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31.8.2004 | Von:
Ulrich Grober

Das gute Leben neu denken

Kulturelle Ressourcen für ein solares Zeitalter

Ein europäischer Traum?

Trotz der Meinungsumfragen, die der Solarenergie einen hohen Sympathiewert zusprechen, trotz einiger Erfolgsgeschichten bei dem Versuch, nachhaltige Lösungen auszuarbeiten und ihnen einen "Sitz im Leben" zu geben - von einer größeren Mobilisierung für den Übergang zu einem solaren Zeitalter kann keine Rede sein. Tatsächlich herrscht eine eigenartige, ungute und paradoxe Situation: In dem Moment, wo es allgemein dämmert, dass wir über unsere Verhältnisse gelebt haben und in Zukunft mit weniger auskommen müssen, scheint das Konzept der Nachhaltigkeit an Einfluss zu verlieren. Dabei ist es im Kern eine Strategie der bewussten Reduktion. Gerade dadurch hätte es das Potenzial, in aktuellen Krisen gangbare Auswege zu öffnen. Trotzdem herrscht die Meinung vor, erst mit einem "robusten" Wirtschaftswachstum könne man sich Nachhaltigkeit wieder leisten. Statt den Mut zum Weniger aufzubringen, setzen Politik und Gesellschaft ängstlich auf ein vermutlich illusionäres Mehr an Wachstum.

Es ist eine kühne Idee, in dieser Situation Nachhaltigkeit in das Zentrum eines "Europäischen Traums" zu rücken. Genau diesen überraschenden Versuch unternimmt in seinem gerade erschienenen Buch der amerikanische Autor Jeremy Rifkin.[11] Zunächst diagnostiziert er den "langsamen Tod des Amerikanischen Traums" und die "Universalisierung des Europäischen Traums". Worin bestehen die Unterschiede? "Der Europäische Traum stellt Gemeinschaftsbeziehungen über individuelle Autonomie, kulturelle Vielfalt über Assimiliation, Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum, nachhaltige Entwicklung über unbegrenztes materielles Wachstum."[12] Im 21. Jahrhundert, so Rifkin, verblasse die Attraktivität eines Modells, das vor allem auf individuelle Freiheit setze, die zudem primär als das Recht auf ungehinderten Zugang zu den Ressourcen und uneingeschränkte Akkumulation von individuellen Reichtümern verstanden werde. Diesem amerikanischen Traum stellt er den neuen europäischen Traum entgegen. Dessen Merkmale sind "Lebensqualität, gegenseitiger Respekt vor den Kulturen, eine nachhaltige Beziehung zur Natur und Frieden mit den Mitmenschen".

Mit der Absage an traditionelle Machtpolitik und das Primat ökonomischer Interessen, mit einer entschlossenen Hinwendung zum Prinzip der Vorsorge und einer Kultur der Empathie hätten die Europäer die Lehren aus den Katastrophen ihrer Geschichte und den ökologischen Folgen ihrer Produktionsweise gezogen. Als "leise Supermacht" könnten sie sich gelassen der Zukunft in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts zuwenden. "Der Europäische Traum ist ein Silberstreifen am Horizont einer geplagten Welt. Er lockt uns in eine neue Zeit der Inklusivität, Diversität, Lebensqualität, spielerischen Entfaltung, Nachhaltigkeit, der universellen Menschenrechte und der Rechte der Natur und des Friedens auf Erden. Wir Amerikaner", so schließt Rifkin, "haben immer gesagt, für den Amerikanischen Traum lohne es sich zu sterben. Für den Europäischen Traum lohnt es sich zu leben."[13]


Fußnoten

11.
Jeremy Rifkin, Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Frankfurt/M.-New York 2004.
12.
Ebd., S. 9.
13.
Ebd., S. 411.