Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Stefan Berger

Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung

Das Ruhrgebiet in der Deindustrialisierung – Weltmeister der Industriekultur

Das Ende des wirtschaftlichen Booms nach dem Zweiten Weltkrieg wird in der Regel auf das Jahr 1973 datiert. Doch im Ruhrgebiet kam die Krise bereits mit der sogenannten Kohlenkrise Ende der 1950er Jahre. Viele Wirtschaftsfachleute sahen zum damaligen Zeitpunkt darin noch eine zyklische Krise, die sicher bald wieder überwunden war. Im Verlauf der 1960er Jahre zeigte sich allerdings immer deutlicher, dass der Industriezweig trotz erhöhter Modernisierungsanstrengungen nicht von allein den Weg aus der Krise finden würde. Es kam zu ersten Zechenschließungen, und die mächtige Bergarbeitergewerkschaft organisierte Massendemonstrationen unter schwarzen Fahnen. Die schwarzen Fahnen an der Ruhr regten bei einigen Politikern Erinnerungen an die militanten Kämpfe der Zwischenkriegszeit. Doch die industriellen Beziehungen und die politische Kultur in der Region hatten sich massiv gewandelt. Die starke Versäulung in politische Milieus hatte sich aufgelöst, und die konfrontative Haltung der schwerindustriellen Unternehmer gegenüber den Gewerkschaften war einer kooperativen korporatistischen Haltung gewichen. Der "rheinische Kapitalismus" hatte sich im Ruhrgebiet nahezu in Reinform ausgeprägt, sodass Unternehmer, Gewerkschaften und staatliche Institutionen gemeinsam überlegten, wie man mit der Krise umgehen wollte. Das Resultat war die Zusammmenführung aller Steinkohlezechen in der 1969 gegründeten Ruhrkohle AG (RAG), die mithilfe einer auf Jahrzehnte angelegten Subventionspolitik für die deutsche Steinkohle weiterexistieren konnte. So erfolgte ein geregelter Stellenabbau und die zunehmende Schließung von Zechen, ohne dass ein einziger Bergarbeiter "ins Bergfreie" gefallen wäre.[13]

Als die Stahlindustrie in den 1970er Jahren in die Krise rutschte, hatten sich die wirtschaftlichen Bedingungen für eine solche korporatistische Lösung bereits wesentlich verschlechtert. Aber auch hier endeten ikonische Arbeitskämpfe, wie in Hattingen 1986/87 oder in Duisburg-Rheinhausen ab 1987, mit generösen Sozialplänen und politisch abgefederten Versuchen, den Arbeitern zu helfen, neue Arbeit zu finden, nicht zuletzt dadurch, dass neue Industrien im Ruhrgebiet angesiedelt wurden. Ein starker Sozialstaat und starke Gewerkschaften planten einen wirtschaftlichen Strukturwandel, der die Region, anders als andere schwerindustrielle Ballungsräume in der westlichen Welt, nicht zu einer postindustriellen Wüstenlandschaft mit schweren sozialen Verwerfungen abrutschen ließ. Vergleicht man das Ruhrgebiet mit dem rust belt der USA oder mit den zahlreichen schwerindustriellen Ballungsräumen Großbritanniens, wird der Erfolg des Strukturwandels im Ruhrgebiet sehr deutlich.[14]

