Eisbahn in der ehemaligen Zeche Zollverein in Essen

4.1.2019 | Von:
Stefan Berger

Was ist das Ruhrgebiet? Eine historische Standortbestimmung

Die Zukunft des Ruhrgebiets

Liegt die Zukunft des Ruhrgebiets also in einem industriellen theme park? Erschöpft sich die Industriekultur in einem cleveren region branding, das neue Touristenströme in die Region bringt? Ist die Ästethisierung von Kohle und Stahl nicht auch eine Verhöhnung derjenigen, die im Bergwerk und auf der Hütte eine äußerst dreckige, gesundheitsgefährdende, gefährliche und oftmals ungeliebte Arbeit machen mussten? Ist die Kommerzialisierung und Kommodifizierung von Industriekultur eine neoliberale Strategie der Enteignung derjenigen, die diese Kultur hervorgebracht haben?

Im nördlichen Ruhrgebiet wählen in einigen Regionen heute bis zu 17 Prozent die rechtspopulistische AfD. Es sind dies die Regionen, die die höchsten Arbeitslosenzahlen aufweisen, in denen die meisten Hartz IV-Empfänger wohnen, wo beinahe jedes zweite Kind in relativer Armut aufwächst. Hier gibt es viele, die am erfolgreichen Strukturwandel nicht partizipiert haben oder zumindest diesen Eindruck haben. Die AfD ist in ihren Hochburgen, ebenso wie Donald Trump im rust belt der USA oder die Rassemblement (bis Juni 2018: Front) National im Nord-Pas-de-Calais in Frankreich, Hoffnungsträger von sozial abgehängten Schichten. Die etablierten Parteien stehen hier vor einer politischen Herausforderung: Es gilt, einen neuen Solidarpakt zu schmieden, der die Schere zwischen Arm und Reich nicht immer breiter werden lässt. Die industriekulturelle Verankerung der kollektiven Erinnerung in der Region bietet hier wichtige Ressourcen, steht sie doch für eine positive Erinnerung an Solidarität und die Werte sozialer Demokratie, die weit über die Sozialdemokratische Partei hinausreichen, auch wenn die SPD historisch die vielleicht beste Inkarnation dieser Idee war. Nicht umsonst warb die AfD im Ruhrgebiet mit einem Plakat eines ehemaligen sozialdemokratischen Stadtverordneten, der zur AfD übergelaufen war, im Kittel des Bergmanns, mit den Worten: "Im Herzen Sozi. Deshalb bei der AfD".

Doch der Rechtspopulismus ist nicht die einzige Herausforderung für das heutige Ruhrgebiet.[19] Die Region, mitsamt ihres Namens, ist ein Produkt der Industrialisierung. Mit dem Ende des Bergbaus 2018 und dem absehbaren Ende des Stahls im nächsten Jahrzehnt verliert die Region die Grundlagen, die sie überhaupt zu einer Region gemacht haben. Wäre es nicht logisch, wenn dann auch die Region zu einem Ende käme? In ihren älteren Zeitschichten hat sich eine wichtige Trennlinie erhalten, die heute noch das Ruhrgebiet sichtbar durchzieht – die Trennlinie zwischen dem Rheinland und Westfalen. Die Stadt Dortmund identifiziert sich (nicht erst seit heute) stark mit dem angrenzenden westfälischen Umland. Am anderen Ende des Ruhrgebiets, in Duisburg, fühlen sich viele eng mit dem Niederrhein verbunden. Im Norden des Ruhrgebiets ist man fast Münsterländer, und im Süden, im grünen Ruhrtahl, blickt man auf die sanften Hügel des Bergischen Landes. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Ruhrgebiet auch im 21. Jahrhundert Ruhrgebiet bleiben wird. Dennoch stehen die Chancen nicht schlecht. Das industriekulturelle Narrativ ist mittlerweile zu einem wichtigen identitären Bindemittel geworden, das die Menschen im Ruhrgebiet zusammenhält. Auf dem Gasometer in Oberhausen stehend, finden hier viele, dass das Ruhrgebiet "ne geile Gegend" ist – insofern hat die Industriekultur ohne Frage die regionale Identität maßgeblich geprägt.

Allerdings wäre zu fragen: Wessen regionale Identität? Die meisten Personen, die sich hier angesprochen fühlen, inklusive des Autors, gehören wohl mittlerweile zum neuen Bürgertum, dass die Region mental dominiert. Ausgebildet weitgehend an der diversifizierten Hochschullandschaft der Region, die sich seit Gründung der Ruhr-Universität Bochum 1965 herausgebildet hat und die wohl die mit Abstand größte Erfolgsgeschichte des Strukturwandels darstellt, muss dieses neue Funktionsbürgertum nicht weit schauen, um in der eigenen Familie Berg- und Stahlarbeiter zu entdecken. Hier mischt sich das Familiengedächtnis mit dem regionalen Gedächtnis, wie es in der Industriekultur verankert ist. So ist es nicht überraschend, wenn die Industriekultur ihre begeistertsten Verfechter in den Reihen dieses Bürgertums findet. Sie pilgern zu den Klavier- und Theaterfestivals, die in den industriekulturellen Stätten behaust sind, und sie nutzen die Radfahrschnellwege auf ehemaligen Erzbahntrassen und ergötzen sich an der auf ehemaligen Halden prominent ausgestellten Skulpturen. Sie können sich abends in ihre Designermöbel sinken lassen und bei einem guten Glas Wein, wo die Flasche nicht unter fünf Euro kosten darf, gegenseitig beteuern, wie weit man in der Region und mit der Region gekommen sei.

In ihrem mentalen Horizont wird Industriekultur so zur depolitisierten Selbstbestätigung. Das wird allerdings für die Zukunft kaum ausreichen. Vielleicht ist es an der Zeit, die überbordende Industriekultur der Region wieder zu politisieren und sie zu einer agonalen Erinnerungskultur zu formen,[20] aus der politische Konsequenzen zu ziehen sind. Diese Kultur steht nämlich für Werte und Normen, die eine solidarische Gesellschaft anmahnen, in der soziale Gleichheit keine bloße Worthülse ist und in der das Versprechen von sozialem Aufstieg nicht auf Herkunft und dem Geldbeutel der Eltern beruht. Es lohnt sich, um die Politik der Zukunft zu streiten, und in diesem Streit ist die Industriekultur der Region eine wichtige Ressource. Geht man dem Streit aus dem Weg, überlässt man das Feld den Rechtspopulisten.

Fußnoten

19.
Vgl. Jörg Bogumil et al., Viel erreicht – wenig gewonnen. Ein realistischer Blick auf das Ruhrgebiet, Essen 2012.
20.
Vgl. Anna Cento Bull/Hans Lauge Hansen, On Agonistic Memory, in: Memory Studies 4/2015, S. 390–404. Eine Anwendung auf das Ruhrgebiet versucht Stefan Berger, Industrial Heritage and the Ambiguities of Nostalgia for an Industrial Past in the Ruhr Valley, Germany, in: Labor 1/2019, S. 36–64.
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