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30.11.2018 | Von:
Roman Köster

Recycelte Sprachbilder. Kleine Geschichte deutscher Abfalldiskurse bis 1990

Abfall als Umweltproblem ist in den vergangenen Jahren wieder in die Diskussion gekommen. Damit hat ein Thema erneut einen Platz in der öffentlichen Debatte gefunden, das in den 1970er und 1980er Jahren in Deutschland zu den am heißesten diskutierten Umweltthemen gehörte. Ab Anfang der 1990er Jahre spielte das Thema dann bestenfalls noch eine Nebenrolle, der Klimawandel und das Artensterben traten nun in den Vordergrund. Die gegenwärtige Renaissance des Themas Müll geht mit neuen Schwerpunktsetzungen einher: So wurde beispielsweise die heute aktuelle Frage der Meeresverseuchung durch Plastikabfälle in den 1980er Jahren noch kaum diskutiert.

Ausgangspunkt des folgenden Überblicks über die Mülldiskurse in der Bundesrepublik Deutschland ist zunächst die Beobachtung, dass Abfall das Umweltproblem ist, das am direktesten mit dem privaten Konsum zusammenhängt. Das ist keineswegs trivial: Während nämlich die DDR hinsichtlich der Verschmutzung von Luft und Wasser gravierende Umweltprobleme hatte, war das in Bezug auf den Abfall nicht der Fall. Darin liegt mit einer gewissen Notwendigkeit ein selbstreflexives Moment. Denn während man mit einem Kohlekraftwerk nur wenige direkte Berührungspunkte hat, werfen wir doch alle täglich Dinge weg und sind deswegen auch ganz persönlich mit der Frage unseres Beitrags zur sichtbaren Umweltzerstörung konfrontiert.

Zugleich ist dabei aber auch klar, dass die Menschen in dem, was sie an Abfall produzieren, keineswegs frei sind. Der historisch beispiellose Anstieg der Abfallmengen nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt vielmehr, dass die moderne Konsumgesellschaft beinahe dazu zwingt, Abfälle zu produzieren. Aus diesem Grund stand bei den Abfalldiskursen auch stets das "System" als Ganzes im Fokus, wobei die Müllproblematik in vielen Fällen dieses System zu "entlarven" und die dunkle Seite hinter den glitzernden Einkaufsstraßen, der schönen neuen Warenwelt und der angeblichen Selbstverwirklichung durch Konsum aufzuzeigen schien. Dabei erzeugte der Diskurs bereits früh starke Sprachbilder, die bis heute gebräuchlich geblieben sind. Die "Müll-Lawine" ist dafür genauso ein Beispiel wie der "Wohlstandsmüll" – beides sind Begriffsbildungen aus den frühen 1960er Jahren.

Für eine Diskursgeschichte des Abfalls ergibt sich daraus aber ein Problem: Bereits früh wurden Deutungen der Konsumgesellschaft angeboten, die bis heute – mit Variationen – die gesellschaftliche Behandlung des Abfalls bestimmen. Typisch dafür sind die mannigfachen Erscheinungsweisen einer "freudianischen" Deutung der Konsumgesellschaft, die den Abfall gewissermaßen als das "Verdrängte" der Konsumgesellschaft herausstellen: Zwar lässt sich der Müll hygienisch sammeln, aus den Städten und Siedlungen herausschaffen, aber man wird ihn doch nicht los. Irgendwann kommt er zurück an die Oberfläche, in der Form von Altlasten, Grundwasserkontamination, Dioxinbelastungen und anderem mehr.[1]

Solche Interpretationen waren und sind eingängig, aber sie muten dem Abfall auch eine enorme interpretatorische Traglast zu. Das stimuliert auf der einen Seite das Interesse der Kunst oder der Kulturwissenschaft am Müll, weil in ihm auf diese Weise eben sehr viel mehr gesehen werden kann als nur das Nebenprodukt einer modernen Einzelhandelslogistik beispielsweise. Auf der anderen Seite werden damit aber weitreichende Interpretationen an den Müll geknüpft, die sich empirisch in vielen Fällen kaum rechtfertigen lassen. Das verführt zu luftigen Thesen, die sich bei einem genaueren Blick auf die konkreten Praktiken der Abfallproduktion und -entsorgung oftmals als gegenstandslos erweisen.[2]

Viele Arbeiten zur Diskursgeschichte des Mülls für Westdeutschland haben vor allem zu wenig beachtet, dass es sich dabei, insbesondere für die Zeit seit den 1960er Jahren, um eine Konfliktgeschichte handelte. Abfallbezogene Semantiken entwickelten sich in der Auseinandersetzung mit dem Problem, eine beständig zunehmende Abfallmenge zu sammeln und vor allem zu entsorgen. Es waren daraus resultierende Konflikte, die hauptsächlich zu der Thematisierung des Abfalls in der öffentlichen Debatte führten. Schließlich wurde, so werde ich zeigen, die Art und Weise, wie über den Müll gesprochen wurde, wesentlich durch diese Auseinandersetzungen geprägt. Die hier präsentierte kleine Diskursgeschichte ist also vor allem eine kleine Konfliktgeschichte.

Fußnoten

1.
Vgl. Reiner Keller, Müll. Die gesellschaftliche Konstruktion des Wertvollen. Die öffentliche Diskussion über Abfall in Deutschland und Frankreich, Wiesbaden 20092.
2.
Vgl. Sonja Windmüller, Die Kehrseite der Dinge. Müll, Abfall, Wegwerfen als kulturwissenschaftliches Problem, Münster 2004.
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