Die Kohle- und Stahlindustrie hatten das Antlitz der Region seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dominiert. Mit der Schließung von Zechen und Stahlwerken wurden nun riesige Flächen in der Region frei, die zudem oftmals mitten in den städtischen Ballungsgebieten lagen. Wie sollte man damit umgehen? Auf einigen dieser Flächen zogen neue Industrien ein. So siedelte sich bereits in den 1960er Jahren das Bochumer Opel-Werk, 2014 wieder geschlossen, auf einem ehemaligen Zechenstandort an. Doch der Abrisshammer wurde nicht überall willkommen geheißen. Massiver Protest formierte sich Ende der 1960er Jahre gegen den Abriss der Maschinenhalle auf Zeche Zollern in Dortmund – einem Juwel des Jugendstils. Es waren in der Tat Kunsthistoriker, die gemeinsam mit Stadtplanern, Konservatoren, Hochschullehrern und Intellektuellen erfolgreich gegen den Abriss zu Felde zogen. Vielerorts gründeten sich Geschichtsbewegungen von unten, die sich für den Erhalt industriekultureller Landschaften einsetzten. Der Kampf um den Erhalt der Arbeitersiedlung Eisenheim in Oberhausen war ein wichtiger Meilenstein dieser Bewegung. Eine Allianz aus Intellektuellen und linken Stadtplanern, allen voran Roland Günter, mit den in der Arbeitersiedlung ansässigen Arbeitern konnte schließlich die lokale Politik davon überzeugen, dass eine Modernisierung und Erhaltung der Siedlung einem Abriss vorzuziehen sei.[15]

Diese Überzeugungsarbeit war oftmals schwierig. Noch bei der Schließung der Zeche Zollverein in Essen 1986 wollte die RAG den möglichst schnellen Abriss und die Sanierung des Geländes, um Kosten zu senken und Neues zu planen. Auch die Gewerkschaften waren in den 1970er und 1980er Jahren kaum Freunde der Industriekultur, ging es ihnen doch vorrangig um den Erhalt von Arbeitsplätzen, nicht um ihre Musealisierung. Doch die soziale Bewegung von unten fand mächtige politische Verbündete, vor allem in der Sozialdemokratie. Der sozialdemokratische Bauminister Christoph Zöpel integrierte die Idee des Erhalts industriekultureller Landschaften in eine moderne Konzeption von Stadtplanung, die vom Betonbrutalismus der 1960er Jahre Abschied nahm. Auf ihn geht unter anderem die Entscheidung zurück, Zollverein unter Denkmalschutz zu stellen und damit die Zerstörung des heutigen Weltkulturerbes zu verhindern. Unter der sozialdemokratischen Regierung von Johannes Rau Ende der 1970er Jahre avancierte die Industriekultur zur Leitkultur des Ruhrgebiets. Sie konnte konstruiert werden als die Kultur "des kleinen Mannes", des "aufrechten Arbeiters" und der "einfachen Leute", unter denen die Sozialdemokratie im Ruhrgebiet die meisten Wähler hatte. Die Sozialdemokratie profilierte sich als erfolgreicher Gestalter des Strukturwandels unter Beibehaltung vieler industriekultureller Standorte, die zu Museen und Landschaftsparks transformiert oder anderen Neunutzungen zugeführt wurden.

Besonders das Dekadenprojekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park in den 1990er Jahren etablierte die Industriekultur im Erinnerungshaushalt der Region. Der Gasometer in Oberhausen, der Landschaftspark Nord in Duisburg, die Jahrhunderthalle in Bochum – sie alle und viele andere industriekulturelle Ikonen des Reviers haben ihren Ursprung in der IBA. Ihr Konstrukteur, Karl Ganser, hatte die Fähigkeit, Bündnisse zu schließen und Gelder aufzutreiben für Dutzende von industriekulturellen Projekten, die auch die Ästhetik der Industriekultur in der Region verankerte. Es gab wichtige Vorläufer, etwa die Fotografien von Bernd und Hilla Becher, von Chargesheimer und von Albert Renger-Patzsch, auf deren Visualisierungen Ganser ebenso aufbauen konnte wie auf der starken Geschichtskulturbewegung von unten. Der IBA gelang es auch, die Unternehmer und die Gewerkschaften von der Industriekultur zu überzeugen. So formierte sich in und seit den 1990er Jahren eine überaus einheitliche Erinnerungslandschaft mit mächtigen Erinnerungsakteuren in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Industriekultur wurde zur Sache des rheinischen Kapitalismus.[16]

