Bunte Kaffeekapseln für Kaffeemaschinen

30.11.2018 | Von:
Olga Witt

Zero Waste. (K)ein Ding der Unmöglichkeit? - Essay

Anfang 2013 ging es mir, wie es den meisten heute noch geht: Man kommt vom Einkaufen, und schon ist der Mülleimer wieder randvoll und muss rausgebracht werden. Vielen Menschen fällt auf, dass die Verpackungsintensität stetig zunimmt und es immer schwieriger wird, sich dem zu entziehen. Mit meinem damals entstehenden ökologischen Bewusstsein fielen mir bald auch Paradoxien wie die einzeln eingeschweißte Bio-Gurke neben der losen konventionellen Gurke auf. Auflösen konnte ich für mich das Dilemma, als ich vor fünf Jahren zufällig auf den Begriff Zero Waste stieß. Für mich war dieser Zufall wie eine Offenbarung. Ich erfuhr, wie eine Familie in den USA es schafft, fast keinen Müll zu produzieren. Instinktiv war mir klar: Das ergibt Sinn, das will ich auch. Warum es tatsächlich nicht nur mein subjektives Gefühl war, sondern auch objektive handfeste Gründe dafür gibt, dass es sinnvoll ist, das eigene Müllaufkommen zu reduzieren, wurde mir erst im Laufe der Zeit klar. Und dass dieser Weg auch anderen möglich ist, dass häufig schon kleine Schritte helfen, wenn viele sie gehen, möchte ich im Folgenden zeigen.

Kunststoffe: Segen und Fluch

Deutschland ist ein sauberes und ordentliches Land, so glauben wir. Wer allerdings mal auf der Straße oder im Park alles aufhebt, was ihm oder ihr begegnet, wird schnell feststellen: So sauber ist es gar nicht. Überall liegen Flyer, Bonbonpapiere, Kronkorken, Zigarettenstummel, Kaffeebecher und sonstige Hinterlassenschaften herum, und das nicht nur in Bahnhofsnähe. Das betrifft selbst die angesehensten Stadtteile. Unser Müll landet also bei Weitem nicht immer im Mülleimer. Spätestens in der Nähe von Flüssen bekommt der Müll eine weitere Brisanz. Denn mit dem nächsten Hochwasser treiben die Abfälle langsam Richtung Meer. Und das erklärt, warum es mittlerweile mindestens fünf gigantische Müllstrudel in den Ozeanen gibt, in denen sich strömungsbedingt vor allem Plastikpartikel sammeln. Diese sind eine große Belastung für die Meerestiere, die sie mit Nahrung und mit Material für ihren Nestbau verwechseln. Die Tiere verhungern mit vollem Magen, weil sie nur Müll fressen, oder strangulieren sich selbst an herumschwimmenden Angelschnüren. Laut Greenpeace sterben so oder so ähnlich jährlich eine Million Seevögel und 100.000 Meeressäuger.

Kunststoff, dieser einzigartige Stoff, der unsere gesamte Produktwelt revolutionierte, wird so zum besonderen Problem. Durch ihre erstaunliche Haltbarkeit verschwinden Kunststoffe in der Umwelt nicht einfach. Je nach Material wird es schätzungsweise Jahrhunderte dauern, bis man wirklich von "biologisch abgebaut" sprechen kann. Was jedoch relativ rasch passiert, ist, dass Kunststoff durch Wind und Wetter in winzig kleine Partikel zerfällt, die für das menschliche Auge teilweise gar nicht mehr sichtbar sind: Mikroplastik. Und viele Plastiksorten enthalten nicht nur toxische Weichmacher, Farbstoffe oder Klebstoffe, ihre Molekularstruktur hat zudem die Eigenschaft, weitere Giftstoffe aus der Umgebung an sich zu binden. Wenn nun Kleinstlebewesen und Fische diese Teilchen fressen, lagern sie selbst die Schadstoffe in ihrem Fettgewebe ab. Mit dem Verzehr von Fisch gelangen diese dann auch in unsere Nahrungskette. Bin ich also auf der sicheren Seite, wenn ich vegan lebe? Leider nicht. Mikroplastik ist mittlerweile überall. Es ist ebenso im Meersalz zu finden wie in unserer Atemluft. Denn Mikroplastik gelangt auf ganz unterschiedliche Wege in die Umwelt: durch Kosmetikprodukte, den Abrieb von synthetischer Kleidung, Kunstrasen, Autoreifenabrieb oder Mähgeräte.

Die gesundheitlichen Folgen von Mikroplastik für den Menschen sind kaum abzusehen, da es bislang keine Langzeitstudien gibt. Inhaltsstoffe aus Kunststoffen wie Weichmacher sind wiederum leicht in unserem Blut nachzuweisen. Der bekannteste Weichmacher, Bisphenol A, darf seit 2011 nicht mehr in Babyflaschen verwendet werden, weil er als krebserregend gilt. Welche Folgen andere Weichmacher haben, ist wenig bekannt. Aber sie sind unter anderem als mögliche Ursache für den "Kreidezahn" im Gespräch – eine Erkrankung, von der etwa jedes zehnte Kind in Deutschland betroffen ist, bei der einzelne Zähne deutlich weicher sind als andere und schon beschädigt aus dem Kiefer herauswachsen. Auch wenn der Zusammenhang wissenschaftlich noch nicht erwiesen ist, besteht doch Grund zur Beunruhigung, was Motivation genug ist, den Kontakt mit solchen Stoffen auf ein Minimum zu reduzieren.

Eine weitere Mär, die gerade in Deutschland weit verbreitet ist, ist, dass all unsere Abfälle recycelt werden. In die Recyclingquote wird jedoch häufig auch das energetische Recycling eingerechnet, also die Energiegewinnung durch Verbrennen. Der Anteil des stofflichen Recyclings, bei dem der Rohstoff am Ende wieder nutzbar gemacht wird, liegt für Kunststoff laut Greenpeace bei gerade mal 25 Prozent. Energie aus Müll klingt erst mal toll. Aber erstens ist nicht nur der Wirkungsgrad äußerst gering, weil ja bereits Energie in die Produktion der Materialien gesteckt wurde, und zweitens sind die verwendeten Rohstoffe mit der Verbrennung für immer verloren. Viele dieser Rohstoffe sind nur begrenzt verfügbar, werden unter umweltschädlichen Bedingungen gewonnen und führen aufgrund ihrer Knappheit schon jetzt zu immer mehr Konflikten. Sie einfach zu verbrennen, ist also nicht nur verschwenderisch, sondern schlichtweg dumm. Übrig bleiben nur Rückstände, die durch Schwachstellen in Partikelfiltern in die Luft gelangen, hochtoxische Asche, die deponiert werden muss, sowie jede Menge CO2, das in die Atmosphäre entweicht und unser Klima verändert.

All dies macht meine Motivation aus, Tag für Tag den Weg von Zero Waste weiterzugehen: Ich möchte nicht, dass es mir passiert, dass ich "aus Versehen" Müll in meiner Umwelt verliere; ich möchte mich und meine Familie deutlich weniger bedenklichen Stoffen aussetzen; und schließlich möchte ich achtsam mit den wertvollen Ressourcen unseres Planeten umgehen. Aber wie lässt sich in unserer Gesellschaft möglichst müllfrei leben?

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Autor: Olga Witt für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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