maitre et possesseur. Sein aufrechter Gang erlaube dem Menschen, nach oben zu schauen, also in die Sphäre des Geistigen und Spirituellen, aber auch in die Weite, in die Zukunft. Herder verwirft die zeitgenössische Form der Globalisierung, den Kolonialismus, und die damit einhergehende Anmaßung, "dass die Bewohner aller Weltteile Europäer sein müßten, um glücklich zu leben". Er feiert die Vielfalt der Kulturen der Welt: "Unser Erdball ist eine große Werkstätte zur Organisation sehr verschiedenartiger Wesen."

Herder verknüpft eine von Spinozas Pantheismus inspirierte Naturphilosophie mit Vorstellungen von Menschenrecht und Menschenwürde, die von der Französischen Revolution mit geprägt sind. In dieser sozusagen organischen Verbindung von Ökologie und Humanität liegt die Verwandtschaft zum heutigen Nachhaltigkeitsdiskurs. Der Grundgedanke zieht sich wie ein grüner Faden durch die Geschichte der Weimarer Klassik. Man darf nicht vergessen, dass diese Kultur in einem Armenhaus entstand. Anna Amalia, die junge verwitwete Regentin, fand zu Beginn ihrer Regentschaft ein durch Kriege und Verschwendungssucht völlig ruiniertes Staatswesen vor. Eine ihrer ersten Maßnahmen war 1760 die "neue und nachhaltige Forsteinrichtung" in den Wäldern ihres Landes. Damit wurde zum erstenmal überhaupt von der " Cammer" eines Kleinstaates explizit das 1713 formulierte Prinzip der Nachhaltigkeit zugrunde gelegt. "Sie haben gewusst", so beschrieb Hellmut Seemann, der Präsident der Stiftung Weimarer Klassik, das weimarische Modell, "dass man mit sehr geringen Mitteln in einer kleinen Residenzstadt mit einer winzigen Auenlandschaft um einen mittelgroßen Fluss herum ein Weltkulturerbe schaffen kann (...). Nicht obwohl man so wenig Geld hat, sondern weil man die Bescheidenheit der materiellen Möglichkeit zum Konzept gemacht hat."[10]

Das lokale Handeln war stets in eine globale, planetarische Perspektive eingebunden: "Ich denke mir die Erde mit ihrem Dunstkreis", meinte Goethe zu Eckermann (11. April 1827), "gleichnisweise als ein großes lebendiges Wesen, das im ewigen Ein- und Ausatmen begriffen ist." Ein Gedanke, der mit der Essenz der Gaia-Theorie und des Kyoto-Protokolls korrespondiert. In seinem Kondolenzbrief aus Dornburg zum Tod von Großherzog Carl August machte er im Sommer 1828 den Garten des Schlosses und die blühende Landschaft des Saaletales zum Sinnbild von Nachhaltigkeit: "Könnte mir (...) ein erwünschteres Symbol geboten werden, deutlicher anzeigend, wie Vorfahr und Nachfolger, einen edlen Besitz gemeinschaftlich festhaltend, pflegend und genießend, sich von Geschlecht zu Geschlecht ein anständig-bequemes Wohlbefinden emsig vorbereitend, eine für alle Zeiten ruhige Folge bestätigten Daseins und genießenden Behagens einleiten und sichern?" Und wenige Tage vor seinem Tod (11. März 1832) äußerte Goethe wiederum zu Eckermann: "Fragt man mich, ob es in meiner Natur sei, die Sonne zu verehren, so sage ich abermals: Durchaus!"

Gibt es in den europäischen Kulturen einen gemeinsamen Vorrat an Bildern und Geschichten, die den Visionen eines solaren Zeitalters Nahrung geben könnten? Ein gemeinsames Band, das den "Canticum Solis", den Sonnengesang des Franziskus von Assisi, mit Albert Einsteins Thesenpapier über den "photoelektrischen Effekt", der theoretische Grundlage der Photovoltaik, verbindet? Eine wie auch immer verschlungene Linie, die vom viriditas (Grünkraft)-Begriff Hildegard von Bingens zu den Naturbildern Paul Klees, vom Konzept der "nachhaltigen" Forstwirtschaft des kursächsischen Oberberghauptmanns Carlowitz zum Sustainable-development-Prinzip der norwegischen Sozialdemokratin Gro Harlem Brundtland führt?

Materialien für eine solche Spurensuche sind in zahllosen Arbeiten der geistes- und kulturwissenschaftlichen Fächer gesichtet und aufbereitet. Im Diskurs über Nachhaltigkeit wurden sie bisher so gut wie nie wahrgenommen. Sie könnten ihm jedoch zu mehr Tiefgang verhelfen. Es wäre eine spannende Aufgabe, die Stimmen aus der Vergangenheit in einen kleinen, flexiblen Kanon von Basismaterialien zu integrieren, welche die "Essentials" des Nachhaltigkeitsdenkens fantasieanregend präsentieren: Bilder, Geschichten, Gesichter, Denkbilder. Einer solcher Kanon wäre durch ein Netz von poetischen Orten und Lernorten in der Natur zu ergänzen: vom Forêt de Paimpont, Merlins bretonischem Zauberwald, bis zur Isola Maggiore im Lago Trasimeno, wo Franziskus fastete, von Rousseaus Grab auf der Pappelinsel von Ermenonville bis zu Goethes Jagdhütte auf dem Kickelhahn-Gipfel, vom Svarcenbersk'y kanal in Stifters böhmischem Hochwald bis zu Joseph Beuys' Palazzo Regale in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf.


Fußnoten

8.
Carl Amery/Hermann Scheer, Klimawechsel. Von der fossilen zur solaren Kultur. Ein Gespräch mit Christiane Grefe, München 2001, S. 125.
9.
Vgl. zum Folgenden die beiden Aufsätze des Verfassers: Tiefe Wurzeln. Eine kleine Begriffsgeschichte von sustainable development - Nachhaltigkeit, in: Natur und Kultur, 3 (2002) 1, S. 116 - 128; Nachhaltigkeit - Ökologie und soziale Verantwortung in den Netzen des Wissens um 1800, in: Eleonore Sent (Hrsg.), Bergbau und Dichtung. Friedrich von Hardenberg (Novalis) zum 200. Todestag, Weimar 2004, S. 109 - 126.
10.
Interview des Autors mit Hellmut Seemann, in: Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen u.a. (Hrsg.), 3. Weimarer Sommerkurse. Dokumentation, Weimar 2003. Siehe auch www.sommerkurse-weimar.de.