Startete die Industriekultur in den 1970er Jahren als sozialdemokratisches Projekt, so ist sie spätestens seit den 1990er Jahren zu einem überparteilichen Interesse geworden. Christdemokratisch geführte Landesregierungen sind ihr ebenso verbunden wie sozialdemokratische. Die RAG und die RAG-Stiftung haben sich zu wichtigen Förderern einer vor allem dem Erbe des Bergbaus verpflichteten Industriekultur enwickelt. Die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, die auf Initiative der RAG und des Landes NRW 1995 gegründet wurde, vereint unter ihrem Dach wichtige denkmalgeschützte Industrieanlagen des Bergbaus. Das Ruhrmuseum in Essen ist seit seinem Einzug auf der einstigen Kohlenwaschanlage auf Zeche Zollverein zu einem der besten Regionalmuseen der Bundesrepublik geworden, das den industriekulturellen Konsens in seiner Dauerausstellung ebenso nach- wie eindrücklich inszeniert. Die Industriemuseen der Landschaftsverbände Westfalen-Lippe und Rheinland sind auch international außergewöhnlich beeindruckende Museen, die wesentlich zur Institutionalisierung der kulturellen Industrie-Erinnerungslandschaft Ruhrgebiet beigetragen haben. Nach wie vor gibt es in der Region eine der lebendigsten Geschichtskulturen der Bundesrepublik, in der sich Engagement "von unten" verbindet mit zahlreichen Fördermöglichkeiten von oben und einer kooperativen Kultur des Miteinanders.

Mittlerweile kommen Delegationen nicht nur aus anderen europäischen postindustriellen Ballungsräumen, sondern aus der ganzen Welt, besonders viele derzeit aus China, um sich über Strukturwandel und Industriekultur im Ruhrgebiet zu informieren und zu lernen von einem weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus so wahrgenommen Erfolgsmodell.[17] Die Pioniere der Etablierung einer industriekulturellen Erinnerungslandschaft, wie der Gründungsdirektor des Ruhrmuseums, Ulrich Borsdorf, sind international zu gefragten Beratern geworden, wenn es um industriekulturelle Transformationen geht. Als einer der wichtigsten Förderer von industriekulturellen Erinnerungslandschaften fungiert der Regionalverband Ruhr (RVR), die heutige Nachfolgeorganisation des 1920 gegründeten SVR. Mit der gemeinsam mit dem Land NRW umgesetzten Route der Industriekultur hat er international Maßstäbe gesetzt und wesentlich zur Etablierung der Europäischen Route der Industriekultur beigetragen. 7,25 Millionen Besucher pro Jahr zählte die Route der Industriekultur im Ruhrgebiet 2018; sie sichert mittlerweile 6.000 Stellen und ist zum Aushängeschild der Tourismusindustrie in der Region geworden.[18]

Fußnoten

13.
Das Projekt "Menschen im Bergbau" (Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Bergbau-Museum) bereitet eine oral history der RAG vor. Siehe https://menschen-im-bergbau.de«.
14.
Vgl. Christian Wicke/Stefan Berger/Jana Golombek (Hrsg.), Industrial Heritage and Regional Identities, London 2018.
15.
Vgl. Janne und Roland Günter, "Sprechende Straßen" in Eisenheim, Essen 1999.
16.
Vgl. Heiderose Kilper, Die Internationale Bauausstellung Emscher Park. Eine Studie zur Steuerungsproblematik komplexer Erneuerungsprozesse in einer alten Industrieregion, Wiesbaden 1999.
17.
Vgl. Stefan Goch, Eine Region im Kampf mit dem Strukturwandel. Bewältigung von Strukturwandel und Strukturpolitik im Ruhrgebiet, Essen 2002.
18.
Vgl. Michael Kohlstadt, Auf Augenhöhe mit dem Eiffelturm, 13.11.2018, http://www.nrz.de/politik/auf-augenhoehe-mit-dem-eiffelturm-id215789997.html«.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Berger für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.